Abstract
W. Marek1, E. Marek1, K. Mückenhoff2, H.J. Smith3, N. Kotschy-Lang4 und M. Kohlhäufl5
1Institut für Arbeitsphysiologie an der Augusta-Kranken-Anstalt, Bochum, 2Institut für Physiologie, Ruhr-Universität Bochum, 3Viasys Health Care, Höchberg, 4Berufsgenossenschaftliche Klinik für Berufskrankheiten Falkenstein, 5Klinik Schillerhöhe, Zentrum für Pneumologie und Thoraxchirurgie, Stuttgart-Gerlingen
Einleitung: Die Bevölkerungsstruktur in Europa und die antropometrischen Daten der Bewohner haben sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verändert und werfen erneut die Frage nach der Verwendbarkeit der weit verbreiteten Sollwerte der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) auf, die sich auf die ventilatorische Lungenfunktion beziehen. Die EGKS-Sollwerte wurden Ende der 70er Jahre vornehmlich an Probanden im mittleren Lebensabschnitt gewonnen, für ältere Probanden muss daher eine Extrapolation über den Geltungsbereich der Sollwertfunktion hinaus durchgeführt werden, die insbesondere zu Unsicherheiten in der Beurteilung führt. Die EGKS Werte werden in Vergleich zu aktuellen Untersuchungen [1, 2, 3] als zu niedrig angesehen und sollten ersetzt werden. Methoden: Wir überprüften daher die Lungenfunktion (Spirometrie, Fluss-Volumen-Kurve und Bodyplethysmographie) an einem Kollektiv von 164 anamnestisch lungengesunden Probanden (70 Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren, 42 Männer 41 bis 65 Jahre und 52 Männer von 65 bis 90 Jahre). Die Lungenfunktionsparameter einer Gruppe von 305 älteren ehemaligen Uranbergarbeitern im Alter von 72,1 ± 4,7 Jahren, Median 72 Jahren, die an Silikose erkrankt waren, dienten als Vergleich. Ergebnisse: Der Trend in der Altersabhängigkeit der Einsekundenkapazität (FEV1) der Kontrollprobanden kann mit einer linearen Funktion (y = –0,046x + 6,12; r = 0,88) beschrieben werden. Die FEV1 lag bei den jüngeren Männern bei 108 ± 9,9% des Sollwertes, bei 105 ± 13,7% für die mittelalten und für die älteren Probanden bei 97,3 ± 12,4%. Die steilere Altersabhängigkeit wurde auch bei den übrigen untersuchten Parametern gefunden. Die dynamischen exspiratorischen Volumina, FVC, FEV1, FEV1/%FVC und die maximalen exspiratorischen Stromstärken waren in der Vergleichsgruppe der Bergarbeiter mit Silikose signifikant erniedrigt. Schlussfolgerungen: Die Messwerte der ventilatorischen Lungenfunktion von lungengesunden jüngeren Probanden liegen über den Sollwerten der EGKS, während die der älteren Probanden im Mittel leicht unter den extrapolierten Sollwerten der EGKS liegen. Der Altersgang verläuft demnach steiler als durch die EC-Referenzwerte beschrieben. Unsere Ergebnisse erlauben durchaus eine Extrapolation der Sollwerte über den angegebenen Bereich hinaus und können auch für diesen Altersbereich in die Begutachtung einfließen. Die alternativ diskutierten Sollwertgleichungen der SAPA LDIA-Studie, der NHANES- und zum Teil auch der LuftiBus-Studie liegen zwar höher, doch können sie den benötigten Umfang an Messgrößen oder den erforderlichen Altersbereich nicht abdecken. Eine multizentrische Studie zur Gewinnung aktueller Sollwerte wäre daher notwendig um eine objektive Beurteilung der Lungenfunktion auch für ältere Patienten zu finden.Correspondence to:
PD Dr. rer. nat. W. Marek; Institut für Arbeitsphysiologie, Augusta-Kranken-Anstalt, Bergstrasse 23, D-44791 Bochum
Email: [email protected]
Abstract
Atemwegs- und Lungenkrankheiten, Jahrgang 50, Nr. 3/2024, S. 111-184
Aktuelle Empfehlungen zur Lungenfunktionsdiagnostik: Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Deutsche Atemwegsliga (DAL), Deutsche Lungenstiftung (DLS) sowie Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (D
C.P. Criée1, H.J. Smith2, A.M. Preisser3, D. Bösch4, U. Butt5, M.M. Borst6, N. Hämäläinen7, K. Husemann8, R.A. Jörres9, P. Kardos10, C. Lex11, F.J. Meyer12, D. Nachtigall13† D. Nowak9, U. Ochmann9, W. Randerath14, A. Schüz15, B. Schucher16, J. Spiesshoefer17, C. Taube18, S. Walterspacher19, M. Wollsching-Strobel20, H. Worth21, M. Gappa22 und W. Windisch20
1Praxis für Innere Medizin und Pneumologie, Northeim, 2Research in Respiratory Diagnostics, Berlin, 3Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg, 4Lungenpraxis Dr. Bösch, Landshut, 5Deutsche Atemwegsliga e. V., Bad Lippspringe, 6DGP-Akademie, Berlin, 7Berlin, 8MVZ Klinikum Kempten – Praxis für Pneumologie und Allergologie, Kempten, 9Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, LMU München, 10Lungenzentrum Maingau, Frankfurt, 11Klinik für Pädiatrische Kardiologie, Intensivmedizin und Neonatologie, Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, 12Lungenzentrum München (Bogenhausen- Harlaching), München, 13Hamburg, 14Krankenhaus Bethanien gGmbH, Klinik für Pneumologie und Allergologie, Solingen, 15Atemhilfe, Berlin, 16LungenClinic, Grosshansdorf, 17Klinik für Pneumologie und Internistische Intensivmedizin, Universitätsklinikum Aachen, 18Klinik für Pneumologie, Universitätsmedizin Essen-Ruhrlandklinik, Essen, 19Klinikum Konstanz – Sektion Pneumologie, Konstanz, Universität Witten/Herdecke, Witten, 20Kliniken der Stadt Köln, Köln-Merheim, Universität Witten/Herdecke, 21Pneumologische und kardiologische Gemeinschaftspraxis, Fürth, 22Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf, Klinik für Kinder und Jugendliche, Düsseldorf
Aus der Einleitung
Messungen der Lungenfunktion stellen einen Kernbereich in der Diagnostik von Lungenerkrankungen dar und sind etablierter Standard in der diagnostischen Abklärung von Dyspnoe und Husten. Dabei stehen sehr unterschiedliche Testverfahren zur Verfügung, die jeweils mehrere und mitunter eine Vielzahl von Messparametern erlauben. Wesentlich für die Interpretation von Lungenfunktionswerten sind der Einsatz jeweils geeigneter Messverfahren, die Etablierung verlässlicher Normwerte sowie eine weiterführende Stadieneinteilung des Schweregrades einer etablierten Einschränkung. In diesem Sinne ergeben sich aus den Einschränkungen, wie sie in der Lungenfunktionsdiagnostik etabliert sind, weitere diagnostische und/oder auch therapeutische Schritte, wie sie in den Leitlinien zu den jeweils entsprechenden Erkrankungen formuliert sind, wie zum Beispiel zur chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD).
Die letzten deutschen Empfehlungen zur Lungenfunktionsdiagnostik stammen aus dem Jahr 2015 als Leitlinie zur Spirometrie [1]. 2022 wurde ein offizielles Dokument der Europäischen Fachgesellschaft (ERS = European Respiratory Society) in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Fachgesellschaft (ATS = American Thoracic Society) publiziert [2], in welchem neue Interpretationen von routinemäßigen Lungenfunktionstests vorgestellt worden sind. Betroffen sind die Spirometrie, die Bodyplethysmographie, die Diffusionskapazität, der Bronchodilatationstest sowie die Referenzwerte.
Diese Empfehlungen werden in dieser Arbeit vorgestellt und kritisch diskutiert. Darüber hinaus werden in weiteren Kapiteln die aktuellen Standards zur unspezifischen bronchialen Provokation, zur atemmuskulären Funktionsdiagnostik und zur forcierten Oszillometrie beschrieben. Die aktuelle Arbeit stellt damit eine Aktualisierung der Empfehlungen zur Lungenfunktionsdiagnostik dar. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, das ein Kompendium Lungenfunktionsdiagnostik [3] weiterführende Informationen zu den genannten Untersuchungsmethoden beinhaltet.
Prof. Dr. med. Carl-Peter Criée,
Vorsitzender der Deutschen Atemwegsliga
und
Prof. Dr. med. Wolfram Windisch,
Präsident der DGPCorrespondence to:
Prof. Dr. Carl-Peter Criée
Praxis für Pneumologie
Albert-Schweitzer-Weg 9
37154 Northeim
Email: [email protected]