Abstract
Atemwegs- und Lungenkrankheiten, Jahrgang 49, Nr. 10/2023, S. 447-462
Stellenwert der Bronchodilatator-Response bzw. Reversibilitätstestung bei der Diagnose und Therapie des Asthma bronchiale
D. Nachtigall1 und C.-P. Criée2
1Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Chiesi GmbH, Hamburg, 2Praxis für Innere Medizin und Pneumologie, Northeim
Der Bronchodilatatortest bzw. Reversibilitätstest gilt als zentrale Untersuchung für die Diagnose eines Asthma bronchiale. Dass das Ansprechen auf die Gabe eines kurzwirksamen Bronchodilatators (Short-Acting Beta-Agonist (SABA) und/oder Short-Acting Muscarinic Antagonist (SAMA)) weitergehende Informationen enthält, die über die Differenzialdiagnose obstruktiver Ventilationsstörungen hinausgehen, ist Gegenstand dieser Übersichtsarbeit zum Stellenwert des Bronchodilatatortests (BDT) beim Asthma bronchiale. Die Begriffe „Reversibilität“ und „Bronchodilatator-Response“ sollten zukünftig klar voneinander abgegrenzt genutzt werden. Für das Ergebnis des Bronchodilatatortests mit dem Kriterium > 10% des Sollwertes der Einsekundenkapazität (FEV1) bzw. der forcierten Vitalkapazität (FVC) sollte ausschließlich der Begriff Bronchodilatator-Response (BDR) verwendet werden. Die bisherigen Entscheidungskriterien für eine BDR, mit ≥ 12% und > 200 mL FEV1 oder FVC des Ausgangswertes, werden nicht mehr empfohlen. Als Reversibilität sollte zukünftig nur noch die Normalisierung einer bestehenden bronchialen Obstruktion unter Berücksichtigung des Tiffeneau-Index (FEV1/FVC) bezeichnet werden, wenn dieser unter sein Lower Limit of Normal (LLN) fällt. Der Grenzwert 0,7 anstelle des LLN wird ebenfalls nicht mehr empfohlen. Ein positives Ergebnis beim BDT ist nicht gleichbedeutend mit der Diagnose Asthma. Auch COPD-Patienten zeigen regelhaft eine positive Bronchodilatator-Response (BDR). Zudem weisen nicht alle Asthmapatienten eine positive BDR auf. Trotz der niedrigen Sensitivität zählt der BDT auch in den aktuellen GINA-Leitlinien bei der Diagnose eines Asthma bronchiale zu den Untersuchungen der ersten Wahl. Viele Patienten mit leichtem Asthma werden aufgrund der geringen diagnostischen Sensitivität des BDT nicht diagnostiziert und nicht behandelt. Demnach kann ein positiver Test dazu beitragen, die Diagnose Asthma zu sichern, während ein negativer Test keinen diagnostischen Wert besitzt. Werden Patienten mit länger bestehendem Asthma untersucht, fällt die niedrige Prävalenz eines positiven BDT auf. Dies ist nicht allein durch die gleichzeitige Therapie des Asthmas zu erklären. Eine anhaltend hohe BDR trotz regelmäßiger Asthmabehandlung kann als Risiko für eine schlechte Asthmakontrolle und einen progredienten Lungenfunktionsverlust angesehen werden. Patienten, die unter Therapie eine weiterhin hohe BDR aufweisen, profitieren von einer Intensivierung der Therapie. Der BDT kann zur Therapiesteuerung eingesetzt werden. Eine hohe BDR zu Behandlungsbeginn kann das Ansprechen auf eine Therapie unter Verwendung von inhalativen Kortikosteroiden (ICS) prognostizieren. Die Ergebnisse einer Literaturanalyse sprechen dafür, die Messung der BDR als ein wichtiges und informatives phänotypisches Merkmal in das Asthmamanagement einzubeziehen, das dazu beiträgt, Patienten mit einem Risiko für einen Lungenfunktionsverlust und/oder Exazerbationen zu identifizieren und das Therapieansprechen zu monitoren.Correspondence to:
Dr. med Detlef Nachtigall
Geibelstraße 24T
22303 Hamburg
Email: [email protected]
Abstract
Atemwegs- und Lungenkrankheiten, Jahrgang 50, Nr. 3/2024, S. 111-184
Aktuelle Empfehlungen zur Lungenfunktionsdiagnostik: Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Deutsche Atemwegsliga (DAL), Deutsche Lungenstiftung (DLS) sowie Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (D
C.P. Criée1, H.J. Smith2, A.M. Preisser3, D. Bösch4, U. Butt5, M.M. Borst6, N. Hämäläinen7, K. Husemann8, R.A. Jörres9, P. Kardos10, C. Lex11, F.J. Meyer12, D. Nachtigall13† D. Nowak9, U. Ochmann9, W. Randerath14, A. Schüz15, B. Schucher16, J. Spiesshoefer17, C. Taube18, S. Walterspacher19, M. Wollsching-Strobel20, H. Worth21, M. Gappa22 und W. Windisch20
1Praxis für Innere Medizin und Pneumologie, Northeim, 2Research in Respiratory Diagnostics, Berlin, 3Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg, 4Lungenpraxis Dr. Bösch, Landshut, 5Deutsche Atemwegsliga e. V., Bad Lippspringe, 6DGP-Akademie, Berlin, 7Berlin, 8MVZ Klinikum Kempten – Praxis für Pneumologie und Allergologie, Kempten, 9Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, LMU München, 10Lungenzentrum Maingau, Frankfurt, 11Klinik für Pädiatrische Kardiologie, Intensivmedizin und Neonatologie, Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, 12Lungenzentrum München (Bogenhausen- Harlaching), München, 13Hamburg, 14Krankenhaus Bethanien gGmbH, Klinik für Pneumologie und Allergologie, Solingen, 15Atemhilfe, Berlin, 16LungenClinic, Grosshansdorf, 17Klinik für Pneumologie und Internistische Intensivmedizin, Universitätsklinikum Aachen, 18Klinik für Pneumologie, Universitätsmedizin Essen-Ruhrlandklinik, Essen, 19Klinikum Konstanz – Sektion Pneumologie, Konstanz, Universität Witten/Herdecke, Witten, 20Kliniken der Stadt Köln, Köln-Merheim, Universität Witten/Herdecke, 21Pneumologische und kardiologische Gemeinschaftspraxis, Fürth, 22Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf, Klinik für Kinder und Jugendliche, Düsseldorf
Aus der Einleitung
Messungen der Lungenfunktion stellen einen Kernbereich in der Diagnostik von Lungenerkrankungen dar und sind etablierter Standard in der diagnostischen Abklärung von Dyspnoe und Husten. Dabei stehen sehr unterschiedliche Testverfahren zur Verfügung, die jeweils mehrere und mitunter eine Vielzahl von Messparametern erlauben. Wesentlich für die Interpretation von Lungenfunktionswerten sind der Einsatz jeweils geeigneter Messverfahren, die Etablierung verlässlicher Normwerte sowie eine weiterführende Stadieneinteilung des Schweregrades einer etablierten Einschränkung. In diesem Sinne ergeben sich aus den Einschränkungen, wie sie in der Lungenfunktionsdiagnostik etabliert sind, weitere diagnostische und/oder auch therapeutische Schritte, wie sie in den Leitlinien zu den jeweils entsprechenden Erkrankungen formuliert sind, wie zum Beispiel zur chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD).
Die letzten deutschen Empfehlungen zur Lungenfunktionsdiagnostik stammen aus dem Jahr 2015 als Leitlinie zur Spirometrie [1]. 2022 wurde ein offizielles Dokument der Europäischen Fachgesellschaft (ERS = European Respiratory Society) in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Fachgesellschaft (ATS = American Thoracic Society) publiziert [2], in welchem neue Interpretationen von routinemäßigen Lungenfunktionstests vorgestellt worden sind. Betroffen sind die Spirometrie, die Bodyplethysmographie, die Diffusionskapazität, der Bronchodilatationstest sowie die Referenzwerte.
Diese Empfehlungen werden in dieser Arbeit vorgestellt und kritisch diskutiert. Darüber hinaus werden in weiteren Kapiteln die aktuellen Standards zur unspezifischen bronchialen Provokation, zur atemmuskulären Funktionsdiagnostik und zur forcierten Oszillometrie beschrieben. Die aktuelle Arbeit stellt damit eine Aktualisierung der Empfehlungen zur Lungenfunktionsdiagnostik dar. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, das ein Kompendium Lungenfunktionsdiagnostik [3] weiterführende Informationen zu den genannten Untersuchungsmethoden beinhaltet.
Prof. Dr. med. Carl-Peter Criée,
Vorsitzender der Deutschen Atemwegsliga
und
Prof. Dr. med. Wolfram Windisch,
Präsident der DGPCorrespondence to:
Prof. Dr. Carl-Peter Criée
Praxis für Pneumologie
Albert-Schweitzer-Weg 9
37154 Northeim
Email: [email protected]