Atemwegs- und Lungenkrankheiten, Jahrgang 30 - November 2004 (0 - -1)

Es begann an einem grauen Bochumer Novembertag
J. Meier-Sydow

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DOI 10.5414/ATP30000

Abstrakt

Zunächst: Der Titel besagt bereits, daß es um persönliche Erinnerungen geht, drei an der Zahl. Ich darf erwähnen, daß Herr Professor Reichel, Bochum, und Herr Werner R. Steinhäusser, Würzburg, meinem Gedächtnis freundliche Nachhilfe gewährt haben. Sehr herzlichen Dank Ihnen beiden, sie sind heute unter uns.

Die erste Erinnerung:
Es begann an einem grauen Novembertag 1965 in Bochum, grau wegen des Smogs, grau wegen der damals noch nicht renovierten Häuserfassaden, grau wegen der noch sichtbaren Spuren des Bombenkrieges. Eines aber war nicht grau: die Stimmung der Menschen in jenen Aufbaujahrzehnten; die Menschen waren voller Zuversicht.
Professor Ulmer hatte damals zu einer Tagung über das Thema “Atemwegsobstruktion” nach Bochum eingeladen, und es trafen sich eine Reihe von Internisten, Pneumologen, Pathologen und nicht zuletzt Physiologen. Gegen Ende der Verhandlung – wir Zuhörer waren stundenlang eingeklemmt in die martialisch-unbequemen Holzbänke des alten Hörsaals – wurde uns eröffnet, daß noch etwas zu erledigen sei. Dieses für den Schluß der Tagung aufgehobene Etwas erwies sich indessen als eine gewichtige Sache, es handelte sich um nichts weniger als darum, eine neue wissenschaftliche pneumologische Gesellschaft zu bilden. Bereits nach etwa einer Stunde “Nachsitzung” war sich die offenbar gut eingestimmte Versammlung einig, und somit wurde die “Gesellschaft für Lungen- und Atmungsforschung” gegründet. Professor Ulmer mag mit seiner Idee lange Zeit schwanger gegangen sein, die Geburt aber ging schnell und komplikationslos vonstatten.
Nach meiner Erinnerung waren wir damals etwa 30 bis 40 Gründungsmitglieder, und sehr bald vergrößerte sich der Kreis. Von uns Jüngeren abgesehen, sind da bekannte Namen zu nennen wie (in alphabetischer Reihenfolge) Bartels, Giese, Hauss, Hertz, Loeschcke, Meessen, Otto, Schoedel und andere mehr. Angesichts dieser Phalanx angesehener Namen bleibt anzumerken: Auch Professor Ulmer gehörte damals mit seinen 41 Jahren zu “uns Jüngeren”. Aber er hatte eben bereits eine leitenden Stellung inne, und er war Professor!
Schon der Name der neugeborenen Vereinigung bewies den Weitblick des Gründers: Es fehlte das Wort “Deutsche”, und sogleich waren unsere Freunde aus Österreich und aus der Schweiz mit uns im Boot, bald auch als Tagungspräsidenten (Herzog, Muhar). Noch ein Beispiel dieses Weitblicks: Wir hatten in der Titelgebung “Lungen- und Atmungs-Forschung” das Organ Lunge in seiner Gesamtheit erfaßt, also nicht nur etwa seine Physiologie und Pathophysiologie. Schon die folgende erste Tagung der Gesellschaft wurde von einem Pathologen, Professor Giese, geleitet.
Daß anläßlich der Gründung der Ruhr-Universität in Bochum weitere Wissensgebiete quasi auch um das Organ Lunge gruppiert werden konnten, so die Pädiatrie, die Immunologie, die Pharmakologie und weiterhin die Physiologie, sei hier nur angedeutet. Und daß in späterer Zeit zwei Frankfurter, Professor Schultze-Werninghaus und Professor Merget, ihre Positionen in diesem Bochumer Kreis gefunden haben, erfüllt mich selbst mit Freude und auch Stolz.

Die zweite Erinnerung:
Mein ehemaliger Frankfurter Chef, Professor Joachim Frey, der übrigens sehr früh die Bedeutung der Pneumologie für die Innere Medizin erkannte, hatte Professor Ulmer, kennengelernt und kurze Zeit später an einem Urlaubsort wiedergesehen. Er berichtete mir: “Ich habe Ihren Herrn Ulmer getroffen” – “Ihren Herrn Ulmer”, so waren seine Worte, “hat der aber einen energischen Gang!” Nun, Professor Frey war eben ein guter Beobachter und Menschenkenner: Er hat recht behalten!

Die dritte Erinnerung:
Wir könnten Professor Ulmer getrost “Mr. Uras” oder “Mr. Plethysmograph” nennen. Dies wäre zwar eine ungehörige Einengung der Beschreibung seiner wissenschaftlichen Persönlichkeit. Dennoch zum Stichwort Plethysmograph: In jenem Jahr 1965 war ich schon einmal in Bochum gewesen, um dieses Gerät, diese Methode kennenzulernen, ich erinnere mich wie folgt an diesen Tag. Nach der Stationsvisite durch Professor Ulmer führte mich Herr Privatdozent Reichel ins Institut, und zunächst sah ich ein großes kastenförmiges, häßliches, zusammengeflicktes Gebilde, schrecklich anzusehen, offenbar einen Prototyp. Ich fragte mich leise: Was ist denn das für ein “Leukoplastbomber”? Aber, nur einen Raum weiter stand, in strahlendem Weiß, das Jaeger-Gerät. Und zwar stand es nicht – wir sind schließlich im Institut Ulmer! – sondern es lief bereits auf vollen Touren, im Rahmen einer Studie.
Seither sind 40 Jahre vergangen. Aber die Grundelemente des Geräts, die Kastenform der Kammer, der Siebpneumotachograph und die technische Auflage, die Ruhe-Atmungskurve zu registrieren anstelle der Messung lediglich des Atemwegswiderstandes (realisiert zunächst mittels eines sogenannten Rückatmungsbeutels, in der späteren Entwicklung auf elektronischem Wege in Form der automatischen Schleifenkorrektur), diese drei technischen Grundelemente haben sich in 40 Jahren nicht verändert, sie scheinen also nicht verbesserbar zu sein.
Solche Konstanz einer Basistechnik ist selten. Zur Erläuterung sei das Beispiel des Volkswagens angeführt: Der “Käfer” ist über 60 Jahre praktisch unverändert vom Band gelaufen. Und ich bin mir bei diesem Vergleich sicher: Die noch fehlenden 20 Jahre wird der Plethysmograph auch schaffen!
Drei Erinnerungen an Prof. Ulmer, drei Bilder seiner Persönlichkeit, wenn auch nur seiner beruflichen Persönlichkeit und jenseits vom eigentlichen Arzttum: Weitblick, Energie, Kreativität und eine glückliche Hand.
Zu diesem 80. Geburtstag habe ich noch ein Motto gesucht, ich fand sogar zwei, Sprüche aus der Werbebranche: “Nichts ist unmöglich!” und “Es gibt noch viel zu tun – packen wir’s an!”

Prof. Dr. J. Meier-Sydow, Bad Homburg

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J. Meier-Sydow.Es begann an einem grauen Bochumer Novembertag. 2004; 30: 0--1. doi: 10.5414/ATP30000.

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