Abstrakt
I Klinische Studien
Ich habe es schon immer schwer gefunden, an Informationen über laufende pneumologische oder pneumologisch-onkologische Studien zu gelangen, sofern ich nicht von Anfang an in eine solche – in welcher Funktion auch immer – eingebunden war. Um wieviel trostloser muß die Situation für die nicht klinisch vernetzten niedergelassenen Kollegen aussehen: Gesetzt, sie behandeln jemanden, von dem sie annehmen, daß sein Zustand sich entscheidend bessern ließe, könnte er an einer Studie teilnehmen, in der ihm ein neues, bisher nicht erprobtes, aus arzneimittelrechtlichen Gründen aber nur innerhalb dieser Studie zugelassenes Medikament verabreicht würde; von den Kosten eines gelegentlich möglichen individuellen Heilversuchs einmal ganz abgesehen.
Telefonate mit größeren Kliniken, auch Universitätskliniken, bringen allenfalls ein Schulterzucken hervor; die präzisesten Informationen, die je zu erhalten sind, sind vage Andeutungen oder bequeme Ausflüchte wie z. B. “ja, ich habe da was gehört, da muß irgendwas im Gange sein. Ruf doch mal den oder den an...” Das tut man dann höchstens zwei- oder drei Mal, bis man entmutigt aufgibt. Am Ende herrscht der Eindruck vor, daß klinische Studien, wenn sie überhaupt geplant werden, sich auf ein einziges Zentrum beschränken, das 1. keinerlei Rekrutierungsprobleme hat (was ich mir nicht vorstellen kann), und das 2. diese Studie bis zur Publikation möglichst geheim hält (was ich mir durchaus vorstellen kann).
Nein, hier ist kein Ressentiment im Spiel, nur der Verdacht, daß genau aus diesen zwei Gründen jene Untersuchungen wegen nicht ausreichender Patientenzahlen und unprofessioneller Durchführung im Sande verlaufen oder – tatsächlich zum Abschluß gebracht – im internationalen Maßstab nicht viel gelten. Die Omalizumab (= Anti-IgE-Antikörper)-Studien wurden nicht von deutschen Autoren federgeführt [1, 2, 3], obwohl auch hier viel Wind gemacht wurde. Man hört, daß Sildenalfil- oder entsprechende Folge-Studien laufen, Gießen soll die Zentrale sein, aber eine Einladung zur Teilnahme hat uns bisher nicht erreicht, etc.
Glücklich die Kardiologie: Jeder Kardiologe besitzt ein etwa 400-Seiten starkes Buch mit Akronymen. Jedes Akronym entspricht einer derzeit anhängigen Studie. Ziel, Design, Ein- und Ausschlußkriterien, Studienzentrum und Studienleitung nebst Telefon, Fax und E-Mail sind vermerkt. Der Inhalt wird laufend aktualisiert, so daß man nicht erst dann davon erfährt, wenn der Rekrutierungszeitraum abgelaufen ist.
Aber das soll jetzt auch bei uns anders werden. Da die Industrie ohnehin die meisten Großprojekte sponsort, übernimmt sie mittlerweile auch die Anwerbung von Patienten: In der April- und Mai-Ausgabe von CHEST erscheint eine zweiseitige Anzeige der Firma Intermune, in der außerordentlich detailliert eine internationale multizentrische randomisierte Phase-III-Studie zur Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose (IPF) mit rekombinantem IFN-g 1b vorgestellt wird. Der Name der Studie: INSPIRE. Die Einzelheiten sind unter der Homepage www.inspiretrial. com. abzurufen. Zwar wissen wir aus der Untersuchung von Ganesh Raghu an IPF-Patienten (Kommentar siehe Atemwegs- und Lungenkrankheiten 30 Nr. 2/2004: 49 – 55), daß für die Gesamtgruppe der 330 Patienten nach 20-monatiger Behandlung kein statistisch signifikanter Überlebensvorteil resultiert. Die geplante Untersuchung schließt jedoch 600 Patienten in lungenfunktionell besserem Zustand ein, Beobachtungszeit: mehr als zwei Jahre. Diese Untergruppe hatte in der zitierten Vorstudie in der Tat eine geringere Mortalität aufgewiesen als die entsprechende Plazebogruppe. Das soll durch die neue Studie erhärtet werden. “Inspire is now enrolling patients”.
Deutscher Leiter der klinischen Prüfung ist Professor Ulrich Costabel/Ruhrlandklinik Essen-Heidhausen. Weitere Studienteilnehmer/und -zentren sind die Professoren Behr/ München-Großhadern, Bonnet/Bad Berka, Buhl/Mainz, Müller-Quernheim/Freiburg, Schaberg/Rotenburg a.d. Wümme, Vogelmeier/Marburg.
Also anrufen und anmelden!
II Schnarchende Helden
Apneos Corporation steht auf dem Emailleschild. Also Atemstillstand in Neogriechisch. In diesem Gebäude am Rande der Welt residieren noch weitere seltsame Firmen. Geht man die Liste durch, so stößt man auf Herzstillstand, Null-Linie und ganz unten: Hirntod e.V. Durch die Korridore streicht das parfümierte Flair des Dekonstruktivismus. Gegenüber, bevor die Chaussée abrupt endet und ins kosmische Dunkel umknickt, Treibsand, ein Straßencafé. Abends sorgt dort eine Blechbläsercombo, Einstürzende Neubauten, für zwiespältige Unterhaltung. Aber nun seis drum, Philipp Marlowe!
Apneos Corporation gibt es wirklich. Man findet sie in der 2033 Ralston Avenue 4, Belmont CA (USA), sie verfügt über eine eigene Homepage www.apneos.com. und läßt sich publizistisch vertreten durch John G. Sotos, MD, der im Septemberheft 2003 von CHEST ein materialreiches medizinhistorisches Gedankenspiel über William Howard Taft und sein nachträglich diagnostiziertes Schlaf-Apnoe-Syndrom veröffentlichte [4]. Apneos kümmert sich, wenn ich es recht verstehe, in gesundheitspädagogischer und -präventiver Absicht um die Popularisierung dieser Krankheit, indem sie anhand von prominenten historischen Beispielen Verbreitung und Auswirkungen demonstriert. Ein bißchen paläomedizinische Neugier ist auch dabei, seit die offizielle Medizingeschichte ihr Interesse an dem Zusammenhang von Genie, Krankheit und Produktivität verloren hat. Leo Navratil war der Letzte, der mit der Muse Schizophrenie noch Furore machte. Und ein bißchen waghalsiger laienhistorischer Spekulationismus, der sich an die weltgeschichtlichen Folgen der intellektuellen Defizite knüpft. Denn wäre die Geschichte nicht doch anders verlaufen, hätte kein chronisch schläfriger Präsident oder Imperator die Fäden in der Hand gehabt?
William Howard Taft, Präsident der Vereinigten Staaten von 1909 – 1913, war der fetteste Präsident in der Geschichte der USA. Auf dem Zenit seiner Macht wog der 182 cm große Mann 156 kg, das entspricht einem BMI von 47 kg/m2. Zeitgenössische Fotos zeigen ihn als bräsigen, wächsernen Koloß mit schweren Augenlidern. Seine bereits während der Präsidentschaftskampagne auffällige Tagesmüdigkeit führte dazu, daß er selbst auf der Rednertribüne einnickte. Als Präsident schließlich schlief er überall und zu jeder Zeit ein: während einer Unterredung mit dem obersten Bundesrichter, in einem Gespräch mit der Frau des französischen Botschafters, in der Oper, beim Unterzeichnen von Gesetzestexten in Gegenwart seiner Minister. Die öffentlich registrierte Somnolenz ging so weit, daß bezweifelt wurde, ob er als Entscheidungsträger überhaupt noch in Frage kam. Bei einer Musikvorführung schnarchte er so laut, daß die Veranstaltung abgebrochen werden mußte. Sein getreuer Chronist Archibald Butt, dem wir die tägliche Aufzeichnung der präsidialen Symptome verdanken, versank im April 1912 mit der Titanic. J.G. Sotos gelangt ohne Mühe zu der Schlußfolgerung, eine obstruktive Schlafapnoe sei die wahrscheinlichste Erklärung für Tafts überwältigende Schläfrigkeit. Die erste wichtige Frage ist: War Taft behindert, also unfähig, seinen Obliegenheiten als Präsident nachzukommen? Zumindest einer seiner Senatoren schien dies zu vermuten, wenn er Tafts Mangel an Entscheidungsfähigkeit auf seine exzessiven Eßgewohnheiten zurückführt und damit auch seine Gedächtnisstörungen erklärt. Die offizielle Biographie sieht das anders und taucht alles in ein mildes Licht: Taft sei trotz seiner, rückblickend gesehen, pathologischen Tagesmüdigkeit durchaus zur verantwortlichen Erfüllung seiner präsidialen Pflichten in der Lage gewesen. Mit dieser medizinischen Rehabilitation der Würde des Amtes verbindet sich die zweite wichtige Frage: wäre die Geschichte anders verlaufen? Müßig, denn zum Glück lebte Taft in einer ruhigen, fast schläfrigen Zwischenkriegsphase. Sein Nachfolger für den ersten Weltkrieg und den Völkerbund war Woodrow Wilson (1913 – 1921). Jede Epoche hat den Präsidenten, den sie verdient – oder braucht.
Bei Napoleon ist die Beweislage vergleichsweise dürftig. Es gibt keinen tragisch ertrunkenen Chronisten, keinen Adlatus, der jede physiologische Tagesbesonderheit notiert hätte. Im übrigen wäre dies u. U. der Legende auch abträglich gewesen, die der Halbgott ja bereits zu Lebzeiten verbreitete. Niemand weiß zum Beispiel, ob er geschnarcht hat. Keiner seiner Zeitgenossen hat je darüber berichtet, auch Joséphine nicht, die es hätte wissen müssen. Daß man in der Oper einschlief, gehörte zum guten Ton und war Zeichen von Vielbeschäftigtheit und Überarbeitung. Mit seinen Hämorrhoiden und seiner Verstopfung hat er ohnehin nie hinterm Berg gehalten. Bilder, genauer gesagt Gemälde und Skulpturen, sind die wesentlichen Anhaltspunkte für die Frage von Chouard und Kollegen aus der HNO-Abteilung des Hôpital Saint-Antoine in Paris: “Hatte Napoleon ein Schlaf-Apnoe-Syndrom?” [5]. Er war relativ kleinwüchsig und – in späteren Jahren – korpulent, wenn man das unübersehbar vorstehende Kugelbäuchlein, den Embonpoint, in Betracht zieht. Auf allen Portraits ein kurzer, dicker Hals. Die Möglichkeit eines Überbisses (rétrognathie) wird erwogen aber sie kann, da die diversen Marmorbüsten in dieser Hinsicht inkonsistent sind, nicht eindeutig bejaht werden. Hatte er eine dicke Zunge (une hypertrophie linguale)? Ein breiter Unterkiefer mit einem betonten Kinnwinkel lasse dies vermuten, meinen die Autoren. Wie steht es um die Tagesschläfrigkeit? Napoleon war ein Kurzschläfer wie viele andere hochintelligente Energiemenschen auch. Daraus ein frühes Symptom pathologischer Schlaffragmentierung zu machen, wie die Autoren es nahelegen, ist Unsinn. Ab 1812 allerdings wird von imperativen Schlafattacken berichtet, die an Narkolepsien denken lassen. Auf einem Portrait von 1814 [6] sieht man ihn zusammengesunken auf einem Stuhl sitzen, mit einem über die Rückenlehne geschlagenen Arm sich eben noch aufrecht haltend, dem Betrachter das mürrisch stumpfe Gesicht zugewandt, eine verschwitzte Haarsträhne über die Stirnglatze gelegt, die Beine in den schmutzigen Schaftstiefeln bequem gespreizt, ein oder zwei Knöpfe der engen Weste zur Entlastung gelöst: müde, erschöpft, ausgepowert. In Briefen klagt er über zunehmende Müdigkeit und eine Einbuße intellektueller Spannkraft. Nach Auskunft seiner Biographen hat das zum militärischen Versagen beigetragen: er trödelt in Rußland, er “verschläft” den entscheidenden Schachzug in Wilna und in Witebsk, er versackt vor Moskau. Seine taktischen Irrtümer hätten die Niederlage bei Waterloo besiegelt. Man könnte auch behaupten: Die Gegnerschaft hatte sich formiert. Rußland im Winter wurde auch späteren Kriegern zum Massengrab. Napoleon war verbraucht aber ehrgeizig nach wie vor. Da Chouard und Mitarbeiter jedoch zäh und – wie anders – frankophil und nationalgesinnt an der Hypothese festhalten, Napoleons militärische Niederlagen seien die Folgen Schlaf-Apnoe-bedingter kognitiver Defekte, müssen sie zum guten Schluß darüber spekulieren, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte die Medizin schon damals die Erkrankung erkannt und über wirksame Behandlungsmethoden verfügt: Rußland besiegt, Deutschland und England ebenfalls. Ein Großeuropa, eine frühzeitig konstituierte Europäische Union unter der milden Vorherrschaft des Kaisers. Der Erste und zweite Weltkrieg wären uns erspart geblieben, kein Nationalismus, kein Faschismus, kein Kommunismus. Das blutige 20. Jahrhundert nur ein Alptraum? Und der unsterbliche Held mit Unterkieferspange, Tracheostoma und CPAP-Gerät in der Dampfmaschinenversion.
III Körper
Nah dran: Hauptmotiv einer Nokia-Telecom-Handy-Werbung. Versprochen wird die noch bessere Übersicht über Sportereignisse. Aber die Kamera sitzt im Ball, der von den Spielern hin und her geschubst und herumgedribbelt wird, froschähnlich durch die hohen Grashalme gleitet, bevor ein gewaltiger Stoß mit der Stiefelspitze direkt gegen meine Stirn ihn in schwindelnde Höhen befördert, woraufhin er dann torkelnd abstürzt und mit dem nackten Schädel von Lisarazu oder Zidane zusammenprallt. Nach dieser Erschütterung darf er endlich auf dem Boden in die Maschen des Tornetzes rutschen. Beim Zusehen begleitet einen, da man ja der malträtierte Ball selbst ist, eine beständige Übelkeit, als säße man in der Achterbahn oder ließe sich als Sparringspartner irgendeines Boxers wehrlos die Birne zertrümmern. Aber was für ein Unsinn: Wie soll man als Getretener die Übersicht behalten? Eher flieht man, sucht nach Auswegen, schließt die Augen, verpustet und bittet um Schonung. Doch die Gewalt, die einem angetan wird, folgt dem unerbittlichen Gesetz des Werbespaßes. Bis man sich schließlich, in Ruhe gelassen, erschöpft und von Blutergüssen und blauen Flecken übersäht, hinter der Torlinie zusammenrollen kann. Am Ende wird man für die Qual belohnt und in das ersehnte technische Spielzeug verzaubert: Da liegt nämlich auf einmal statt eines Balls (Schnitt) so ein glänzend buntschimmerndes piepsendes Ding mit seinem winzigen aufklappbaren Fernsehschirmchen im Gras.
In Wahrheit ist dies also nicht das Märchen vom Frosch, der sich in einen Prinzen sondern die bizarre Geschichte vom Masochisten, der sich in einen Automaten verwandeln möchte. Warum? Um die Zurichtungen, denen er sich freiwillig noch unterziehen zu müssen glaubt (mit dem Ziel unentwegter Lachlust, hingebungsvoller Demütigungbereitschaft, einer grenzenlosen Affizierbarkeit für Vergnügungen jeder Art und dieser begeistert und willfährig vollzogenen Austrocknung eigener Verstandeskräfte), schmerzfrei überstehen zu können. Denn auch der Masochismus erschöpft sich.
Weil ich eventuellen Knüffen entgehen möchte, unabsichtlich geführten Ellbogenstößen, die in einer dichten Menschenmenge nicht ausbleiben, aber auch gezielten Schlägen auf meine Oberbauchregion, die mit Klammernähten gespickt ist und stark spannt, wenn ich mich aufzurichten versuche, halte ich beide Hände zu Schalen geformt schützend davor, als müsse ich eine Schwangerschaft absichern oder ein Haarknäuel am Hinterkopf mit einer anmutigen Geste vollenden.
Heute wurden die 43 quer über meinen Bauch aufgereihten Nickelklammern mit einer eigens dafür vorgesehen Zange entfernt. Es ging schnell. Dort wo der Draht bereits von rötlich-geschwollener Haut umgeben war, die überdies noch schorfte, gab es beim Herausziehen immer einen merklichen Stich. Der Rest der Narbe erwies sich als taub.
Ich gehe jetzt unbeschwerter. Nachmittags chauffierte mich ein Freund im Wagen zu seinem Rohbau. Die leichten Rucke, wenn wir über Unebenheiten holperten oder in Schlaglöcher gerieten, erzeugten einen unangenehm ziehenden Schmerz bis hin zum Brechreiz. Aber das hielt nur kurz an. Während wir, nachdem wir uns am Bauzaun vorbei gezwängt hatten, durch die zugigen Räume gingen mit ihren rohen Betonwänden und ihren offenliegenden Elektrokabeln, die sich in ausgehämmerten Furchen über die Wand zogen und da und dort mit einem Klacks von weißem Verputz fixiert waren, sah ich durch die leeren Fensteröffnungen nach draußen. Es gab in diesem dichtbesiedelten Viertel einige unbebaute Areale. Hier wuchs Gerste, eine spärliche, lückenbüßerische Sorte, deren Grannen vom lauen Wind in eine gemeinsame Richtung gebeugt wurden. Aufwirbelnder Staub wäre angemessen gewesen, aber es ergab sich nicht. Lediglich diese beruhigende Monotonie alleingelassener Flächen mit wildem Bewuchs. »All that was left of the prefabs were the big slabs of the foundations. I went and stood on one. Running across the slab were grooves where the walls had been. Weeds that looked like small lettuces grew in the grooves. I walked along the lines of the walls, and thought how strange it was that a whole family could live inside this rectangle of concrete. I took off my shirt and spread it on the floor in the centre of the largest room. I lay down on my back and stretched out my hands on the ground so that my fingers caught the sun« [7].
Schon morgens um fünf Uhr im Kuhstall spann er die großen Reden vom Vorabend weiter oder improvisierte selbstgefällig die noch geplanten. Sie machte sich todmüde am Euter zu schaffen, rieb ihn mit Fett ein, bevor sie an den Zitzen zerrte. Oder sie schüttete den vor Gier qiekenden Schweinen das Kraftfutter aus dem aufgeschlitzten Sack in die Raufe. Schließlich saß sie auf ihrem Hocker, während er auf die Mistgabel gestützt weiterhin der Musik in seinem Kopf zuhörte. Nachdem sie den Kindern das Frühstück gemacht hatte, setzte sie sich neben ihre weiße dickwandige Kaffeetasse ans Tischende, ließ den Kopf auf die Brust sinken und schlief ein.
Renée Zucker verfaßt einmal in der Woche unter dem Titel Zimt eine Kolumne für die Frankfurter Rundschau. Neulich war sie in Indien und hat lustige und nachdenkliche Geschichten aus Dehli und Kalkutta mitgebracht. Zurück in Deutschland, las sie in den Gazetten von der amerikanischen Foltergeschichte in Bagdad und mußte dazu natürlich auch etwas sagen. Da aber schon so Vieles gesagt worden ist, will sie es auf ihre besondere Art tun. Ihr fällt auf, daß unter den abgebildeten Kriegsverbrechern eine Frau ist, eine Täterfrau, sich spreizend neben ihren Trophäen, dem nackten Häuflein Opfer-Elend. Herausfordernd, die Zigarette im Mundwinkel, Daumen im Gurt verhakt. Die “entsetzliche” Botschaft der Videos laute: “Seht her, was der Westen euch Barbaren an Frauenemanzipation zu bieten hat.”
War Lady Macbeth emanzipiert? An diesem und englischem Maß gemessen, ja. Es kostete sie allerdings einige Mühe; denn mußte sie sich nicht, weil sie ihre Verwandlung in eine Killermaschine selbst als widernatürlich empfand, Gewalt antun und darum die Geister der Finsternis zu Hilfe rufen? So grotesk es klingt, sie opfert sich: »Kommt, Geister, die ihr lauscht / Auf Mordgedanken, und entweibt mich hier (unsex me here); / Füllt mich vom Wirbel bis zur Zeh‘, randvoll / Mit wilder Grausamkeit! Verdickt mein Blut; / Sperrt jeden Weg und Eingang dem Erbarmen, / Daß kein anklopfend Mahnen der Natur / Den grimmen Vorsatz lähmt; noch friedlich hemmt / Vom Mord die Hand! Kommt an die Weibesbrust, / Trinkt Galle statt der Milch, ihr Morddämonen! « [8].
Renée Zucker beschließt ihren Kommentar mit dem erstaunlichen Ausruf: “Mein Abu Ghraib, ein Gefängnis nur zwanzig Meilen westlich von meinem Herzzentrum in Bagdad, schmerzt vor Scham”. Warum nicht Empörung, Widerwillen, Entsetzen, Wut, Ekel, Zorn, Abscheu? Warum ausgerechnet Scham?
Am Tag des Martyriums brechen längst verheilte Narben auf, und das Blut ergießt sich über die Unschuldigen. Die schmerzende Wunde ist Mahnung an vergangenes Unrecht. Möglich, daß diese Form des unmittelbaren Kontakts mit der Passionsgeschichte über eine große zeitliche und räumliche Distanz hinweg zu den magischen Überresten christlicher Tradition zählt. Vielleicht aber ist der »moralische Körper« heutzutage auch nur noch ein feministisches Trostpflaster. Verwandelt in ein Gefäß des (Mit)Leidens erduldet der moralische, entsexualisierte weibliche Körper die vergangene Missetat, als widerfahre sie ihm leibhaftig; er erhält die Erinnerung daran aufrecht, indem er sie als Verletzung und veritablen Schmerz erlebt. Aber die skandalöse Tat soll durch dieses Opfer zugleich auch ungeschehen gemacht werden. Die Doppelbedeutung von Scham [9] erlaubt es im übrigen, die Fiktion zu nähren, man empfände sie und könne sie – durch Projektion auf den anatomischen Ort – zugleich auch körperlich spüren. So beglaubigt eine Fleischwunde die Seelennot. Körper lügen nicht. Nun, das mag pures Wunschdenken sein, ein lexikalischer Kurzschluß gewissermaßen. Zentral an diesen Gedanken aber ist: durch die Entsexualisierung ihres Körpers büßt die Schmerzensfrau für die Verfehlungen ihrer Schwestern. Scham hat etwas mit Buße zu tun.
Scham ist Ausdruck schuldbewußter Verlegenheit und zugleich – ambivalent genug – der heimlichen Komplizität, Verstrickung, mit dem verabscheuten Anderen [10]. Mit anderen Worten: Zeichen überpersönlicher Schuld. Scham ist resignativer Selbstvorwurf, Resignation vor dem Faktischen, vor der Allgewalt dessen, was, gleichgültig gegen unser Urteil, unseren Willen, unsere Voraussicht, unser Wissen, als menschenmöglich sich erwiesen hat. Wir haben ihm nicht Einhalt gebieten können, es ist in der Welt, und wir schämen uns unserer Ohnmacht. Egal, ob wir in einem Meer der Kontingenz schwimmen oder uns auf den Pfaden von Vernunft und Notwendigkeit bewegen: wir hätten ihm Einhalt gebieten sollen.
Erkenntnisinstrument der Scham ist das genaue Hinsehen, die skrupulöse Erinnerung, das “Begreifen”. »Begreifen bedeutet nicht, das Ungeheuerliche zu leugnen, das Beispiellose mit Beispielen zu vergleichen oder Erscheinungen mit Hilfe von Analogien und Verallgemeinerungen zu erklären, die das Erschütternde der Wirklichkeit und das Schockhafte der Erfahrung nicht mehr spüren lassen. Es bedeutet vielmehr, die Last, die uns durch die Ereignisse auferlegt wurde, zu untersuchen und bewußt zu tragen und dabei weder ihre Existenz zu leugnen noch demütig sich ihrem Gewicht zu beugen. « [11].
In Abu Ghraib sei die Naivität gestorben, stellt Renée Zucker in einer späteren Kolumne fest, nämlich der festgeschriebene (sic!) Grundsatz, daß Männer die Täter, Frauen die Opfer und alles Übel in männlicher sexueller Gewalt zu suchen sei. Der Feminismus müsse sich von den Märchen seiner Kindheit verabschieden [12]. Macbeth hat wohl nicht zu ihren Märchenbüchern gehört.
Die von ihr entfaltete psychosomatisch getönte Leib-Seele-Magie verdankt sich offenbar einem Schuld- und einem Trostmotiv. Das ist ehrenwert. Aber vielleicht war ihr Schmerz ja doch nur Ausdruck eines Harnwegsinfekts oder einer banalen Vaginitis. Sie sollte in jedem Fall ihren Arzt oder Apotheker zur Rede stellen.
Blum sah auf die Uhr. Höchste Zeit. 19:89. Auf der Rückseite des Tiananmén-Platzes, sozusagen in den Hinterstuben der Häuser, deren Fassaden den Platz begrenzen, liegen die teuren Geschäfte: Zara’s, Versace, Tiffany’s. Dort hing überall an der Stirnwand ein verglastes Bild des Präsidenten. Hier kauften, während sonnenbrillentragende Miliz durch die Seitenstraßen patroullierte, die jungen Aufsteiger mit ihren Kleinfamilien, aufmerksam und zierlich die Regale befingernd, ihre Luxusgüter ein, darauf bedacht, ihren Gleichmut angesichts der Studentenproteste und ihre Übereinstimmung mit dem Regime unter Beweis zu stellen. Eine Fliege schiß auf das Ohr des Präsidenten. Aber auch sie wurden rücksichtslos aus den Boutiquen geprügelt. Mit einer Geste, die ich nur auf Blums Gesicht wiederfinde (Ich habe noch eine 1987er Ausgabe von Jörg Fausers “Schneemann” [13] mit der photorealistischen Zeichnung seines Gesichts: beherrschend anstelle der Augen die goldgeränderte marokkanische Sonnenbrille mit lila Gläsern, die großspurig, verächtlich und anmaßend aufgeworfene Unterlippe; Inspirationsquelle: früher Lindenberg; der graue Bartschatten, und selbst die paar Nasenhaare rechts, wie sie über den Rand hinauswachsen, sind deutlich zu sehen) schleuderten ihnen die Soldaten ihre neuerworbenen Seidenschals, Lederblousons und Lachsschnittchen vor die Füße. Die Tapete des Hotelzimmers war mit plattgeschlagenen Moskitos übersäht.
«So ist das Leben», sagte Blum,« hart, aber fair.»
Klaus Waßermann
Literatur
[1]
Busse W., J. Corren, B.Q. Lanier et al.: Omalizumab, anti-IgE recombinant humanized monoclonal antibody, for the treatment of severe allergic asthma. J. Allergy Clin. Immunol. 108, 184-190 (2001.
[2]
Solèr M., J. Matz, R. Townley et al.: The anti-IgE antibody omalizumab reduces exacerbations and steroid requirement in allergic asthmatics. Eur. Respir. J. 18, 254-261 (2001).
[3]
Bousquet J., S. Wenzel, St. Holgate, W. Lumry, P. Freeman, H. Fox: Predicting response to Omalizumab, an anti-IgE antibody, in patients wih allergic asthma. Chest 125, 1378-1386 (2004).
[4]
Sotos J.G.: Taft and Pickwick. Sleep apnea in the White House. Chest 124, 1133-1142 (2003).
[5]
Chouard C.H., B. Meyer, F. Chabolle: Napoléon souffrait-il du syndrome d’apnée du sommeil? Ann. Oto-Laryng. 105, 299-303 (1988)
[6]
Polkey M.J., M.J. Morrell, A.K. Simonds: Apnea and history. Communications to the editor. Chest 125, 1587-1588 (2004).
[7]
MacEwan I.: The Cement Garden. Reclam, Stuttgart, 2002.
[8]
Macbeth: I, 5
[9]
Meines Wissens existiert die ethische und sexuelle Konnotation dieses Wortes nur im Deutschen.
[10]
Agamben G.: Idee der Scham. In: Idee der Prosa. Bibiliothek Suhrkamp 2003.
[11]
Arendt H.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Piper, München, 2003, S. 25.
[12]
Folternde Frauen gab es auch schon vorher: Gisèle Halimi, «Tortionnaire, nom féminin», Libération, Paris, 18 juin 2004. Zit. bei: Ignacio Ramonet. Violences mâles. Le Monde Diplomatique, Juillet 2004, p. 1.
[13]
Fauser J.: Der Schneemann, rororo, Reinbeck, 1987. Kursiv: Zitate aus dem Buch.
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PD Dr. med. K. Waßermann
Abteilung Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin
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Citation
K. Waßermann.Klinische Studien Schnarchende Helden Körper. 2004; 30: 301-307. doi: 10.5414/ATP30301.