Priorisierungsentscheidungen in Präklinik, Notaufnahme und Intensivstation: von der Dringlichkeit zur Erfolgsaussicht
A.R. Heller1, A. Michalsen2
1 Klinik für Anaesthesiologie und Operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Augsburg, Augsburg, 2 Klinik für Anaesthesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Klinikum Konstanz, Konstanz
DOI 10.5414/IBX00698
Abstrakt
In Großschadenslagen oder Gesundheitssystemkrisen mit realer oder drohender Ressourcenknappheit müssen medizinische Entscheidungen entlang der Versorgungskette konsistent, transparent und diskriminierungsfrei getroffen werden. Dieser Beitrag beschreibt ein kohärentes Modell, das die Ex-ante-Priorisierung nach Behandlungsdringlichkeit in Präklinik und Notaufnahme friktionsfrei mit der zusätzlich erfolgsaussichtsorientierten Ressourcenallokation auf der Intensivstation (ICU) verbindet. Präklinisch und bei der Eingangssichtung im Krankenhaus gilt: algorithmenorientierte Sichtung auf Basis weniger verfügbarer Daten nach Sichtungskategorien (SK), klare Patienten-Kennzeichnung, Reevaluation und prioritätenorientierte Übergabe. Die Vergabe von SK IV (blau) ist in der Eingangssichtung ausgeschlossen und bleibt ausdrücklich auf lokal festgestellte, dekompensierte Krisenlagen mit absolutem Ressourcenmangel beschränk. Auf der ICU wird – bei fortgesetztem Primat von Indikation und Patientenwille – die klinische Erfolgsaussicht zum zentralen Priorisierungskriterium, da dort die Dringlichkeit als Differenzierungsmerkmal an Kraft verliert. Wichtige Kriterien für eine an der Erfolgsaussicht orientierten Ressourcenallokation sind der Gesundheitszustand (vor aktuellem Behandlungsbeginn), Komorbiditäten und das Lebensalter, die aber nur nicht diskriminierend eingesetzt werden dürfen. Klinische Scores und Machine-Learning-Modelle können Kohorten- und Trendbewertungen unterstützen, sind jedoch keine alleinentscheidenden Kriterien. Ihre Anwendung erfordert Richtigkeitskontrollen und Bias-Checks. Simulationsdaten zeigen, dass Ex-post-Triageverfahren, die auf medizinisch evidenzbasierten Kriterien gegründet sind, gegenüber Zufalls- oder First-Come-First-Served-Verteilungsprinzipien zu einer deutlich geringeren Sterblichkeit führen. Eine SAPS II-basierte Ex-post-Triage, zum Beispiel, konnte die ICU-Letalität in allen Szenarien erheblich verringern. Die Allokation wird von einem standardisierten Reevaluationsprozess getragen, in den klinischer Verlauf, Organfunktionen, Therapieansprechen, Komplikationen und Ressourcenlage integriert sind. Letztlich soll entlang der gesamten Versorgungskette mittels der Etablierung einer evidenzbasierten, transparenten, überprüfbaren und zugleich praktikablen Vorgehensweise möglichst vielen Patientinnen und Patienten eine faire Teilhabe an knappen medizinischen Behandlungsoptionen ermöglicht werden.
Autoreninformation
Autoren
Abteilungen
- 1 Klinik für Anaesthesiologie und Operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Augsburg, Augsburg,
- 2 Klinik für Anaesthesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Klinikum Konstanz, Konstanz
Adresse
Prof. Dr. med. Axel R. Heller
Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin
Medizinische Fakultät an der Universität Augsburg
Stenglinstr. 2
86156 Augsburg
Email:
[email protected]
Citation
A.R. Heller und A. Michalsen.Priorisierungsentscheidungen in Präklinik, Notaufnahme und Intensivstation: von der Dringlichkeit zur Erfolgsaussicht. 2026; 51: 54-64. doi: 10.5414/IBX00698.