Abstrakt
Hintergrund: Das Wissen um die Belastungen und krankheitsspezifischen Lebensumstände von Allergiepatienten ist bisher dürftig. Repräsentative Daten aus der Bevölkerung zu Diagnostik, Therapie- und Präventionsgewohnheiten sowie Kenntnisstand der Betroffenen über ihre Erkrankung fehlen weitgehend, genauso wie Angaben über Einschränkungen im Alltagsleben. In der mit über 7000 Interviews bisher größten europäischen Bevölkerungsbefragung “Allergy – Living & Learning” sollten erstmalig zu diesem Themenkomplex valide Daten gewonnen werden. Zielgruppe waren Patienten mit einer respiratorischen Allergie, die mit Hilfe eines Screeningverfahrens aus einer repräsentativen Bevölkerungsgruppe selektiert werden sollten. Material und Methoden: Die Studie wurde in 10 europäischen Ländern durchgeführt. Einbezogen in die Telefonbefragung in Deutschland waren 7.169 Haushalte, in denen in einem Screeningverfahren nach Atemwegsallergikern gefragt wurde. Waren darüber hinaus die Einschlußkriterien (Heuschnupfen/Asthma, Alter über 16 Jahre, Nennung des Allergens, Nennung charakteristischer Symptome) erfüllt, wurden sie in einem ersten Interview u.a. zu Allergiesymptomen und -auslösern, Diagnostik, Krankheitsmanagement und Wissen über die Erkrankung befragt. In einem zweiten Interview, das nach Zusenden eines Selbstbeurteilungsbogens stattfand, beantworteten die Atemwegsallergiker Aussagen zur Lebensqualität im Zusammenhang mit ihrer Krankheit. Ergebnisse: Dargestellt werden die wichtigsten Ergebnisse aus Deutschland. Danach absolvierten 1.001 der identifizierten Atemwegsallergiker die erste Befragungsphase, 991 die zweite Phase mit Fragen zur Selbstbeurteilung. 82,3% der Befragten litten unter Heuschnupfen, 27,5% an Asthma. Bei 92,6% der Befragten wurde die Atemwegsallergie ärztlich diagnostiziert, davon 64,5% durch einen Spezialisten. Ein Allergietest wurde bei 85% durchgeführt, wohingegen 14,8% die Frage nach einem durchgeführten Allergietest verneinten. 82,4% der Befragten nahmen zur Behandlung ihrer Allergie Medikamente ein, davon 71,9% nach Bedarf. 16,5% hatten bzw. erhielten eine spezifische Immuntherapie. Mit “positiv” bewerteten 73,3% die Medikation, mit “negativ” 26,1%. Karenzmaßnahmen wendeten rund 20 bis 30% der Befragten an, Alternativmethoden 13,7%. Eine moderate Einschränkung im Alltagsleben gaben 69,7% an, eine starke Einschränkung 20%. Beeinträchtigungen ergaben sich u.a. bei körperlichen Aktivitäten und im beruflichen Bereich. Rund ein Drittel äußerte sich negativ über das psychische Empfinden (Wut, Frustration, Scham etc.) bzw. konnte sich mit der Erkrankung nicht abfinden. Als hoch oder sehr hoch bezeichneten 46,5% ihren Wissensstand über die Allergie. Wichtigste Informationsquellen waren mit 64,5% bzw. 65,7% der Allgemeinarzt bzw. der Spezialist. Apotheker und verschiedene Medien wurden als Ratgeber von rund 20% bis 30% genutzt. Schlußfolgerung: Durch das Screeningverfahren wurden mit “Allergy – Living & Learning” Personen befragt, deren Atemwegsallergie mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine ärztliche Diagnose gesichert war. Dies erklärt warum der überwiegende Teil der Befragten Medikamente zur Behandlung ihrer respiratorischen Allergie verwendete. Die Tatsache, daß die Medikation bevorzugt nur bei Beschwerden erfolgt, ist ein Beleg für die weiterhin bestehende Bagatellisierung von Atemwegsallergien. Eine verstärkte Aufklärung von Patienten und Ärzten über die Notwendigkeit einer konsequenten, antientzündlichen Therapie ist heute aus medizinischen und ökonomischen Gründen wünschenswert. Hinsichtlich der angewendeten therapeutischen Maßnahmen belegt die Studie in diesem Zusammenhang prinzipiellen Handlungsbedarf. Präventive und allergiespezifische Maßnahmen wie Karenz und spezifische Immuntherapie, die eine Progredienz der allergischen Atemwegsentzündung verhindern, werden nur im geringem Umfang angewendet. Eine nicht hinnehmbare Rate an befragten Allergikern ist mit dem Ergebnis der Medikation nicht zufrieden bzw. wendet sich Alternativmethoden zu. Hier sollte der Dialog zwischen Arzt und Patient intensiviert werden. Auch eine Änderung der Medikationsstrategie ist in Erwägung zu ziehen. Ferner sind 14,8% Atemwegsallergiker ohne allergiespezifische Diagnostik, gemessen an dem hohen Anteil ärztlicher Diagnosen, nicht akzeptabel. Eine Empfehlung zu präventiven Maßnahmen kann in diesen Fällen nicht erfolgen.
Autoreninformation
Autoren
Abteilungen
- 1 Allergie- und Asthmaklinik, Bad Lippspringe,
- 2 ALK-Scherax Arzneimittel GmbH, Hamburg
Adresse
Prof. Dr. med. K.-C. Bergmann
Allergie- und Asthmaklinik
An der Martinusquelle 10
D-33175 Bad Lippspringe
Citation
K.-C. Bergmann, G. Albrecht und P. Fischer.Atemwegsallergiker in Deutschland: Ergebnisse der Studie Allergy – Living & Learning. 2002; 25: 137-146. doi: 10.5414/ALP25137.