Atemwegs- und Lungenkrankheiten, Jahrgang 35 - April (147 - 162)

Zur Beurteilung der Lungenfunktion im Alter: Brauchen wir neue Referenzwerte?
W. Marek1, E. Marek1, K. Mückenhoff2, H.J. Smith3, N. Kotschy-Lang4, M. Kohlhäufl5
1 Institut für Arbeitsphysiologie an der Augusta-Kranken-Anstalt, Bochum, 2 Institut für Physiologie, Ruhr-Universität Bochum, 3 Viasys Health Care, Höchberg, 4 Berufsgenossenschaftliche Klinik für Berufskrankheiten Falkenstein, 5 Klinik Schillerhöhe, Zentrum für Pneumologie und Thoraxchirurgie, Stuttgart-Gerlingen

   

 

DOI 10.5414/ATP35147

Abstrakt

Einleitung: Die Bevölkerungsstruktur in Europa und die antropometrischen Daten der Bewohner haben sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verändert und werfen erneut die Frage nach der Verwendbarkeit der weit verbreiteten Sollwerte der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) auf, die sich auf die ventilatorische Lungenfunktion beziehen. Die EGKS-Sollwerte wurden Ende der 70er Jahre vornehmlich an Probanden im mittleren Lebensabschnitt gewonnen, für ältere Probanden muss daher eine Extrapolation über den Geltungsbereich der Sollwertfunktion hinaus durchgeführt werden, die insbesondere zu Unsicherheiten in der Beurteilung führt. Die EGKS Werte werden in Vergleich zu aktuellen Untersuchungen [1, 2, 3] als zu niedrig angesehen und sollten ersetzt werden. Methoden: Wir überprüften daher die Lungenfunktion (Spirometrie, Fluss-Volumen-Kurve und Bodyplethysmographie) an einem Kollektiv von 164 anamnestisch lungengesunden Probanden (70 Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren, 42 Männer 41 bis 65 Jahre und 52 Männer von 65 bis 90 Jahre). Die Lungenfunktionsparameter einer Gruppe von 305 älteren ehemaligen Uranbergarbeitern im Alter von 72,1 ± 4,7 Jahren, Median 72 Jahren, die an Silikose erkrankt waren, dienten als Vergleich. Ergebnisse: Der Trend in der Altersabhängigkeit der Einsekundenkapazität (FEV1) der Kontrollprobanden kann mit einer linearen Funktion (y = –0,046x + 6,12; r = 0,88) beschrieben werden. Die FEV1 lag bei den jüngeren Männern bei 108 ± 9,9% des Sollwertes, bei 105 ± 13,7% für die mittelalten und für die älteren Probanden bei 97,3 ± 12,4%. Die steilere Altersabhängigkeit wurde auch bei den übrigen untersuchten Parametern gefunden. Die dynamischen exspiratorischen Volumina, FVC, FEV1, FEV1/%FVC und die maximalen exspiratorischen Stromstärken waren in der Vergleichsgruppe der Bergarbeiter mit Silikose signifikant erniedrigt. Schlussfolgerungen: Die Messwerte der ventilatorischen Lungenfunktion von lungengesunden jüngeren Probanden liegen über den Sollwerten der EGKS, während die der älteren Probanden im Mittel leicht unter den extrapolierten Sollwerten der EGKS liegen. Der Altersgang verläuft demnach steiler als durch die EC-Referenzwerte beschrieben. Unsere Ergebnisse erlauben durchaus eine Extrapolation der Sollwerte über den angegebenen Bereich hinaus und können auch für diesen Altersbereich in die Begutachtung einfließen. Die alternativ diskutierten Sollwertgleichungen der SAPA LDIA-Studie, der NHANES- und zum Teil auch der LuftiBus-Studie liegen zwar höher, doch können sie den benötigten Umfang an Messgrößen oder den erforderlichen Altersbereich nicht abdecken. Eine multizentrische Studie zur Gewinnung aktueller Sollwerte wäre daher notwendig um eine objektive Beurteilung der Lungenfunktion auch für ältere Patienten zu finden.

Autoreninformation

Autoren

Abteilungen

  • 1 Institut für Arbeitsphysiologie an der Augusta-Kranken-Anstalt, Bochum,
  • 2 Institut für Physiologie, Ruhr-Universität Bochum,
  • 3 Viasys Health Care, Höchberg,
  • 4 Berufsgenossenschaftliche Klinik für Berufskrankheiten Falkenstein,
  • 5 Klinik Schillerhöhe, Zentrum für Pneumologie und Thoraxchirurgie, Stuttgart-Gerlingen

Adresse

PD Dr. rer. nat. W. Marek; Institut für Arbeitsphysiologie, Augusta-Kranken-Anstalt, Bergstrasse 23, D-44791 Bochum
Email: [email protected]

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Citation

W. Marek, E. Marek, K. Mückenhoff, H.J. Smith, N. Kotschy-Lang und M. Kohlhäufl. Zur Beurteilung der Lungenfunktion im Alter: Brauchen wir neue Referenzwerte?. 2009; 35: 147-162. doi: 10.5414/ATP35147.

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