Allergologie, Jahrgang 31 - Juli 2008 (253 - 254)

Editorial: Nahrungsmittelallergie – Update 2008
T. Schäfer, T. Werfel

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DOI 10.5414/ALP31253

Abstrakt

Nahrungsmittel sind in aller Munde und so verhält es sich auch mit der Nahrungsmittelallergie. Wir freuen uns, dass wir Ihnen mit dieser und der nächsten Ausgabe der Allergologie zwei Schwerpunkthefte zu diesem Thema präsentieren können, die Sie mit aktuellen Beiträgen zur Epidemiologie, Klinik, Grundlagenforschung und Tertiärprävention auf den neuesten Stand bringen.

Wie der Eingangsbeitrag von T. Schäfer deutlich macht, ist die Datenlage zu guten, bevölkerungsbezogenen epidemiologischen Studien nach wie vor unbefriedigend. Dies hat u.a. damit zu tun, dass Manifestationsformen und pathogenetische Hintergründe von Nahrungsmittelunverträglichkeitsreaktionen vielgestaltig und z.T. nur sehr aufwändig zu erfassen sind. In großen epidemiologischen Studien ist man aber auf robuste und relativ einfach durchzuführende Erhebungsmethoden angewiesen. Der Vergleich internationaler Studien macht deutlich, dass nach Eigenangaben die Häufigkeit der Nahrungsmittelallergie mit rund 25% offensichtlich deutlich überschätzt wird. Bis vor 4 Jahren lagen nur 2 bevölkerungsbezogene Studien aus England und den Niederlanden vor, die eine doppelblinde, plazebo-kontrollierte orale Provokationstestung (DBPCFC) eingesetzt hatten. Inzwischen gibt es mindestens 4 weitere derartige Studien u.a. auch aus Deutschland. In der von T. Zuberbier vorgestellten Studie aus dem Berliner Raum wurden so viele Probanden einem oralen Provokationstest unterzogen wie noch nie. Während die Eigenangaben zur Nahrungsmittelallergie in dem Berliner Kollektiv mit rund 35% so hoch liegen wie in kaum einer anderen Studie, ist die aus den Ergebnissen des DBPCFC abgeleitete Prävalenz mit 2,6% für Erwachsene im Rahmen dessen, was auch andere europäische Studien berichten. Die Ergebnisse verdeutlichen die Überschätzung durch Eigenangaben, machen aber auch deutlich, dass in Deutschland mit etwa 2 Millionen Nahrungsmittelallergikern zu rechnen ist. Weitere Studien sind notwendig, aber auch z.T. bereits auf den Weg gebracht. Das bereits angelaufene EuroPrevall-Projekt hat sich u.a. zum Ziel gesetzt, basierend auf einem standardisierten DBPCFC, für zahlreiche europäische Länder valide und vergleichbare Daten zur Prävalenz der Nahrungsmittelallergie zu generieren. Erste Ergebnissen werden mit Spannung für das nächste Jahr erwartet.

Das Vorgehen bei vermuteter Nahrungsmittelallergie und die anschließenden Therapien sind insbesondere wegen der Diskrepanz zwischen vermuteter und tatsächlich nachweisbarer Allergie komplex. Die Arbeitsgemeinschaft Nahrungsmittelallergie der DGAKI, des ÄDA und der GPA hat daher eine Serie von Leitlinien für die unterschiedlichen Aspekte dieser Krankheitsgruppe verfasst und zum großen Teil im Internet auf der Seite der AWMF verfügbar gemacht. In diesem Schwerpunktheft wird die letzte Leitlinie dieser Serie von M. Henzgen und Mitarbeitern zum Thema Hauttestungen bei vermuteter Nahrungsmittelallergie abgedruckt, die dieses Thema in praxisrelevanter Form zusammenfasst.

Bei Vorliegen einer Nahrungsmittelallergie kommt der sinnvollen Ernährungstherapie die größte Bedeutung zu. Was dies umfasst und worauf dabei zu achten ist, beschreibt I. Reese in ihrem Beitrag anschaulich und praxisnah. Ziele der Ernährungstherapie sind nicht nur die Meidung des Allergens (Karenz), sondern auch die Beibehaltung einer bedarfsdeckenden Nährstoffzufuhr und der Erhalt einer guten gesundheitsbezogenen Lebensqualität, wobei auch individuelle Einflussfaktoren zu berücksichtigen sind. Themen, die auch in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, umfassen die Deklarationspflicht, den Einfluss alkoholischer Getränke als Triggerfaktor und die Frage nach einem Schwellenwert.

Wie die Insektengiftallergie führt auch die Nahrungsmittelallergie nicht selten zu schweren und tödlichen Reaktionen. K. Brockow geht in seinem Beitrag auf die Nahrungsmittelallergie als Auslöser anaphylaktischer Reaktionen ein. Für die USA wird geschätzt, dass jährlich rund 150 Personen an einer Nahrungsmittelanaphylaxie versterben. Auch hier kommt der Ernährungstherapie besondere Bedeutung zu, denn in vielen Fällen war die Allergie bekannt, das Allergen konnte aber nicht gemieden werden. Die entsprechende Schulung der Patienten ist daher wichtig. Die Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxis Training and Education (AGATE) erarbeitet derzeit Anaphylaxieschulungsprogramme für betroffene Patienten. Auch die epidemiologische Datenlage wird sich durch das Anaphylaxie.net verbessern, das im deutschsprachigen Raum in standardisierter Weise Daten zu Anaphylaxiefällen sammelt.

Unklar bleibt, wie und ob eine Nahrungsmittelallergie durch präventive Maßnahmen zu verhindern ist. Auch aus anderen Gründen ist der Verzicht auf Tabakrauch und Stillen über mindestens 4 Monate zu empfehlen. Für Risikokindern hat sich ersatzweise die hypoallergene Säuglingsnahrung bewährt. Der Verzicht der Mutter auf potente Nahrungsmittelallergene in Schwangerschaft oder Stillzeit hat allerdings keinen bedeutsamen präventiven Effekt. Neuere Geburtskohor- tenstudien aus Deutschland zeigen, dass eine Verzögerung der Beikosteinführung über den 4. Lebensmonat hinaus nicht in der Lage ist, eine atopische Erkrankung zu verhindern. Interessanterweise legen Untersuchungen aus Skandinavien und dem Mittelmeerraum nahe, dass eine sogenannte mediterrane Kost einschließlich Fisch, bei der Mutter in Schwangerschaft und Stillzeit bzw. beim Kind im ersten Lebensjahr, in der Lage ist, präventiv auf die allergische Sensibilisierung und insbesondere inhalative atopische Erkrankungen zu wirken.

Wir wünschen Ihnen nun viel Freude und Informationsgewinn bei der Lektüre und freuen uns auch auf Ihre Kommentare und Anregungen.

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Citation

T. Schäfer und T. Werfel.Editorial: Nahrungsmittelallergie – Update 2008. 2008; 31: 253-254. doi: 10.5414/ALP31253.

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