Psychische Komorbidität bei stationären Patienten mit Atemwegs- und Lungenkrankheiten – Korrelate und Verlauf
J. Schmidt1, U. Kaiser1, 2, D. Kriz1, R. Nübling1
1 Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen (GfQG), Karlsruhe, 2 Institut für sportmedizinische Prävention und Rehabilitation (ISPR), Mainz
DOI 10.5414/PRX0490
Abstrakt
Hintergrund: Chronisch kranke Menschen leiden häufig auch unter ernstzunehmenden, aber teilweise verdeckten psychischen Komorbiditäten. Diese korrelieren u.a. mit erhöhten Kosten für das Gesundheitssystem und weniger guten Behandlungsergebnissen. Studien zeigen, dass psychosoziale Belastungen bzw. psychische Komorbiditäten auch bei Patienten mit Lungen- und Atemwegserkrankungen weit verbreitet sind. Weniger untersucht ist allerdings die Frage, ob eine psychische Komorbidität bei der Behandlung adäquat berücksichtigt wird. Methoden und Fragestellungen: Aus einer prospektiven Beobachtungsstudie der Hochgebirgsklinik Davos (Schweiz) mit umfangreichen Datenerhebungen an 5 Messzeitpunkten (T1 = Aufnahme in die Klinik bis T5 = 2 Jahre nach Entlassung) wurden für diesen Beitrag N = 637 stationäre Patienten mit einer Hauptdiagnose aus dem ICD-10-Kapitel „Krankheiten des Atmungssystems“ herausgefiltert (durchschnittlich 50,4 Jahre alt, knapp 60% Frauen, größenteils Asthma-Patienten). Untersucht wurde auf der Grundlage eines Screenings mit dem Fragebogen HADS-D: 1. die Präalenzrate psychischer Auffäligkeit bei T1, 2. die Zusammenhäge zwischen Auffälligkeit und anderen patientenbezogenen Variablen, 3. die Korrespondenz der Auffäligkeit mit der Inanspruchnahme von Leistungen in der Klinik und die Quote der Inanspruchnahme einer psychologischen Intervention im engeren Sinne, 4. Unterschiede zwischen vier ex post facto gebildeten Patientengruppen und 5. die psychische Befindlichkeit der Patienten im zeitlichen Verlauf (5 Messzeitpunkte). Ergebnisse: 34,3% der untersuchten Patienten sind bei Aufnahme in die Klinik psychisch auffällig (entweder bezüglich Depressivität oder Angst oder beidem). Es zeigen sich deutliche Zusammenhänge dieser Auffälligkeit mit anderen Merkmalen (z.B. mit den IRES-24-Skalen „Reha-Status“und „Somatische Gesundheit“ mit allen SGRQ-Skalen und dem sozialmedizinischen Risikoindex SIBAR, wobei sich die Auffälligen jeweils belasteter schildern). Es kann weiterhin beobachtet werden, dass die initiale Auffälligkeit der Patienten unter dem Blickwinkel der Realisierung adäquater diagnostischer und therapeutischer Leistungen während der stationären Behandlung gut berücksichtigt wird: 79,2% der Auffälligen bzw. 90,8% der deutlich Auffälligen erhalten eine psychologische Maßahme im engeren Sinne (Psychotherapie/ psychologische Beratung und/oder Entspannungstherapie). Hierbei zeigt sich, dass sich die Nutzer einer psychologischen Intervention hinsichtlich der Merkmale Geschlecht, Alter, Art der Behandlung und Erwerbsstatus von den Nicht-Teilnehmern unterscheiden (jeweils höhere Anteile von Frauen, Reha-Patienten und Erwerbspersonen bei den Teilnehmern, die im Schnitt auch 6 –7 Jahre jüger sind). Differenziert man die Patienten aufgrund der beiden Dummy- Variablen „Auffälligkeit“und „Inanspruchnahme einer psychologischen Intervention“, zeigt sich zwischen den ex post facto gebildeten vier Gruppen eine Reihe von Unterschieden. Obwohl sich die Gruppen am Ende der stationären Behandlung nicht bedeutsam hinsichtlich Behandlungszufriedenheit und subjektiver Nutzenbewertung unterscheiden, können – sowohl auf Ebene der Selbstbeurteilung als auf Ebene der Arzturteile – Unterschiede bezüglich der wahrgenommenen Veränderungen beobachtet werden (die Nutzer psychologischer Maßahmen zeigen im Durchschnitt mehr positive Veränderungen). Gemessen an der IRES-24-Skala „Psychisches Befinden“ zeigt sich auch, dass sich die beobachtbaren Effektgrößen der HADS-Auffälligen mit bzw. ohne psychologische Intervention kurz- und längerfristig (d.h. bei Entlassung und 2 Jahre nach der Intervention) unterscheiden: Für die initial auffälligen Patienten mit psychologischer Intervention ergeben sich deutlich höhere Effekte (kurzfristig: ES = 1,02 vs. ES = 0,48; längerfristig: ES = 0,55 vs. ES = 0,29). Folgerungen: Herausforderung für die Praxis ist es, vorhandene psychische Komorbiditäten zu erkennen und ggf. gezielt möglichst adäquate Behandlungsmaßahmen einzuleiten. Wenngleich eine völlige Normalisierung gravierender Auffälligkeiten in der Versorgungspraxis kaum zu erwarten ist, liefert die Studie Anhaltspunkte dafür, dass adäquate psychologische Interventionen zu mittel- und lägerfristig besseren Outcomes beitragen können.
Autoreninformation
Autoren
Abteilungen
- 1 Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen (GfQG), Karlsruhe,
- 2 Institut für sportmedizinische Prävention und Rehabilitation (ISPR), Mainz
Adresse
Dr. Dipl.-Psych. Jürgen Schmidt
Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen (GfQG)
Wendtstraße 1
76185 Karlsruhe
Email:
[email protected]
Citation
J. Schmidt, U. Kaiser, D. Kriz und R. Nübling.Psychische Komorbidität bei stationären Patienten mit Atemwegs- und Lungenkrankheiten – Korrelate und Verlauf. 2016; 28: 85-101. doi: 10.5414/PRX0490.