Jahrgang 29, No. 12/2006(Dezember 2006)
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Allergologie
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Editorial
Elektroakupunktur, angewandte Kinesiologie, Bioresonanztherapie: Selbst hoch gebildete Menschen vertrauen esoterischer Pseudomedizin. Obwohl deren Wirkung unbewiesen ist.
B. Wüthrich und C. Bachert
Abstract
B. Wüthrich und C. Bachert
Mit diesem Titel ist im Zeit-Wissen (02/2006; S. 76-77) ein Essay von Martin Lambeck*, Professor für Physik der TU Berlin, erschienen, in welchem er seine Erfahrungen mit den verschiedenen alternativen Diagnose- und Behandlungsmethoden schildert, welchen er sich als “Testperson” unterzogen hatte. Er wundert sich über die hohe Akzeptanz dieser Methoden, welche – wie einem Prospekt eines Gerätes zu entnehmen ist – die Wirkungsweise mit der Quantenphysik, zwei Heisenberg-Zitaten, einer “Gravitationswelle mit 20-facher Lichtgeschwindigkeit” und einer “stehenden Vakuumkompressionswelle im hyperbolisch-logarithmischen Maßstab” erklären. Offenbar spekulierte der Hersteller – schreibt der Physiker – auf das weit verbreitete Missverständnis, die Quantenphysik erlaube jede beliebige Behauptung. Nach seinen Erfahrungen bei 3 Ärzten, bei welchen die Verfahren von Elektroakupunktur (EAV), Bioresonanz und angewandter Kinesiologie zum Einsatz kamen, ist er mehr Skeptiker denn je, denn bei ihm wurden 11 Krankheiten, darunter Parasiten in der Galle, Spulwürmer im Dünndarm und ein Vorstadium von Dickdarmkrebs “diagnostiziert”. Er erwähnt, dass er auf Einladung der Berliner Zahnärztekammer einen Vortrag über alternative Medizin und Esoterik hielt, und anschließend ihm 2 Zahnärztinnen berichteten: “Viele Patienten kämen zu ihnen, um sich aufgrund einer EAV-Diagnose gesunde Zähne ziehen zu lassen, in einem Fall sogar alle Zähne.” Zum Schluss wundert er sich darüber, “dass mit der Barmenia eine private Krankenversicherung die Kosten einer EAV-Behandlung bezahlt.” “Hier geht es also nicht mehr nur um einige Ärzte”, – führt er weiter aus – “sondern um das Gesundheits- und Wissenschaftsverständnis in Deutschland.” Und des weiteren schreibt er in einem Artikel über “Fehldeutungen der Physik und Philosophie in der Alternativmedizin” [Skeptiker 2006; 19/2: 56-63], dass “Homöopathie und anthroposophisch erweiterte Heilkunst im deutschen Gesundheitswesen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Diese Entwicklung wird durch Stellungnahmen prominenter Politiker, die Erstattungspraxis zahlreicher Krankenkassen und die Empfehlungen der Hufelandgesellschaft ermöglicht. Diese Erfolge beruhen nicht auf einem Wirkungsnachweis der Hochpotenzprodukte, sondern auf Fehldeutungen der Physik und Philosophie, mit denen das “Dialogforum Pluralismus in der Medizin” die Regeln für die Prüfung der Medikamente zu ändern versucht.”
In der Überzeugung, dass die Ausführungen von Martin Lambeck bei den Lesern von Allergologie auf Interesse stossen würden, und um eine breite Diskussion anzuregen, schien es angebracht, den prominenten Physiker* um eine Originalarbeit für die Zeitschrift Allergologie zu bitten, welche Sie nur in diesem Heft vorfinden.
Seine Schlussfolgerungen jedoch “Die Schulmedizin sollte die weite Verbreitung der physikalisch-alternativmedizinischen Verfahren als Tatsache anerkennen. Sie zeigt, dass zahlreiche Patienten diese Verfahren nachfragen, und dass zahlreiche Ärzte bereit sind, diese anzuwenden. Daher sollten diese Verfahren intensiv erforscht werden. Das Ergebnis dieser Forschungen ist entweder ein Paradigmenwechsel der Physik und Medizin oder ein Hinweis darauf, dass der Begriff des Plazebo weiter als bisher gefasst und untersucht werden sollte”, können wir nicht ganz teilen. Die Schulmedizin ist sich längst über die weite Verbreitung dieser Verfahren bewusst und hat wiederholt dazu Stellung genommen. Ihrer Aufgabe, sich wissenschaftlich mit der diagnostischen und therapeutischen Wirksamkeit der Bioresonanz beim Heuschnupfen und bei der Neurodermitis auseinanderzusetzen und die negativen Ergebnisse in peer reviewed Journals zu publizieren, sind die Allergologen bereits nachgekommen [1, 2]. Es ist ja die eigentliche Aufgabe der Promotoren dieser Verfahren, die Effektivität ihrer Methode aufzuzeigen. Die Anhänger der Bioresonanztherapie stützen sich jeweils “auf die unzähligen positiven Kasuistiken bei weltweiter Anwendung.” Leider sucht man vergebens in medizinischen Zeitschriften nach Artikeln aus dem Kreise der Ärzte für biophysikalische Informations-Therapie, welche die Ergebnisse der Bioresonanztherapie unter kontrollierten Bedingungen aufgezeigt hätten. Es müssen nicht unbedingt doppel-blinde, plazebo-kontrollierte Studien sein, die unter Praxisbedingungen schwierig durchführbar sind, sondern Berichte über (quantifizierte) Therapieerfolge nach Schluss der Bioresonanz-Sitzungen und 3 – 6 Monate danach, an einem gut charakterisierten Patientengut mit genauen Diagnosen, Ergebnissen der klassischen allergologischen Abklärungen, und dies in Zusammenarbeit mit einer neutralen Instanz. “Die vielen geheilten Patienten, bei denen i.d.R. die Schulmedizin versagte, sprechen eine deutlichere Sprache als jede “Studie”, wird ferner behauptet. Die Allergologen in Klinik und Praxis, welche durchaus nicht “im Glashaus” sitzen und auch “mit der Realität” zu tun haben, sehen leider tagtäglich Patienten mit verschiedenen allergischen Manifestationen (Neurodermitis, Ekzeme, chronische Urtikaria, Pollinosis) oder vermeintlichen Allergien (Colon irritabile, Migräne, hyperreflektorische Rhinopathie), welche mittels Bioresonanz erfolglos oder nur mit marginalem vorübergehendem Erfolg behandelt wurden.
Voraussetzung für den Einsatz von alternativen Heilmethoden in der Medizin sollte eine eingehende Prüfung der verwendeten Apparatur sein; dies war auch die Meinung von 80,2% der Leser bei einer Umfrage im Zeit-Wissen (02/2006; S. 76-77). Die öffentliche Verbreitung von Reklame zu einem Produkt sollte nur erlaubt sein, wenn die darin erhobenen Behauptungen auch nachgewiesen wurden. Die Übernahme von Leistungen durch Zusatzversicherungen sollte mit der gleichen Sorgfalt erfolgen, wie in der Schulmedizin, d.h. die verrechenbaren medizinische Leistungen müssen den Ausweis der Effektivität erbringen. Nur so kann der Patient vor unnötigen, irreführenden Methoden mit teilweise gefährlichen Konsequenzen geschützt werden. Unverständlich ist deshalb, dass es in Zeiten beschränkter Ressourcen Krankenkassen gibt, die ungeprüfte Leistungen über die Zusatzversicherung abgelten.
Was meinen Sie dazu? Auf eine rege Leserzuschrift zum “Paradigmawechsel in der Medizin” wurde sich die Schriftleitung von Allergologie sehr freuen.
Brunello Wüthrich, Zollikerberg, und
Claus Bachert, Gent
Literatur
[1]
Kofler H., H. Ulmer, E. Mechtler, M. Falk, P.O. Fritsch: Bioresonanz bei Pollinose. Eine vergleichende Untersuchung zur diagnostischen und therapeutischen Wertigkeit. Allergologie 19, 114-120 (1996).
[2]
Schöni M., W. Nikolacik, F. Schöni-Affolter: Efficacy trial of bioresonance in children with atopic dermatitis. Int. Arch. Allergy Immunol. 112, 238-246 (1997).
*Martin Lambeck hat das Studium des Wirtschaftsingenieurwesens und der Physik in Berlin absolviert und 1959 das Diplom “Ingenieur der Fachrichtung Physik” erworben. 1964 promovierte er zum Dr.-Ing. 1969 erfolgte seine Habilitation für Physik (Habilitationsschrift als Buch “Barkhausen-Effekt und Nachwirkung in Ferromagnetika”, de Gruyter, Berlin 1971). Seit 1970 ist er Professor am Fachbereich Physik der TU Berlin. Veröffentlichungen auf den Gebieten Optik, Magnetismus, zerstörungsfreie Werkstoffprüfung, Physik-Didaktik, Zusammenhang der Physik mit dem geistesgeschichtlichen Umfeld, Übersetzungen aus dem Englischen. Seit 1997 ist er im (Un)ruhestand. Er ist Mitglied im Wissenschaftsrat der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) und beschäftigt sich mit Phänomenen in den Grenzbereichen von Physik, Philosophie und Medizin. Zahlreiche Publikationen (siehe: www.skeptiker.de/lambeck).Correspondence to:
Prof. Dr. med. C. Bachert
Kliniek voor Neus-, Keel- & Oorheelkunde
UZ Gent
De Pintelaan 185
B-9000 Gent
Prof. Dr. med. B. Wüthrich
Spital Zollikerberg
Trichentenhauserstraße 20
CH-8125 Zollikerberg
Email: claus.bachert@rug.ac.be
brunello.wuethrich@spitalzollikerberg.ch
Originalarbeiten
Quantenphysik und Schwingungen – ein Paradigmenwechsel der Medizin?
M. Lambeck
Abstract
M. Lambeck
Optisches Institut, Technische Universität, Berlin
Physikalisch-alternativmedizinische Verfahren wie Elektroakupunktur nach Voll (EAV), angewandte Kinesiologie und Bioresonanz sind weit verbreitet. Wenn sie funktionieren würden, wäre dies für die Physik ein Paradigmenwechsel wie durch die Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Kernspaltung, für die Medizin wie durch die Entdeckungen von Semmelweis und Koch. Ich berichte über eigene Versuche und fordere zu weiteren Tests auf.Correspondence to:
Prof. M. Lambeck
Optisches Institut
Sekr. P 1-1Technische Universität
Straße des 17. Juni 135
D-10623 Berlin
Email: lambeck@gwup.org
Originalarbeiten
Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei Patienten mit Rhinitis allergica
N. Maksimovic, S. Jankovic, V. Tomic-Spiric, M. Bogic and J. Marinkovic
Abstract
N. Maksimovic1, S. Jankovic1, V. Tomic-Spiric2, M. Bogic2 and J. Marinkovic3
1Institut für Epidemiologie, Medizinische Fakultät, 2Institut für Allergologie und Immunologie, Universitätsklinikum Serbien, 3Institut für Medizinische Statistik und Informatik, Medizinschule der Universität Belgrad, Serbien
Einleitung: Die Rhinitis allergica ist eine chronische Erkrankung der Atemwege, die zahlreiche Aspekte des Alltags von Betroffenen beeinträchtigt. Ziel der vorliegenden Studie war es, die Lebensqualität von Patienten mit intermittierender und persistierender Rhinitis allergica während der Pollensaison zu vergleichen und dabei die Messeigenschaften der serbischen Version des Rhinoconjunctivitis Quality of Life Questionnaire (RQLQ) zu überprüfen. Patienten und Methoden: Im Zeitraum von März – November 2002 wurden im Institut für Allergologie und Immunologie im Klinikzentrum Serbien, Belgrad, 75 ambulante Patienten mit intermittierender und 25 ambulante Patienten mit persistierender Rhinitis allergica untersucht. Es wurden der SF-36-Fragebogen (Medical Outcome Study Short Form Health Survey) und der RQLQ verwendet. Ergebnisse: Symptome wie postnasal drip (t = 1,977, p = 0,051), Augenjuckreiz (t = 2,756, p = 0,007), Augenentzündung (t = 2,925, p = 0,004) und Augenschwellung (t = 2,168, p = 0,033) wurden von den Patienten mit intermittierender Rhinitis als wesentlich schlimmer empfunden als von den Patienten mit persistierender Rhinitis. Dagegen bereiteten Tätigkeiten wie Bodenwischen den Patienten mit persistierender Rhinitis mehr Schwierigkeiten (t = 3,166, p = 0,002). Gemäß dem endgültigen multivariaten logistischen Regressionsmodell waren die körperliche Funktionsfähigkeit (RR = 1,030, p = 0,020, 95% CI = 1,00 – 1,06) und die Augenentzündung (RR = 1,546, p = 0,003, 95% CI = 1,16 – 2,07) die Variablen, bei denen ein signifikanter Unterschied zwischen den Patienten mit persistierender und denen mit intermittierender Rhinitis allergica bestand. Schlussfolgerung: Die Lebensqualität von Patienten mit intermittierender Rhinitis war im Vergleich zu denen mit persistierender Rhinitis während der Pollensaison erheblich beeinträchtigt. Die serbische Version des RQLQ verfügt über gute Unterscheidungsmöglichkeiten und eine hohe Verlässlichkeit und Genauigkeit.Correspondence to:
Dr. med. N. Maksimovic
Institut für Epidemiologie
Medizinische Hochschule Belgrad
Visegradska 26
11000 Belgrad
Serbien und Montenegro
Email: natamax@eunet.yu
Übersicht
Die Pathophysiologie des Nies- und Juckreizes bei der allergischen Rhinitis
O. Pfaar, T. Hummel und L. Klimek
Abstract
O. Pfaar1, T. Hummel2 und L. Klimek1
1Zentrum für Rhinologie und Allergologie, Wiesbaden,2HNO-Universitätsklinik, Dresden
Zu den Kardinalsymptomen der Rhinitis allergica zählen neben der nasalen Obstruktion und der Rhinorrhoe vor allem die den allergischen Patienten oftmals sehr belastenden Symptome Juckreiz und Niesreiz. In der Pathophysiologie spielt eine zentrale Aktivierung des Nervensystems eine wichtige Rolle. Bei der Entstehung von Nies- und Juckreiz hat vor allem die Aktivierung des trigeminalen Systems entscheidenden Anteil. Die afferenten, trigeminalen Nervenfasern setzen sich im wesentlichen zusammen aus markhaltigen Ad-Fasern und aus dünnen, nicht myelinisierten C-Fasern und haben ihren Ursprung in sogenannten polymodalen Nozizeptoren. Darüber hinaus zeigen verschiedene tierexperimentelle Studien, dass trigeminale sensorische Schmerzafferenzen auch in lokale Entzündungsreaktionen involviert sind, von diesen aktiviert werden und diese modulieren können (Konzept der “neurogenen Entzündung”). So können von trigeminalen Nervenfasern, und vor allem von den unmyelinisierten C-Fasern, neben der afferenten Auslösung von Juckreiz und Niesreiz auch antidrom-retrograd Neuropeptide wie Substanz P oder “calcitonin gene-related peptide” liberiert werden, welche ihrerseits die allergische Entzündungskaskade beeinflussen können. Die vorliegende Arbeit beschreibt die (Mikro-)Anatomie und die Innervation der Nase unter normalen Bedingungen und gibt hiernach einen systematischen Überblick über die Auslösung von Niesreiz und Juckreiz durch trigeminale Aktivierung. Ferner wird die mögliche Beeinflussung des lokalen Entzündungsprozesses durch diese trigeminale Aktivierung über Freisetzung von Neuropeptiden wie Substanz P und “calcitonin gene-related peptide” herausgearbeitet.Correspondence to:
Dr. med. O. Pfaar
Zentrum für Rhinologie und Allergologie
An den Quellen 10
D-65183 Wiesbaden
Email: oliver.pfaar@hno-wiesbaden.de
Serie: Primäre Immundefekte
Schwerer kombinierter Immundefekt mit Nachweis von B-Zellen (T– B+-SCID)
M. Hönig und K. Schwarz
Abstract
M. Hönig und K. Schwarz
1Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Ulm, 2Abteilung Transfusionsmedizin, Universitätsklinikum Ulm und Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Immungenetik, DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen, Ulm
Correspondence to:
Dr. med. K. Schwarz
Transfusionsmedizin
Universitätsklinikum Ulm
IKT Ulm
Helmholtzstraße 10
D-89081 Ulm
Email: klaus.schwarz@medizin.uni-ulm.de