Jahrgang 21, No. 5/2003(September / Oktober 2003)
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Verdauungskrankheiten
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Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Editorial: Was ist und wozu brauchen wir Hygiene in der Endoskopie?
O. Leiß
Abstract
O. Leiß
“Zuerst die Hauptsache. Wie oft bei Hauptsachen ist sie gar keine Sache, sondern eine Einstellung. Erst wenn man die Einstellung ändert, enthüllt sich etwas Wichtiges” [6]. Auch die Hauptsache bei der Hygiene ist eine Einstellung, eine Haltung. Hygiene ist medizinische Primärprävention. Sie konzentriert sich auf das “salus aegroti” und praktiziert konsequent und kompromißlos das “primum nil nocere”. Hygienisches Denken und Handeln dienen der Gesundheitserhaltung, Gesundheitsförderung und Krankheitsverhütung.
Endoskopisch-diagnostische Untersuchungen und endoskopisch-therapeutische Interventionen sind wesentliche Bestandteile einer modernen Gastroenterologie in Klinik und Praxis. Unter “Hygiene in der Endoskopie” können alle die Maßnahmen zusammengefaßt werden, die sicherstellen, daß einem gesunden Menschen, der sich z.B. einer Vorsorgekoloskopie unterzieht, keine infektiösen oder toxischen Risiken widerfahren, die ihn krank machen, und daß ein Patient, bei dem eine diagnostische oder therapeutische Endoskopie durchgeführt wird, nicht zusätzliche gesundheitliche Risiken erfährt.
Wie für andere Maßnahmen der Primärprävention, z.B. diätetische und/oder medikamentöse Maßnahmen zur Cholesterinsenkung, gilt auch für hygienische Maßnahmen das sogenannte Präventionsparadox: Eine Maßnahme, die dem Einzelnen oft viel nützt, bringt der Gesellschaft wenig, und umgekehrt, eine Maßnahme, die der Gesellschaft viel bringt, nützt dem Einzelnen oft wenig [8]. Hieraus ergeben sich 2 sich gegenseitig ergänzende Strategien zur Primärprävention, die Hoch-Risiko-Strategie und die Populationsstrategie. Die Hoch-Risiko-Strategie beinhaltet das Suchen und die gezielte Behandlung von Patienten mit hohem Risiko. Solche Patienten machen zwar insgesamt nur einen geringen Prozentsatz aus, sie profitieren aber sehr stark von primärpräventiven Maßnahmen [8]. Auf die Endoskopie übertragen heißt dies, Patienten mit einem erhöhten Infektionsrisiko zu erkennen und bei bestimmten Situationen eine Antibiotikagabe zur Endokarditis-Prophylaxe durchzuführen. Die Populationsstrategie zielt auf die vielen Otto-Normalverbraucher, deren individuelles Risiko zwar nur durchschnittlich oder gering erhöht ist, die aber zahlenmäßig die Masse der Bevölkerung ausmachen. Maßnahmen der Populationsstrategie müssen für jedermann gelten und anwendbar sein und absolut nebenwirkungsfrei sein. Auf die Endoskopie übertragen heißt dies: Konsequente Händehygiene und 100%ig korrekte Aufbereitung von Endoskop und endoskopischem Zusatzinstrumentarium, damit von beiden, Endoskopiepersonal und endoskopischen Instrumenten, keine Infektionsgefährdung ausgeht.
Maßnahmen der primären Prävention erfolgen auf individueller, gesellschaftlicher, administrativer und legislativer Ebene. Auf der individuellen Ebene fängt “Hygiene in der Endoskopie” mit der konsequenten Händehygiene aller in der Endoskopie Tätigen an. Der erste Beitrag im vorliegenden Heft von “Verdauungskrankheiten” ist diesem noch immer vernachlässigtem primärpräventivem Aspekt, die Hände nicht zu einem Vehikel der Erregerübertragung werden zu lassen, gewidmet. Auf der gesellschaftlichen Ebene beinhaltet “Hygiene in der Endoskopie” systematische Untersuchungen zu Häufigkeit, Risikofaktoren einer Infektionsübertragung, Infektionsquellen, Mechanismen der Erregerübertragung u.a.m. Diese Aspekte sind im zweiten Beitrag “Infektionsübertragung in der Endoskopie – virtuelles oder reelles Risiko?” dargestellt.
Im dritten Beitrag berichten Clement et al., was “einem, der auszog, eine Endoskop-Waschmaschine zu kaufen” widerfährt. Sie schildern das Dilemma, in dem für hygienische Aspekte sensibilisierte niedergelassene Gastroenterologen [1, 2, 5] derzeit stecken: Gestiegene administrative Anforderungen an die Hygiene z.B. im Rahmen der präventiven Koloskopie [7], technische Entwicklungen, die in neue europäische Normen einfließen werden [4], Firmen, die ihr Reinigungs-Desinfektions-Gerät für Endoskope (RDG-E) oder ihr Desinfektionsmittel als das jeweils beste darstellen und fehlende Hilfe, fehlende Kriterien der nationalen Fachgesellschaft DGVS, an Hand derer sie sich entscheiden könnten.
Der Beitrag von Zülsdorf und Martiny “Die Reinigungsleistung bei der maschinellen Endoskopaufbereitung” zeigt, daß Waschmaschine nicht gleich Waschmaschine ist und daß mancher Reiniger schlechter reinigt als Wasser. Die klare Überlegenheit eines bestimmten Gerätetyps wird in Anforderungsprofile an künftige RDG-E’s einfließen. Aus dem Beitrag “Vor- und Nachteile verschiedener Desinfektionsmittel zur Desinfektion flexibler Endoskope” wird ersichtlich, daß es ein ideales Desinfektionsmittel für flexible Endoskope noch nicht gibt und daß die Entscheidung für ein bestimmtes Desinfektionsmittel meist einen Kompromiß zwischen Schnelligkeit des Wirkungseintritts, Breite des Wirkspektrums, Gesundheitsrisiken, Material- und Umweltverträglichkeit und Kosten darstellt.
Neben der Erörterung von Problemen der hygienischen Aufbereitung des gastroenterologischen Instruments “Endoskop”, d.h. Maßnahmen der für jedermann geltenden Bevölkerungsstrategie, darf eine Darstellung zu Maßnahmen der Hoch-Risiko-Strategie nicht fehlen. Im Beitrag zur Endoskarditisprophylaxe wird tabellarisch zusammengefaßt, wann, bei wem und wie eine prophylaktische Antibiotikagabe erfolgen sollte.
Der letzte Beitrag “Gesundheitsrisiken für Beschäftigte im Gesundheitswesen – Risiken und Schutzmaßnahmen für das Endoskopiepersonal” fokussiert auf Einflüsse eines gesundheitserhaltenden und krankheitsverursachenden Umfelds im Gesundheitswesen und auf Maßnahmen, die der einzelne zu seinem persönlichen Schutz durchführen kann und sollte.
Zurück zur Hauptsache, zur Hygiene als primärpräventive Haltung, als Einstellung. Hygiene fängt im Kopf an und muß in Fleisch und Blut übergehen. Hygienisches Denken und Handeln sollte zum professionellen Selbstverständnis von Ärzten, Assistenzpersonal und Pflegepersonal gehören. Hygiene in der Endoskopie muß integraler Bestandteil eines umfassenden Qualitätsmanagements in der Endoskopie sein [3, 9]. Hygiene schulden wir uns und unseren Patienten.
Literatur
[1]
Anforderungen an die Hygiene bei der Aufbereitung flexibler Endoskope und endoskopischen Zusatzinstrumentariums. Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert-Koch-Institut. Bundesgesundheitsbl. – Gesundheitsforsch. – Gesundheitsschutz 45, 395-411 (2002).
[2]
Bader L., G. Blumenstock, B. Birkner et al.: HYGEA (Hygiene in der Gastroenterologie – Endoskopaufbereitung): Studie zur Qualität der Aufbereitung von flexiblen Endoskopen in Klinik und Praxis. Z. Gastroenterol. 40, 157-170 (2002).
[3]
Birkner B., L. Bader, G. Blumenstock, J.F. Riemann, H.K. Selbmann: Qualität der Hygiene bei der Endoskopaufbereitung – die Grundlage eines indikatorengestützten Qualitätsmanagements in der Gastroenterologie. Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualitätssicherung 97, 227-232 (2003).
[4]
Höller Ch., S. Krüger, H. Martiny, R. Zschaler (Hrsg.): Qualitätssicherung von Reinigungs- und Desinfektionsprozessen. Anforderungen – Prüfmethoden – Dokumentation – Bezugsquellen. Behr’s Verlag, Hamburg, 13. Aktualisierungslieferung Juli 2003.
[5]
Leiß O., U. Beilenhoff, L. Bader, M. Jung, M. Exner: Leitlinien zur Aufbereitung flexibler Endoskope und endoskopischen Zusatzinstrumentariums im internationalen Vergleich. Z. Gastroenterol. 40, 531-542 (2002).
[6]
Mitscherlich A.: Anstiftungen zum Unfrieden. In: Mitscherlich A.: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. edition suhrkamp 123. Suhrkamp, Frankfurt 1965, 28.
[7]
Qualitätssicherungsvereinbarung zur Koloskopie: Voraussetzungen gemäß § 135, Absatz 2 SGB V zur Ausführung und Abrechnung von koloskopischen Leistungen (Qualitätssicherungsvereinbarung zur Koloskopie). Dtsch. Ärztebl. 97 (Heft 40), C2126-2128 (2002).
[8]
Rose G.: The strategy of preventive medicine. Oxford Medical Publications, Oxford University Press, 1993.
[9]
Schmeck-Lindenau H.J.: Qualitätshandbuch der gastrointestinalen Endoskopie. Für Klinik und Praxis. Dtsch. Ärzte-Verlag, Köln 2003.Correspondence to:
Prof. Dr. med. O. Leiß
Fachbereich Gastroenterologie
Deutsche Klinik für Diagnostik
Aukammallee 33
D-65191 Wiesbaden
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Händehygiene
O. Leiß und A. Canisius
Abstract
O. Leiß1 und A. Canisius2
1Fachbereich Gastroenterologie, 2Hygienefachkraft, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
In einer Übersicht wird auf die Bedeutung nosokomialer Infektionen und die Rolle der Hände des medizinischen Personals als Vehikel einer Übertragung von Infektionserregern eingegangen. Residente und transiente Hautflora werden beschrieben. Detailliert werden Strategien zur Vermeidung einer Keimübertragung wie Tragen von Handschuhen, Händewaschung, hygienische Händedesinfektion und chirurgische Händedesinfektion dargestellt. Nach Erörterung, wann, wie und womit eine hygienische Händedesinfektion erfolgen sollte, werden Maßnahmen zur Verbesserung der Compliance mit der Händehygiene diskutiert.
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Infektionsübertragung in der Endoskopie – virtuelles oder reelles Risiko?
O. Leiß und J. Niebel
Abstract
O. Leiß1 und J. Niebel2
1Fachbereich Gastroenterologie und 2Fachbereich Infektiologie, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
In einer Übersichtsarbeit wird das Risiko einer Erregerübertragung im Rahmen endoskopischer Untersuchungen dargestellt. Die involvierten Erreger, verfahrens- und patientenbedingte Risiken einer Infektionsübertragung, relevante Infektionsquellen und Übertragungsmechanismen werden erörtert. Direkte Erregerübertragungen von Patienten auf Endoskopiepersonal und umgekehrt sind selten. Die Mehrzahl der Erregerübertragungen in der Endoskopie erfolgt indirekt via kontaminierte Endoskope oder endoskopisches Zusatzinstrumentarium und ist damit letztlich auf ein Versagen der hygienischen Aufbereitung des komplexen Medizinprodukts Endoskop zurückzuführen.
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
"Von einem der auszog, eine Waschmaschine zu kaufen" – ein Erfahrungsbericht
Th. Clement, N. Börner, W. Goedderz und H. Schreiber
Abstract
Th. Clement, N. Börner, W. Goedderz und H. Schreiber
Gastroenterologische Gemeinschaftspraxis, Mainz
Der Beitrag basiert auf den Erfahrungen, die wir bei der Suche nach einem geeigneten Reinigungs- und Desinfektionsgerät für flexible Endoskope (RDG-E) gesammelt haben. Die erarbeitete Checkliste enthält Kriterien, die wir bei der Auswahl eines geeigneten und den aktuellen hygienischen/technischen Anforderungen entsprechenden RDG-E als wesentlich erachten. Des weiteren wird auf verdeckte bzw. Folgekosten hingewiesen, die bei der Investition mit einzuplanen sind.
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Die Reinigungsleistung bei der maschinellen Endoskopaufbereitung
B. Zühlsdorf und H. Martiny
Abstract
B. Zühlsdorf und H. Martiny
Technische Hygiene, Campus Benjamin Franklin, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Bei der sicheren Aufbereitung von Medizinprodukten spielt die Reinigung eine ganz entscheidende Rolle, denn Rückstände von z.B. Gewebe, Blut oder pharmakologischen Substanzen können sowohl den Desinfektions- als auch den Sterilisationserfolg in Frage stellen. Eine Untersuchung der Reinigungsleistung in 2 Reinigungs- und Desinfektionsgeräten für flexible Endoskope (RDG-E) unterschiedlicher Bauart erfolgte mit Hilfe eines Testmodells, das sowohl eine optische als auch eine mikrobiologische Beurteilung ermöglichte. Dabei wurden erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Reinigungsprozessen innerhalb eines RDG-E, aber auch zwischen den beiden RDG-E festgestellt. Verglichen mit Wasser führten im RDG-E 1 einige Reinigungsprozesse sogar zu einer geringeren Reduktion des Testorganismus und auch die optische Sauberkeit entsprach nicht den Anforderungen nach optisch rückstandsfreier Reinigung. Der Anwender sollte sich auf jeden Fall umfassend über ein Produkt informieren und sich nicht auf die Aussage verlassen, die Reinigungsleistung verschiedener Reiniger sei identisch. Ebenso sollte das Wirkprinzip von RDG-E hinterfragt werden.
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Vor- und Nachteile verschiedener Desinfektionsmittel zur Desinfektion flexibler Endoskope
O. Leiß
Abstract
O. Leiß
Fachbereich Gastroenterologie, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
Ausgehend von der Spaulding-Klassifikation medizinischer Instrumente werden die Unterschiede zwischen high-level-Desinfektion und Sterilisation erläutert. Die Anforderungen an ein ideales Desinfektionsmittel werden aufgelistet. Vor- und Nachteile der derzeit zur Desinfektion flexibler Endoskope zum Einsatz kommenden Desinfektionsmittel werden dargestellt. Die Entscheidung für ein bestimmtes Desinfektionsmittel stellt meist einen Kompromiß zwischen Schnelligkeit des Wirkungseintritts, Breite des Wirkungsspektrums, Gesundheitsrisiken, Material- und Umweltkompatibilität und Kosten dar.
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Endokarditisprophylaxe bei endoskopischen Eingriffen und Antibiotikagabe bei Anlage einer PEG
J. Niebel und O. Leiß
Abstract
J. Niebel1 und O. Leiß2
1Fachbereich Infektiologie und 2Fachbereich Gastroenterologie, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
Basierend auf den Leitlinien der DGVS und ESGE werden die derzeitigen Empfehlungen, bei wem, wann und wie eine Endokarditisprophylaxe bei endoskopischen Untersuchungen erfolgen sollte, zusammengefaßt. Studien zur prophylaktischen Antibiotikagabe bei Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG) werden diskutiert.
Hygienemanagement und Infektionsprävention in der Endoskopie
Gesundheitsrisiken für Beschäftigte im Gesundheitswesen – Risiken und Schutzmaßnahmen für das Endoskopiepersonal
O. Leiß
Abstract
O. Leiß
Fachbereich Gastroenterologie, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
In einer Übersichtsarbeit werden die Gesundheitsrisiken für Beschäftigte im Gesundheitswesen dargestellt. Zunächst wird allgemein auf physikalische Risiken, Risiken durch Chemikalien, infektiöse Risiken, Arbeitsunfälle und berufsbedingte Erkrankungen, Probleme durch die Arbeitsorganisation und psychische Risiken eingegangen. Anschließend werden spezielle Risiken für das Endoskopiepersonal ausführlicher erörtert. Auf Schutzmaßnahmen zur Vermeidung berufsbedingter Erkrankungen in der Endoskopie wird hingewiesen.