Jahrgang 36, No. 7/2007( Juli 2007)
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Nieren- und Hochdruckkrankheiten
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Harnwegsinfektionen I
Editorial: Harnwegsinfektionen
Reinhard Fünfstück, Weimar, Kurt G. Naber, Straubing, und Jörg Hacker, Würzburg
Abstract
Reinhard Fünfstück, Weimar, Kurt G. Naber, Straubing, und Jörg Hacker, Würzburg
Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten bakteriell bedingten Erkrankungen. Ärzte fast aller Fachrichtungen haben Patienten mit derartigen Infektionen zu betreuen. Erkenntnisse zur Pathogenese der Erkrankung führen zu einem besseren Verständnis der Krankheitsverläufe und zu einer umfassenderen Bewertung individueller Risikofaktoren. Neue Forschungsergebnisse, insbesondere auf dem Gebiet der molekularen Infektionsbiologie, tragen dazu bei, die Pathogenität und Virulenz der Mikroorganismen besser zu verstehen. Seitens des Wirtsorganismus werden die Steuerungsmechanismen der Infektabwehr besser charakterisiert; die Rolle einzelner Faktoren kann zunehmend umfassender identifiziert werden.
Ergebnisse der Pathogenitätsforschung machen es auch möglich, rationalere Diagnostikverfahren zu etablieren und sinnvolle Behandlungsstrategien, sowohl bei unkomplizierten als auch bei komplizierten Harnwegsinfektionen zu entwickeln. Jede Therapieentscheidung muss sich jedoch an dem klinischen Bild der Erkrankung, deren Lokalisation und an dem individuellen Infektionsrisiko des betroffenen Patienten orientieren.
Für die klinische Praxis ist es wichtig, die aktuellen Ergebnisse der Forschung auf dem Gebiet der Epidemiologie, Ätiologie und Pathogenese von Harnwegsinfektionen im Kontext zu interpretieren. Basierend auf diesen Daten sollten sich praktische Empfehlungen zur sinnvollen Diagnostik und Therapie der verschiedenen Formen der Harnwegsinfektionen ableiten lassen.
Zwei Ausgaben der Fachzeitschrift “Nieren- und Hochdruckkrankheiten” beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit dem Thema “Harnwegsinfektion”. Die Autoren haben ihre Arbeiten bereits bei dem internationalen Symposium “Harnwegsinfektionen” im Sommer vergangenen Jahres in Weimar mit den Tagungsteilnehmern intensiv und zum großen Teil auch kontrovers diskutiert. Wichtige Beiträge des Treffens werden in diesen Ausgaben von “Nieren- und Hochdruckkrankheiten” publiziert.
Die Herausgeber bedanken sich herzlich bei allen Autoren für die Zusammenarbeit. Mit ihrer Hilfe ist es möglich geworden, das Thema Harnwegsinfektionen aus der Sicht unterschiedlichster Fachgebiete ausführlich zu behandeln.Correspondence to:
Prof. Dr. med. R. Fünfstück
Klinik für Innere Medizin 1
Klinikum Weimar
Henry-van-de-Velde-Straße 2
D-99425 Weimar
Email: innere1@klinikum-weimar.de
Harnwegsinfektionen I
Epidemiologie der Harnwegsinfekte*
G. Schmiemann und E. Hummers-Pradier
Abstract
G. Schmiemann und E. Hummers-Pradier
Abteilung Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover
Harnwegsinfekte gehören zu den häufigen Behandlungsanlässen im hausärztlichen Alltag. Aufgrund fehlender epidemiologischer Untersuchungen liegen jedoch kaum verlässliche Aussagen zur Inzidenz (in Deutschland) vor. Insbesondere die Häufigkeit “komplizierter Harnwegsinfekte” ist weitgehend unbekannt. In der folgenden Übersicht sind aktuelle Daten zur Inzidenz in verschiedenen Gruppen dargestellt.
*Nach einem Vortrag anläßlich des Internationalen Symposiums “Harnwegsinfektionen”, 22. – 24. Juni 2006, Weimar.Correspondence to:
Dr. med. G. Schmiemann
Abteilung für Allgemeinmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
D-30625 Hannover
Email: schmiemann.guido@mh-hannover.de
Harnwegsinfektionen I
Klinische Relevanz mikrobiologischer Befunde*
W. Pfister
Abstract
W. Pfister
Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universitätsklinikum Jena
Neben der Anamnese, den Ergebnissen der klinischen Untersuchung und der Feststellung einer Leukozyturie ist die mikrobiologische Urinuntersuchung mit dem Nachweis einer Bakteriurie entscheidend für die Diagnose einer Harnwegsinfektion. Wegen der in den letzten Jahren deutlich zu beobachtenden Zunahme der Zahl antibiotikaresistenter Erreger nosokomialer aber auch ambulant erworbener Harnwegsinfektionen gewinnt die schnelle und zuverlässige Identifikation der Infektionserreger sowie die rasche Bestimmung deren Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika wieder an Bedeutung. Bei konsequenter Vermeidung von Fehlern in der Präanalytik und bei Anwendung einer optimalen Labormethodik und -logistik kann die quantitative mikrobiologische Urindiagnostik neben der zuverlässigen Klärung der Frage, ob überhaupt eine Harnwegsinfektion vorliegt, auch Ergebnisse liefern, die zeitnah die Therapieentscheidung des Klinikers beeinflussen und modifizieren können. Damit ist nicht nur eine optimierte individuelle Behandlung des einzelnen Patienten möglich, sondern es kann auch durch die Vermeidung des häufig ungezielten Einsatzes von Antibiotika der damit verbundenen Resistenzzunahme uropathogener Erreger, die ihrerseits wiederum unvermeidlich zu einer steigenden Zahl von Therapieversagern führen muss, vorgebeugt werden.
*Nach einem Vortrag anläßlich des Internationalen Symposiums “Harnwegsinfektionen”, 22. – 24. Juni 2006, Weimar.Correspondence to:
Prof. Dr. med. W. Pfister
Institut für Medizinische Mikrobiologie
Universitätsklinikum Jena
Semmelweisstraße 4
D-07740 Jena
Email: Wolfgang.Pfister@med.uni-jena.de
Harnwegsinfektionen I
Ungewöhnliche Erreger von oberen Harnwegsinfektionen*
M. Kretschmar und T. Nichterlein
Abstract
M. Kretschmar und T. Nichterlein
Labor Dr. Kretschmar und Partner, Erfurt
Die meisten Erreger oberer Harnwegsinfektionen (HWI) können mit den eingesetzten Nährmedien problemlos kulturell nachgewiesen werden. Bei einigen Erkrankungen kann jedoch kein Krankheitserreger nachgewiesen werden. Diese Erkrankungen können durch Krankheitserreger hervorgerufen sein, die auf Standardnährböden nicht erfasst werden und deren Untersuchung bei Infektionsverdacht daher gezielt angefordert werden muss. Besonders bei chronischen oder rezidivierenden Infektionen bestimmter Patientengruppen und bei wiederholt nachgewiesener steriler Leukozyturie sollten weiterführende Untersuchungen veranlasst werden. Zum Beispiel sollte bei chronischen Infektionen eine Urogenitaltuberkulose ausgeschlossen werden. Bei hämorrhagischer Zystitis von Immunsupprimierten und Kindern sollte eine virale Ätiologie erwogen werden.
*Nach einem Vortrag anläßlich des Internationalen Symposiums “Harnwegsinfektionen”, 22. – 24. Juni 2006, Weimar.Correspondence to:
PD Dr. med. Marianne Kretschmar
Labor Dr. Kretschmar und Partner
Blücherstraße 4
D-99099 Erfurt
Harnwegsinfektionen I
Asymptomatische Bakteriurie*
R. Fünfstück und G. Stein
Abstract
R. Fünfstück1 und G. Stein2
1Klinik für Innere Medizin 1, Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar, 2Universitätsklinikum Jena
Der Begriff “asymptomatische Bakteriurie” beschreibt einen Zustand, der das Auftreten von pathogenen oder fakultativ pathogenen Mikroorganismen im Harn kennzeichnet, ohne dass dieser Befund von einer klinischen Symptomatik begleitet wird. Die Infektionserreger sollten in mindestens 2 konsekutiven Urinkulturen mit ³ 105 Keimen/ml nachweisbar sein. Eine gleichzeitige Leukozyturie mit ³ 10 Leukozyten/GSF weist auf eine lokale Wirtsabwehrreaktion hin. In Abhängigkeit vom Lebensalter wird eine asymptomatische Bakteriurie bei Frauen und Männern unterschiedlich häufig beobachtet. Bei Störungen wirtsspezifischer Abwehrreaktionen kann sich aus einer asymptomatischen Bakteriurie eine symptomatische Harnwegsinfektion entwickeln. Besonders gefährdet sind Patienten mit Diabetes mellitus, Schwangere und Patienten nach einer Organtransplantation. Bei Dauerkatheterträgern wird fast regelmäßig eine Bakteriurie beobachtet, ohne dass dieser Zustand eine pathogenetische Relevanz besitzt. Nach dem 85. Lebensjahr ist damit zu rechnen, dass bei einer von 10 Frauen und bei einem von 20 Männern eine asymptomatische Bakteriurie auftritt. Die häufigsten Mikroorganismen sind E.-coli-Stämme, sie neigen zu einer langen Persistenz im Harntrakt und sind meist für akute Infektexazerbationen verantwortlich. Grampositive Bakterien werden oftmals spontan aus dem Harntrakt eliminiert, ohne dass es zur Entwicklung einer klinischen Symptomatik kommt. Der Geno- und Phänotypus eines potentiellen Infektionserregers prägt das klinische Bild einer Infektion. Die Entscheidung zu einer therapeutischen Intervention bei einer asymptomatischen Bakteriurie muss sich am individuellen Risiko des Patienten orientieren. Im Vordergrund stehen Maßnahmen zur Stabilisierung der lokalen Mikroflora und der lokalen Abwehrfähigkeit (Supplementierung der Laktobazillenflora, Änderung des Urinmilieus, Sicherung einer effizienten Diurese, Blockade der bakteriellen Rezeptoren an den Uroepithelien). Bei Gravidität, nach einer Organtransplantation sowie bei einer dekompensierten Stoffwechselsituation oder bei einer progredient dekompensierenden Niereninsuffizienz sollte eine antibiotische Behandlung erfolgen. In jedem Fall muss die Therapieentscheidung unter Beachtung der potentiellen Risiken einer Antibiotikaverordnung (Nebenwirkungsprofil, Resistenzentwicklung) getroffen werden.
*Nach einem Vortrag anläßlich des Internationalen Symposiums “Harnwegsinfektionen”, 22. – 24. Juni 2006, Weimar.Correspondence to:
Prof. Dr. med. R. Fünfstück
Klinik für Innere Medizin 1
Klinikum Weimar
Henry-van-de-Velde-Straße 2
D-99425 Weimar
Email: innere1@klinikum-weimar.de
Harnwegsinfektionen I
Harnweginfektionen in Gynäkologie und Geburtshilfe*
U.B. Hoyme
Abstract
U.B. Hoyme
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, HELIOS-Klinikum, Erfurt
Harnweginfektionen betreffen etwa 20% aller Frauen einmal oder mehrfach im Verlauf ihres Lebens. In der Gravidität beträgt die Prävalenz der asymptomatischen Bakteriurie 5 – 7%, die der Pyelonephritis aufgrund verbesserter Schwangerenbetreuung aktuell nur noch 1%. Abgesehen von sexuell übertragenen Infektionen stellen Introitus und Scheide das Keimreservoir dar. Unkomplizierte Harnweginfektionen sind heute eine Domäne der Kurzzeit- oder Einmaltherapie, daneben von Präventionsmaßnahmen, z.B. bei der postoperativen Form sowie im Gefolge der Kohabitation. Bei Harnweginfektionen in der Gravidität kommen in Form mehrtägiger Therapie primär Amoxicillin oder Cephalosporine in Betracht, die Pyelonephritis wird nach Möglichkeit erst nach der 12. Schwangerschaftswoche mit Mezlocillin, Piperacillin oder auch in Kombination mit einem Aminoglykosid behandelt.
*Nach einem Vortrag anläßlich des Internationalen Symposiums “Harnwegsinfektionen”, 22. – 24. Juni 2006, Weimar.Correspondence to:
Prof. Dr. med. U.B. Hoyme
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
HELIOS-Klinikum Erfurt
Nordhäuser Straße 74
D-99089 Erfurt
Email: udo.hoyme@helios-kliniken.de
Harnwegsinfektionen I
Harnwegsinfektion bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion*
G. Stein, T. Eichhorn und R. Fünfstück
Abstract
G. Stein1, T. Eichhorn2 und R. Fünfstück2
1Universitätsklinikum Jena, 2Klinik für Innere Medizin I, Sophien- und Hufelandklinikum Weimar
Harnwegsinfektionen (HWI) sind bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz (CNI) und Dialysepatienten (DP) eher selten, die Prävalenz beträgt < 5%. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der häufigste verursachende Keim ist E. coli. Risikofaktoren für die Entwicklung einer HWI sind seltenes Wasserlassen, geringer Urinfluss, verminderte Konzentrationsfähigkeit, Instrumentation an den Harnwegen, Shuntinfektion, aber auch verminderte lokale und allgemeine Abwehrschwäche. Die diagnostischen Kriterien müssen modifiziert werden. Die Leukozyturie muss im Zusammenhang mit dem Urinvolumen bewertet werden (“asymptomatische Leukozyturie”). Die Bedeutung der asymptomatischen Bakteriurie ist unklar und nicht durch Studien gesichert. Häufig besteht ein Zusammenhang mit urologischen Erkrankungen (Harnabflussstörungen, VUR, Lithiasis, ADPKD, Prostatahyperplasie, Katheter). Ein anhaltender Einfluss der Infektion auf den Blutdruck oder die Progredienz des Nierenfunktionsverlustes besteht nicht. Die Therapie beinhaltet allgemeine Maßnahmen einschließlich Physiotherapie. Die antibiotische Behandlung erfolgt auf der Grundlage der Erregeridentifizierung und der Resistenzverhältnisse; sie bedarf einer Dosisanpassung in Abhängigkeit von der Nierenfunktion. Nephrotoxische Substanzen dürfen nicht eingesetzt werden. Die Behandlungsdauer beträgt 7 – 14 (21) Tage. Bei den für eine Nierentransplantation vorgesehenen Patienten ist vor der Operation die urologische Sanierung erforderlich.
*Nach einem Vortrag anläßlich des Internationalen Symposiums “Harnwegsinfektionen”, 22. – 24. Juni 2006, Weimar.Correspondence to:
Prof. Dr. med. G. Stein
Universitätsklinikum Jena
Erlanger Allee 101
D-07740 Jena
Email: Guenter.Stein@med.uni-jena.de
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