Jahrgang 32, No. 4/2003(April 2003)
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Nieren- und Hochdruckkrankheiten
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30 Jahre “Nieren- und Hochdruckkrankheiten”
H. Brass, R. Kluthe, H.-G. Sieberth
Abstract
H. Brass, R. Kluthe, H.-G. Sieberth
Orginale
Kommentar zu U. Schimmel et al.: Postmortale Nierenentnahmen in der DDR für die Transplantation – Beispiel Thüringen 1974 bis 1990
G. Gubernatis
Kurzbeitrag
Zirkulierende Endothelzellen – ein neuer Marker bei
M. Haubitz, A. Woywodt und H. Haller
Abstract
M. Haubitz, A. Woywodt und H. Haller
Serie
Blick in die Fachliteratur
Editorial
R. Brunkhorst
Abstract
R. Brunkhorst
In diesem Heft von Nieren- und Hochdruckkrankheiten wird das 30-jährige Bestehen unserer Zeitschrift durch sehr persönliche Beiträge der Gründungsväter Prof. Dr. Brass, Prof. Dr. Kluthe und Prof. Dr. Sieberth gewürdigt. Die Ideen, die seinerzeit zur ersten Herausgabe einer deutschsprachigen nephrologischen Zeitschrift mit klinisch-wissenschaftlichem Anspruch führten, sind weiter aktuell und sollten von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis gerufen werden.
Es ging damals, wie aus den genannten Beiträgen hervorgeht, auch um die Schaffung einer eigenen Identität für die noch junge nephrologische Disziplin. Diese Identität sollte durch die Vermittlung nephrologischer Kenntnisse an Internisten und Allgemeinmediziner und durch die zeitnahe Information der Nephrologen über neue wissenschaftliche Erkenntnisse gestärkt werden. Die klare Definition des ganzen Umfanges der nephrologischen Fachdisziplin, der „nephrologischen Identität“, ist heute, im Zeitalter des fachbezogenen und pauschalierten Honorierungssystems (DRG’s, GOÄ, etc.) wichtiger denn je. Die Zuordnung von Krankheitsgruppen zu Fachdisziplinen ist dabei von großer Bedeutung. Hierbei waren wir in den letzten Jahren nicht immer erfolgreich. Anders kann beispielsweise das Fehlen der essentiellen arteriellen Hypertonie im Katalog der nephrologischen Krankheitsbilder des Bundesmantelvertrages nicht gedeutet werden. Die Arbeit von Amann et al. in diesem Heft ist eine wichtige Ergänzung der Belege für die Tatsache, dass der Bluthochdruck eine Erkrankung der Nieren ist. “Hypertonie hat mit der Kardiologie soviel zu tun wie die Rückkehr der Störche im Frühling mit dem Anstieg der Geburtenrate”. Wenn es nicht gelingt, Krankenkassen, Politik und Öffentlichkeit die umfassende Identität der klinischen Nephrologie nahe zu bringen, ist unser Fachgebiet in seiner Existenz gefährdet, eine kompetente Versorgung nierenkranker und hypertensiver Patienten nicht mehr gewährleistet. Für diese Aufgabe der Identitätsdarstellung im nationalen Rahmen ist eine unabhängige deutschsprachige Zeitschrift nach meiner Ansicht von großer Bedeutung. Jede allzu große Nähe zur Industrie kann dabei in der Öffentlichkeit missgedeutet werden.
Ein wichtiger Aspekt der Identitätserhaltung der Nephrologie ist auch die Einbeziehung aller nephrologisch tätigen Ärzte in die öffentlichen Aktivitäten und zwar möglichst unter einem Dachverband. Die in den letzten Monaten und Jahren zunehmende Annäherung der drei großen nephrologischen Fachverbände (DAGKN, DGN und DDnÄ) ist sicher der richtige Weg. Nieren- und Hochdruckkrankheiten hat den Anspruch, Publikationsorgan für alle Ärzte, die sich mit der Betreuung von Patienten mit Nieren- und Hochdruckkrankheiten beschäftigen, zu sein. Wir sind aus diesem Grund sehr daran interessiert, wissenschaftliche Arbeiten auch aus dem Bereich der niedergelassenen Dialyse zu publizieren. Eine große Querschnittsuntersuchung wie die von Weinreich et al. vermittelt wichtige Informationen und könnte der Ausgangspunkt für prospektive Untersuchungen sein.
Die „Gründungsväter“ Brass, Kluthe und Sieberth werden uns kritisch bei dem Bemühen um den Erhalt und die Stärkung der deutschen Nephrologie ebenso wie der Zeitschrift Nieren- und Hochdruckkrankheiten beobachten und uns hoffentlich weiterhin unterstützen.
Reinhard Brunkhorst, Hannover
Orginale
Geringere Nephronenzahl bei Patienten mit essentieller Hypertonie – die “Nephron-underdosing”-Hypothese
G. Keller, G. Zimmer, G. Mall, E. Ritz und K. Amann
Abstract
G. Keller1,2, G. Zimmer2, G. Mall3, E. Ritz4 und K. Amann5
1Pathologisches Institut und 2Institut für Rechtsmedizin, Universität Heidelberg, 3Pathologie, Städtisches Klinikum, Darmstadt, 4Sektion Nephrologie, Innere Medizin, Universität Heidelberg, 5Pathologisches Institut, Universität Erlangen-Nürnberg
Hintergrund: Eine in der englischsprachigen Literatur unter dem Begriff “Nephron-underdosing”-Hypothese bekannt gewordene Theorie zur Pathogenese des Bluthochdrucks besagt, daß eine verminderte Anzahl funktionstüchtiger Nephrone der Niere ursächlich an der Ausbildung der essentiellen Hypertonie beteiligt ist. Methodik: Um die Hypothese des sogenannten “Nephron-Underdosing” zu überprüfen, untersuchten wir die Nieren von 20 Unfallopfern, die im mittleren Alter (35 – 59 Jahre) zu Tode kamen. Zehn Personen wurden entweder durch klinische Anamnese und/oder gleichzeitig bestehende konzentrische Linksherzhypertrophie als Hypertoniker identifiziert und bei fehlenden Hinweisen auf sekundären Bluthochdruck und Erfüllung der Einschlußkriterien in die Studie aufgenommen. Die normotensive Kontrollgruppe wurde bezüglich Alter, Geschlecht, Größe und Körpergewicht ausgewählt. Die Anzahl der Glomeruli pro Niere und das durchschnittliche glomeruläre Volumen wurden mit einer 3-dimensionalen Auswertetechnik (Modifikation des sogenannten Fraktionators) bestimmt. Ergebnisse: Es zeigte sich, daß Patienten mit essentieller Hypertonie eine signifikant geringere Anzahl Glomeruli pro Niere (749.536 ± 126.200) im Vergleich zu den normotensiven Kontrollen (1.402.360 ± 328.583) aufwiesen. Gleichzeitig war das glomeruläre Volumen bei den hypertensiven Patienten signifikant größer als bei den Kontrollpatienten (6,66 ± 0,85 × 10–3 mm3 vs 2,87 ± 0,80 × 10–3 mm3; p < 0,001). In ergänzenden histologischen Untersuchungen fand sich bei den hypertensiven Patienten nur ein sehr geringer Prozentsatz obliterierter Glomeruli, so daß ein ausgedehnter Verlust funktionsfähiger Nephrone extrem unwahrscheinlich ist. Zusammenfassung: Die Ergebnisse dokumentieren eine signifikant geringere Nephronenzahl bei Patienten mit essentieller Hypertonie und unterstützen damit die “Nephron-underdosing”-Hypothese als eine wichtige Ursache der essentiellen Hypertonie.
Orginale
Postmortale Nierenentnahmen in der DDR für die Transplantation – Beispiel Thüringen 1974 – 1990
U. Schimmel, H. Thieler, G. May, J. Saalfeld und M. Marx
Abstract
U. Schimmel1, H. Thieler2, G. May3, J. Saalfeld2 und M. Marx1
1Südharz-Krankenhaus, Nordhausen, 2HELIOS-Kliniken, Erfurt, 3Universitätsklinikum Charité, Campus Virchow, Berlin
Am Beispiel von Thüringen sollen Praxis und Ergebnisse der postmortalen Nierengewinnung – an der Nephrologen wesentlich beteiligt waren – für die Transplantation in der DDR dargestellt werden. Von 1974 – 1990 wurden in Thüringen (2,55 Mio. Einwohner) bei 345 hirntoten Spendern die Nieren entnommen. Von 1978 – 1990 war das mit 9,1 Spendern p.m.p. eine der DDR insgesamt mit 10,3 Spendern p.m.p. vergleichbare Entnahmefrequenz. Erst 1990 erfolgten 8 Multiorganentnahmen. Das Alter der Nierenspender lag zwischen 1 und 60 Jahren, durchschnittlich bei 29 Jahren, 72% der Patienten waren männlich. 68% der Spender hatten ein Schädel-Hirn-Trauma, 20% eine spontane Hirnblutung, 7% einen Hirntumor und 5% andere Todesursachen. Der Transport der Organe erfolgte bis zur politischen Wende 1989 nur auf Schiene und Straße, auch über lange Entfernungen bis 600 km. Von den 687 in Thüringen im Zeitraum 1974 – 1990 postmortal entnommenen Nieren wurden 419 (61%) transplantiert: zu 78% in der DDR, 16% im Intertransplant- und 6% im Eurotransplant-Bereich, davon weniger als die Hälfte in Westdeutschland/Westberlin. Für die Nierentransplantation in der DDR positive Faktoren waren: das junge Alter der Spender, das Überwiegen des männlichen Geschlechts (größere “Nierendosis”) und traumatischer Todesursachen, die “Widerspruchslösung” in der Regelung der Organentnahme und die strenge Auswahl der Nieren zur Transplantation. Negativ auf die Qualität der entnommenen Nieren dürften sich die Vielzahl von 24 Entnahmeteams und lange kalte Ischämiezeiten ausgewirkt haben: Transplantationszentren nur an 3 Orten, weite Entfernungen, kein Lufttransport.
Orginale
Hohe Prävalenz der peripheren arteriellen Verschlußkrankheit bei terminal niereninsuffizienten Patienten
T. Weinreich und H. Reichel für den Qualitätszirkel Nephrologie Baden-Württemberg
Abstract
T. Weinreich und H. Reichel für den Qualitätszirkel Nephrologie Baden-Württemberg
Nephrologisches Zentrum, Villingen-Schwenningen
Hintergrund: Die periphere arterielle Verschlußkrankheit (pAVK) ist sowohl in der Normalbevölkerung als auch bei Urämikern mit einer erhöhten Gesamt- und kardiovaskulären Mortalität verbunden. Diese Komplikationen sind jedoch nicht nur mit einem hohen Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko für den Patienten, sondern zugleich mit hohen medizinisch-ökonomischen Folgekosten verbunden. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, die Häufigkeit der pAVK bei Dialysepatienten und mögliche vaskuläre Risikofaktoren zu erfassen. Methoden: Querschnittsuntersuchung an prävalenten Dialysepatienten in Baden-Württemberg im Jahr 2001. Alle Zentren des Landes wurden in einem Fragebogen zur Teilnahme eingeladen. Erfaßt wurden die Gesamtzahl der behandelten chronischen Dialysepatienten und die Zahl der Patienten mit bekannter pAVK sowie Alter, Geschlecht, Diabetesstatus, Zeit an der Dialyse und Mortalität. Eine pAVK galt als gesichert bei typischer klinischer Symptomatik, positivem ultrasonographischen oder angiographischen Befund, oder Zustand nach Amputation oder Gangrän. Daten zu Lipidstatus, Kalzium, Phosphat, intaktem Parathormon und Dialysequantität (Kt/VHarnstoff) wurden analysiert. Ergebnisse: Daten von 1.937 Patienten aus 17 ambulanten und klinikassoziierten Dialysezentren wurden in der Untersuchung erfaßt. 579 Patienten wiesen eine pAVK auf. Die pAVK wurde bei 28,6% der Patienten klinisch und bei 45,5% mittels bildgebender Verfahren diagnostiziert. 31% der Patienten hatten eine pAVK im Stadium IV, bzw. einen Zustand nach Amputation. Die Patienten mit pAVK waren signifikant älter, häufiger Diabetiker und männlich. Kein Zusammenhang wurde zwischen pAVK und Gesamtcholesterin oder Triglyzeriden, Parametern des Kalzium-/Phosphatstoffwechsels, der Zeit an der Dialyse oder dem Kt/V gefunden. Von 257 Todesfällen im Untersuchungszeitraum verstarben 39 (10,7%) in unmittelbarer Folge der pAVK. Von 377 Patienten, bei denen Angaben zur medikamentösen Therapie ausgewertet werden konnten, hatten 64% einen Thrombozytenaggregationshemmer, nur 28,5% ein Statin oder andere Cholesterinsenker. Schlußfolgerung: Bei chronischen Dialysepatienten stellt die pAVK mit einer Prävalenz von über 25% eine der häufigsten Komplikationen dar. Sie ist mit einer hohen Mortalität verbunden. Neben Diabetikern sind besonders ältere Patienten und Männer betroffen. Die Bedeutung klassischer und urämieassoziierter Risikofaktoren sowie die Möglichkeiten prophylaktischer und therapeutischer Maßnahmen bedürfen weiterer Klärung.
Orginale
Der Zusammenhang zwischen arteriellem Blutdruck, thorakalem Blutvolumen und der renalen Exkretion von Urodilatin bei Variation der Körperposition
M. Heringlake, S. Klaus, L. Bahlmann, H. Pagel und P. Schmucker
Abstract
M. Heringlake1, S. Klaus1, L. Bahlmann1, H. Pagel2 und P. Schmucker1
1Klinik für Anästhesiologie, 2Institut für Physiologie, Universität zu Lübeck
Ziel der vorliegenden Untersuchung war es herauszuarbeiten, ob die renale Urodilatinexkretion (UUROV) im Rahmen einer Änderung der Körperposition vom Sitzen zur Kopftieflage stärker durch Änderungen des thorakalen Blutvolumens oder durch begleitende Blutdruckveränderungen moduliert wird. Wir untersuchten bei 8 oral hydrierten, gesunden Probanden den Verlauf des mittleren arteriellen Blutdrucks (MAP), der Plasmakonzentration des atrialen natriuretischen Peptids (ANP) – als indirektem Maß für das thorakale Blutvolumen –, globaler Nierenfunktionsparameter und der UUROV im Vergleich zwischen sitzender und kopftiefer Körperposition. Mittels Korrelationsanalysen wurden Zusammenhänge zwischen den einzelnen Variablen erfaßt. Im Vergleich mit der sitzenden Körperposition fanden sich in Kopftieflage eine höhere Plasmakonzentration von ANP sowie eine gesteigerte Diurese und Freiwasserclearance (CH2O) bei unveränderter Natriumexkretion und Kreatininclearance. Dies ging einher mit einer Abnahme des MAP und der UUROV. In der Korrelationsanalyse fand sich ein enger Zusammenhang zwischen Diurese und CH2O (r = 0,98, p < 0,0001), inverse Beziehungen zwischen UUROV, Diurese und CH2O (r = –0,59 und –0,58, jeweils p = 0,02) sowie eine nahezu signifikante, aber schwächere Korrelation zwischen UUROV und MAP (r = 0,5, p = 0,05). Dies erlaubt die Schlußfolgerung, daß die UUROV bei oral hydrierten Probanden bei akuter Steigerung des thorakalen Blutvolumens unter Kopftieflagerung abnimmt. Diese Abnahme scheint dabei eher Ausdruck einer physiologischen Gegenregulation unter Wasserdiurese als ein Effekt der begleitenden Abnahme des arteriellen Blutdrucks zu sein.