Band 24, No. 1/2010(Ausgabe 1)
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Neuropsychiatrie
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Übersicht
Demenz und Schmerz
Reinhold Schmidt, Michael Bach, Peter Dal-Bianco, Peter Holzer, Aga Pluta-Fuerst, Eva Assem-Hilger, Anita Lechner, Margherita Cavalieri, Bernhard Haider, Helena Schmidt, Georg Pinter, Wolfgang Pipam, Elisabeth Stögmann, Christian Lampl, Rudolf Likar,
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 1–13
Demenz und Schmerz
Reinhold Schmidt1, Michael Bach2, Peter Dal-Bianco3, Peter Holzer4, Aga Pluta-Fuerst1, Eva Assem-Hilger3, Anita Lechner1, Margherita Cavalieri1,11, Bernhard Haider5, Helena Schmidt6, Georg Pinter7, Wolfgang Pipam8, Elisabeth Stögmann3, Christian Lamp
1Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Graz, 2Abteilung für Psychiatrie und Department für Psychosomatik, Landeskrankenhaus Steyr/Enns, 3Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Wien, 4Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie, Medizinische
Universität Graz, 5Akutgeriatrie – Neuro 2, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz, 6Institut für Molekularbiologie und Biochemie, Medizinische Universität Graz, 7Medizinisch-Geriatrische Abteilung, Landeskrankenhaus Klagenfurt, 8Zentrum für Seelische Gesundheit, Landeskrankenhaus Klagenfurt, 9Abteilung für Allgemeine Neurologie mit Schmerzmedizin, Krankenhaus der
Barmherzigen Schwestern Linz, 10Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie, Onkologie und Palliativmedizin, Landeskrankenhaus Klagenfurt, 11Sezione di Medicina Interna, Gerontologia e Geriatria, Dipartimento di Medicina e Clinica Sperimentale, Università di Ferrara
Dementielle Abbauprozesse gehen mit Störungen der Schmerzverarbeitung und der –kommunikation einher. Kognitive Dysfunktion ist ein wesentlicher Faktor, der zur Unterbehandlung Demenzkranker führt. Komorbidität ist bei Demenzkranken häufig und eine wesentliche Schmerzursache. Im Rahmen einer strukturierten Schmerzerfassung und -einschätzung sollte daher bei der Behandlung von dementen Patientinnen und Patienten noch stärker als sonst auf indirekte Schmerzzeichen geachtet werden. Entsprechende Skalen stehen zur Verfügung, und wir propagieren deren Anwendung. Multimodale Schmerztherapie ist eindimensionalen Ansätzen gegenüber überlegen. Eine detaillierte Darstellung der Wirkungen und Wechselwirkungen derzeit verfügbarer Analgetika im geriatrischen Einsatz ist wesentlicher Bestandteil dieser Übersicht.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt
Universitätsklinik für Neurologie
Medizinische Universität Graz
Email: reinhold.schmidt@medunigraz.at
Übersicht
Ist unsere Praxis der medikamentösen Rückfallprophylaxe bei Schizophrenen Psychosen wirklich evidenzbasiert?
Hans Schanda und Thomas Stompe
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 14–26
Ist unsere Praxis der medikamentösen Rückfallprophylaxe bei Schizophrenen Psychosen wirklich evidenzbasiert?
Hans Schanda1,2 und Thomas Stompe1,2
1Justizanstalt Göllersdorf, 2Medizinische Universität Wien, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie
Anliegen, Methode: Die medikamentöse Rückfallprophylaxe nimmt bei der Behandlung schizophrener Psychosen eine zentrale Stellung ein. Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über die Literatur zu Fragen der Medikamentencompliance unter besonderer Berücksichtigung von Antipsychotika der 2. Generation und von Depotpräparaten und beschreibt die sich daraus ergebenden Konsequenzen für den klinischen Alltag. Zugleich wird überprüft, ob die geübte Praxis tatsächlich dem aktuellen Wissensstand entspricht. Ergebnisse: Die medikamentöse Compliance bei schizophrenen Erkrankungen beträgt selbst bei nur wenige Monate laulaufenden Studien knapp 50%. Die negativen Auswirkungen medikamentöser Noncompliance auf Rückfalls- und Rehospitalisierungsraten, Morbidität und Mortalität, insbesondere Suizid, sowie ökonomische Belastungen der Gesellschaft sind gravierend. Eine konsequente, ausreichend lange antipsychotische Behandlung ist mit hochsignifikant günstigeren Outcomes in sämtlichen Bereichen verbunden. Depotpräparate sind diesbezüglich einer peroralen Medikation - auch mit Antipsychotika der 2. Generation - eindeutig überlegen. Diese Ergebnisse stehen in eklatantem Widerspruch zur klinischen Praxis, wo Depotpräparate nur in geringem Ausmaß zu Anwendung kommen. Schlussfolgerungen: Die regelmäßig gegen die Verschreibung von Depots vorgebrachten Argumente können aufgrund der zur Verfügung stehenden Literatur klar widerlegt werden: 1) Entgegen allen Annahmen sind nebenwirkungsärmere Antipsychotika der 2. Generation nicht imstande, die Compliance zu verbessern. 2) Die Befürchtung, dass die Verabreichung von Depotpräparaten einen massiven Eingriff in die Selbstbestimmung eines Patienten darstellt und daher nur in Ausnahmefällen zu rechtfertigen ist, lässt den Autonomieverlust eines Patienten im Falle eines psychotischen Rückfalls außer Acht. 3) Die Behauptung, dass die überwiegende Mehrzahl der Patienten Depotinjektionen ablehnen würde, ist falsch. Die (weniger auf Tatsachen, sondern wohl eher auf Emotionen basierenden) Vorbehalte liegen vielmehr eindeutig auf Seiten der behandelnden Ärzteschaft. Antipsychotika in Depotform sind in der Mehrzahl der Fälle das Mittel der Wahl zur Langzeitbehandlung bzw. Rückfallprophylaxe schizophrener Psychosen.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Hans Schanda
Justizanstalt Göllersdorf
Email: hans.schanda@meduniwien.ac.at
Original
Inanspruchnahme stationärer Behandlungen nach Abbau stationärer Kapazitäten: Das Angebot beeinflußt die Nachfrage
Wolfram Kawohl, Carlos Nordt, Ingeborg Warnke, Christian Kistler, Vladeta Ajdacic-Gross und Wulf Rössler
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 27–32
Inanspruchnahme stationärer Behandlungen nach Abbau stationärer Kapazitäten: Das Angebot beeinflußt die Nachfrage
Wolfram Kawohl1, 2, 3, Carlos Nordt2, 3+, Ingeborg Warnke2, 3+, Christian Kistler4, Vladeta Ajdacic-Gross2, 3 und Wulf Rössler2, 3
1Forschungsgruppe Klinische und Experimentelle Psychopathologie, 2Forschungsgruppe Public Mental Health, 3Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie ZH West, Psychiatrische
Universitätsklinik Zürich, 4Städtische Gesundheitsdienste Zürich
Anliegen: Neben der Berücksichtigung sozioökonomischen Faktoren spielen in der Bedarfsplanung psychiatrischer Angebote die Bedürfnisse von Patienten sowie politische und gesundheitsökonomische Aspekte eine wichtige Rolle. Ziel dieser Untersuchung war es, die Auswirkung einer Veränderung des stationär psychiatrischen Angebotes auf die Inanspruchnahme stationärer psychiatrischer Behandlung zu untersuchen. Methodik: Die stationären Aufnahmen aus einer von einer Umstrukturierung des stationären psychiatrischen Angebotes betroffenen Region im Kanton Zürich, Schweiz, wurden mit denen aus dem gesamten Kanton verglichen. Ergebnisse: Innerhalb der ersten zwei Jahre nach Wegfall des stationären Behandlungsangebotes unterlag trotz eines einfach zu erreichenden stationären Alternativangebotes die Anzahl stationärer Aufnahmen der Patienten aus dem betroffenen Sektor im Vergleich zum restlichen Kanton einem signifikanten Rückgang. Im Gegensatz dazu nahmen die Aufnahmen privat versicherter Patienten aus dem betroffenen Sektor sowie allgemein- und privat versicherter Patienten im restlichen Kanton weiterhin zu. Schlussfolgerung: Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass allgemein versicherte Patienten nach Wegfall eines stationären Angebotes zunächst weniger auf eine stationäre Alternative zurückgreifen, auch wenn diese leicht erreichbar ist.Correspondence to:
Dr. med. Wolfram Kawohl
Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie ZH West
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Email: wolfram.kawohl@puk.zh.ch
Original
Subjektive Krankheitsmodelle zwischen spezifischer Krankheitserfahrung und Kultur
Kristina Ritter, Haroon R. Chaudhry, Martin Aigner, Werner Zitterl und Thomas Stompe
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 33–41
Subjektive Krankheitsmodelle zwischen spezifischer Krankheitserfahrung und Kultur
Kristina Ritter1, Haroon R. Chaudhry2, Martin Aigner 3, Werner Zitterl3,4 und Thomas Stompe3,4
1Institut für Suchtdiagnostik, Wien, 2University Hospital Lahore, Pakistan, 3Univ. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, 4Justizanstalt Göllersdorf, Niederösterreich
Anliegen: Subjektive Krankheitsmodelle sind Repräsentationen über Entstehung, Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten Psychischer (und physischer) Erkrankungen. Sie spielen eine zentrale Rolle sowohl für das Zustandekommen einer psychotherapeutischen Interaktion, als auch für eine stabile (medikamentöse) Compliance. Unklar ist, ob diese Repräsentationen vorwiegend durch den kulturellen Hintergrund oder durch krankheitsspezifische Leidenserfahrungen geprägt sind, eine Frage, die im Zeitalter gobaler Flüchtlingsströme zunehmend an Bedeutung gewinnt. Methode: In die Studie eingeschlossen waren 203 Österreicher (125 mit Schizophrenie, 78 mit Zwangserkrankung) und 190 Pakistanis (120 mit Schizophrenie, 70 mit Zwangserkrankung). Die Erhebung der subjektiven Erkrankungsmodelle erfolgte mit der deutschen Version des „Causal Explanations of Mental Disorders“ (CEMD), eines 41-Item Self-rating Fragebogens. Ergebnisse: Pakistanis waren mehr magisch-religiös orientiert, Österreicher folgten mehr dem bio-psycho-sozialen Erklärungsansatz. Der kulturelle Hintergrund ist für die subjektiven Erkrankungsmodelle deutlich wichtiger als die krankheitsspezifischen Leidenserfahrungen. Schlussfolgerungen: Obwohl das Erleben der eigenen Erkrankung eine gewisse Rolle für krankheitsspezifische Kognitionen spielt, sind die subjektiven Krankheitsmodelle ganz wesentlich durch die kulturelle Herkunft bestimmt. Es ist daher erforderlich, dass die (transkulturelle) Psychiatrie in gesteigertem Maße die Ergebnisse der kulturanthropologischen Forschung rezipiert.Correspondence to:
DDr. Kristina Ritter
Institut für Suchtdiagnostik, Wien
Email: kristina.ritter@chello.at
Original
Gesundheitsbezogene Versorgungskosten schwer psychisch erkrankter Patienten und ihrer Angehörigen während gemeindepsychiatrischer Betreuung
Thomas W. Kallert und Ines Nitsche
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 42–55
Gesundheitsbezogene Versorgungskosten schwer psychisch erkrankter Patienten und ihrer Angehörigen während gemeindepsychiatrischer Betreuung
Thomas W. Kallert1,2,3 und Ines Nitsche2
1Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Park-Krankenhaus Leipzig-Südost GmbH, Leipzig, 2 Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden, Dresden, 3Soteria Klinik Leipzig GmbH, Leipzig
Anliegen: Bislang wurden im deutschen Sprachraum nur wenige Kostenanalysen gemeindepsychiatrisch versorgter Patientengruppen vorgelegt. Darunter gibt es bislang keine Untersuchung zu gesundheitsbezogenen betreuungsassoziierten Versorgungskosten für betreuende Angehörige. Ziel der Studie war es daher, gesundheitsbezogene direkte Versorgungskosten schwer schizophren oder affektiv erkrankter Patienten sowie ihrer Angehörigen während gemeindepsychiatrischer Betreuung zu erfassen und auf ihre Abhängigkeit von der Diagnosegruppe hin zu analysieren. Methode: Mit dem CSSRI-D wurden in Dresden 69 Patienten sowie die sie betreuende Hauptbezugsperson aus dem privaten Umfeld zweimal im Abstand von 3 Monaten untersucht. Ergebnisse: Zu beiden Untersuchungszeitpunkten fielen 25,35% bzw. 38,24% der direkten Versorgungskosten von Angehörigen betreuungsassoziiert an. Dies entspricht 9,12% bzw. 22,74% der zu diesen Zeitpunkten anfallenden Versorgungskosten der Patienten. Diese hängen nicht von der diagnostischen Zuordnung ab, sondern vom aktuellen Schweregrad der Psychopathologie. Versorgungskosten der Angehörigen werden zudem wesentlich durch das soziale Kontrollverhalten sowie das Kohärenzerleben der Angehörigen beeinflusst. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse verweisen nicht nur auf die Relevanz von gesundheitsbezogenen Versorgungskosten, die Angehörige während ihrer Betreuungsleistung generieren. Zudem ergeben sich therapeutische Ansätze für die Minimierung derselben, z.B. die Beschäftigung mit protektiven Faktoren seelischen Wohlbefindens in Betreuungsangeboten für Angehörige.Correspondence to:
Prof. Dr. med. habil. Thomas W. Kallert
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Parkkrankenhaus Leipzig-Südost GmbH
Email: thomas.kallert@parkkrankenhaus-leipzig.de
Original
Suizidversuche bei affektiven Störungen in der Notaufnahme
Maurizio Pompili, Marco Innamorati, Giancarlo Giupponi, Roger Pycha, Gianluca Serafini Antonio Del Casale, Giovanni Dominici, Giulia Iacorossi, Alberto Forte, Nicoletta Girardi, Stefano Ferracuti und Roberto Tatarelli
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 56–63
Suizidversuche bei affektiven Störungen in der Notaufnahme
Maurizio Pompili1,2, Marco Innamorati1,3, Giancarlo Giupponi4, Roger Pycha5, Gianluca Serafini1 Antonio Del Casale1, Giovanni Dominici1, Giulia Iacorossi1, Alberto Forte1, Nicoletta Girardi1, Stefano Ferracuti1 und Roberto Tatarelli1
1Department of Psychiatry, Sant’Andrea Hospital, Sapienza University of Rome, Italy, 2McLean Hospital – Harvard Medical School, USA, 3Università Europea di Roma, Italy, 4Ospedale S. Maurizio Bolzano, Italia, 5Psychiatrischer Dienst Bruneck (BZ), Italien, 6Department of Psychiatry and Psychological Medicine, Sapienza University of Rome, Italy
Anliegen: Das Ziel dieser Arbeit war, die Risikofaktoren zu untersuchen, die bei erwachsenen Patienten mit affektiven Störungen in einer Notaufnahme mit suizidalem Verhalten korrelierten. Methode: 283 erwachsene Patienten mit affektiven Störungen, die eine Notaufnahme zwischen 2006 und 2007 aufgesucht hatten, wurden mit 675 erwachsenen Patienten mit anderen Achse-I-Störungen nach DSM-IV-TR verglichen. Die Patienten wurden einer umfassenden psychiatrischen Untersuchung einschließlich des diagnostischen Interviews nach DSM-IV-TR unterzogen. Ergebnisse: Patienten mit affektiven Störungen hatten beinahe doppelt so häufig einen Suizidversuch begangen (Odds Ratio[OR]=1,97 [95% Konfidenzintervall [CI]: 1,29/3,03]; p<0,01) oder im psychiatrischen Interview Suizidgedanken geäußert (OR=1,75 [95%CI: 1,01/3,03]; p< 0,05) wie die Vergleichsgruppe. Patienten mit affektiven Störungen nach Suizidversuch äußerten im psychiatrischen Gespräch mit mehr als dreimal höherer Wahrscheinlichkeit Suizidgedanken (OR=3,26 [95%CI: 1,46/7,30]; p< 0,01) als Patienten mit affektiven Störungen ohne vorgängigen Suizidversuch. Schlussfolgerungen: Suizidales Verhalten ist für Patienten mit affektiven Störungen ein vorrangiger Grund, eine Notaufnahme aufzusuchen. Das Suizidrisiko ist in den einem Suizidversuch und einer Notaufnahme folgenden Stunden weiter hoch. Deshalb müssen Interventionen zur Behandlung von affektiven Störungen und Suizidalität an Notaufnahmen sorgfältig geplant werden.Correspondence to:
Maurizio Pompili, M.D.
Sant’Andrea Hospital
Dept. of Psychiatry, Roma, Italy
Email: maurizio.pompili@uniroma1.it
Bericht
Von Economo und Inselrinde – Brücke von Soma und Psyche
Christian Sorg, Jürgen Schlegel und Hans Förstl
Abstract
Neuropsychiatrie, Band 24, Nr. 1/2010, S. 64–66
Von Economo und Inselrinde – Brücke von Soma und Psyche
Christian Sorg1, Jürgen Schlegel2 und Hans Förstl1
1Klinik und Poliklink für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität München, 2Abteilung für Neuropathologie, Institut für Pathologie, Technische Universität München
Neue Forschungsergebnisse legen eine wichtige Rolle der Inselrinde sowohl bei der Integration somatischer Informationen nahe, als auch bei intuitiven Entscheidungen in komplexen sozialen Situationen. Eine enge Koppelung von anteriorer Inselrinde und Gyrus cinguli anterior konnte jüngst mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) gezeigt werden. Ausschliesslich in diesen beiden Hirnregionen finden sich beim Menschen die Spindelzellen (= von Economo-Neuronen), die ansonsten nur in sehr geringer Zahl bei unseren nächsten sozial lebenden Verwandten nachzuweisen sind. Frontotemporale Demenz, Corpus callosum Agenesie und Autismus sind Erkrankungen, bei denen die Spindelzellen in besonderem Masse reduziert sind; bei den Betroffenen sind sowohl die Selbstwahrnehmung, als auch die soziale Interaktionsfähigkeit stark beeinträchtigt. Es wird angenommen, dass die vordere Inselrinde gemeinsam mit dem Gyrus cinguli anterior den zentralen Knotenpunkt für Körperbewusstsein und Handeln repräsentiert.Correspondence to:
Prof. Dr. Hans Förstl
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Klinikum rechts der Isar
Technische Universität München
Email: hans.foerstl@lrz.tu-muenchen.de