Band 23, No. S 1/2009(Sonderheft 1)
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Neuropsychiatrie
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Editorial
Psychopathie – die Renaissance eines Persönlichkeitskonzeptes in der forensischen Psychiatrie
Th. Stompe
Übersicht
Psychopathie – Geschichte und Dimensionen
Thomas Stompe
Abstract
Thomas Stompe1,2
1Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
2Justizanstalt Göllersdorf
Psychopathie (oder aktueller „Psychopathy“) ist ein Konzept, dass in der forensischen Psychiatrie in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Dieser Artikel beschreibt die Geschichte dieses Begriffs, die mit Pinel und Rush Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzt, bis zu den gegenwärtigen Diskussionen um die innere Struktur dieser Persönlichkeitsstörung.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Thomas Stompe
Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Universität Wien
Email: thomas.stompe@meduniwien.ac.at
Übersicht
Biologische Grundlagen und Psychopharmakotherapie der Psychopathie
Kristina Ritter und Thomas Stompe
Abstract
Kristina Ritter1 und Thomas Stompe2,3
1Neurologisches Zentrum Rosenhügel des Krankenhauses Hietzing, Wien
2Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und
Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
3Justizanstalt Göllersdorf
Diese Arbeit bietet eine Zusammenfassung der neurobiologischen Grundlagen der Psychopathie. Es gibt Hinweise, dass manche Eigenschaften dieser Persönlichkeitsstörung genetisch bedingt sind. Bestätigt wird die Annahme einer biologischen Basis der Psychopathie durch bildgebende Verfahren und durch Serumspiegeluntersuchungen (Serotonin). Aus den Ergebnissen dieser Studien, den Eigenschaften von psychopathischen Persönlichkeiten (Impulsivität, Aggressivität) und aus psychopharmakologischen Untersuchungen bei Cluster-B Persönlichkeitsstörungen lassen sich medikamentöse Therapieempfehlungen ableiten (Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer, Antikonvulsiva, Neuroleptika). Da Psychopathen in der Regel non-compliant sind, sind vor allem Medikamente zu bevorzugen, die intramuskulär verabreicht werden können oder deren Serumspiegelbestimmung routinemäßig möglich ist.Correspondence to:
DDr. Kristina Ritter
Neurologisches Zentrum Rosenhügel des
Krankenhauses Hietzing, Wien
Email: kristina.ritter@chello.at
Übersicht
Psychotherapie bei Psychopathie
Heidi Kastner
Abstract
Heidi Kastner
Forensische Abteilung der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg, Linz
Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden der „psychopathy“ hat seit der Erstbeschreibung der späterhin von Hare definierten Störung durch Cleckley vom ursprünglich resignativen therapeutischen Nihilismus zu einem vorsichtigen Optimismus geführt. Als unabdingbare Voraussetzung effizienter Therapie wird dabei die Akzeptanz der affektiv- interpersonellen Besonderheiten und der daraus resultierende Verzicht auf ein emotional betontes und am klassischen psychotherapeutischen Verständnis orientiertes Arbeitsbündnis angesehen. Bei Berücksichtigung der störungsspezifischen Merkmale konnte mittlerweile empirisch in mehreren Studien die Wirksamkeit therapeutischer Intervention bestätigt werden.Correspondence to:
Dr. Heidi Kastner
Primaria der Forensischen Abteilung der
Landesnervenklinik Wagner Jauregg, Linz
Email: heidi.kastner@gespag.at
Überischt
Psychopathie bei Frauen: Konzept, klinisches Erscheinungsbild und Therapiestrategien
Caroline Logan
Abstract
Caroline Logan
Mersey Care NHS Trust & University of Liverpool, England
Die Thematik Psychopathie, Gewalt und Risikoeinschätzung wurden primär an männlichen Erwachsenen untersucht. Studien zu männlichen Psychopathen haben unser gegenwärtiges Verständnis dazu geprägt. Vor allem die Tatsache, dass primär Männer schwere Gewaltdelikte begehen, war wohl für diese Einseitigkeit der wissenschaftlichen Literatur verantwortlich. Aber auch Frauen können sowohl gewalttätig als auch psychopathisch sein. Es soll gezeigt werden, dass auch Frauen durchaus die Kapazität haben anderen Menschen sowohl physisch als auch psychisch schwerwiegende Schäden zuzufügen. Der gegenwärtige Stand der Erkenntnisse der forensischen Psychiatrie zum klinischen Bild und zur Erfassung der Psychopathie bei Frauen wird dargestellt. Danach werden Hinweise für die Existenz der Psychopathy nach Hare bei Frauen zusammengetragen und hinterfragt. Die Eignung der Psychopathy Checklist revised version (PCL-R) als Erhebungsinstrument für den Gebrauch in der klinischen Praxis für diese Population, sowie der Zusammenhang zwischen weiblicher Psychopathie und Gewalttätigkeit, Delinquenz sowie Rückfallswahrscheinlichkeit wird diskutiert. Die Arbeit schließt mit einem Überblick über die Literatur zur Behandlung der Psychopathie bei Frauen und mit Vorschlägen für zukünftige Forschung zu dieser Thematik.Correspondence to:
Caroline Logan DPhil
Secure Psychological Services
Ashworth Hospital, Parkbourn,
Maghull, Liverpool, England
Email: carolinelogan@nhs.net
Originalarbeit
Psychopathy und die Rückfallprognose für Gewalttaten
Norbert Nedopil
Abstract
Norbert Nedopil
Psychiatrische Klinik Klinikum Innenstadt der Universität München, München
Das Psychopathy-Konzept wurde ursprünglich von Hare zur zuverlässigen Erfassung einer Persönlichkeit entwickelt, um Gefängnisinsassen zu charakterisieren und den Umgang mit ihnen zu erleichtern. Im Laufe der Jahre wurde erkannt, dass es sich aus mehreren Facetten zusammensetzt, die faktorenanalytisch bestimmbar waren. Derzeit wird von Cooke eine Drei-Faktoren-Struktur angegeben, die (1) ein arrogantes und auf Täuschung angelegtes zwischenmenschliches Verhalten, (2) eine gestörte Affektivität und (3) ein impulsives und verantwortungsloses Verhaltensmuster enthält. Hare hat in einem Zwei- Faktoren-vier-Facetten Modell den drei Faktoren noch ein „rule braking behavior“ hinzugefügt. Unabhängig von der Funktion der PCL-R als Erfassungsinstrument für das Psychopathy-Konzept hat sich die PCL-R als weltweit am meisten angewendetes und am besten untersuchten Prognoseinstrument für kriminelle Rückfälle erwiesen. Die überragende Bedeutung der PCL-R bei der Risikoeinschätzung (insbesondere für gewalttätige Rückfälle) hat sich auch in dem Münchner Prognose Projekt (MPP) an 262 Probanden erwiesen. Gleichzeitig ist allerdings auch bei Anwendung dieses Instrumentes die Zahl der „Falsch Positiven“ mit minimal 60% noch relativ hoch. Diese Zahlen mahnen weiterhin zur Vorsicht und dazu, die prognostische Kompetenz nicht zu überschätzen auch wenn Prognoseinstrumente zu Hilfe genommen werden.Correspondence to:
Prof. Dr. N. Nedopil
Psychiatrische Klinik Klinikum Innenstadt der Universität München, München
Email: Norbert.Nedopil@med.uni-muenchen.de
Originalarbeit
Schizophrenie, Psychopathie und Delinquenz
Thomas Stompe, und Hans Schanda
Abstract
Thomas Stompe1,2 und Hans Schanda1,2
1Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
2Justizanstalt Göllersdorf
Anliegen: Schizophrenie, antisoziale Persönlichkeitsstörung und Psychopathie sind mit einer erhöhten Kriminalitätsrate assoziiert. Im Maßnahmenvollzug sind Patienten mit Doppeldiagnosen (schizophrene Erkrankung, Psychopathie) häufig anzutreffen. Wenig erforscht ist noch, wieweit sich schizophrene Straftäter mit und ohne komorbider psychopathischer Persönlichkeitsstörung in Faktoren wie sozialen Herkunft, Substanzmissbrauch und Delinquenzmuster unterscheiden. Methode: Mittels der Psychopathy Checklist revised version (PCL-R) wurden 106 nach § 21 Abs. 1 StGB in der Justizanstalt Göllersdorf untergebrachte Maßnahmepatienten mit Schizophrenie nach DSM-IV in eine Gruppe mit komorbider Psychopathy (N=21) und ohne komorbide Psychopathy (N=85) unterteilt. Sozialisationsparameter und Familienstrukturen wurden in einem semistrukturierten Interview erfragt, das kriminelle Verhalten aus den Polizei- und Gerichtsakten erhoben. Ergebnisse: Während sich die beiden Gruppen in ihrer sozialen Herkunft nur wenig unterscheiden, zeigen schizophrene Patienten mit Psychopathy häufiger einen multiplen Substanzmissbrauch. Sie beginnen ihre kriminelle Laufbahn früher und begehen mehr Straftaten. Im Gegensatz zu den Straftätern ohne Psychopathy handeln sie nahezu nie aufgrund psychotischer Symptome. Schlussfolgerungen: Schizophrene mit Psychopathy zeigen in ihrem Verhalten mehr Ähnlichkeiten mit nichtschizophrenen Psychopathen als mit Schizophrenen ohne Psychopathy. Dieser Umstand hat erhebliche Konsequenzen für die Therapieplanung und Risikoeinschätzung in der forensischen Psychiatrie.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Thomas Stompe
Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Universität Wien
Email: thomas.stompe@meduniwien.ac.at
Originalarbeit
Psychopathische Persönlichkeitscharakteristika bei einer Gruppe von verurteilten Sexualstraftätern: Zusammenhänge zwischen Tätertypus und Einfluss auf Rückfälligkeit
Reinhard Eher, und Martin Rettenberger
Abstract
Reinhard Eher1,2 und Martin Rettenberger1
1Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt und Sexualstraftäter im Strafvollzug, Wien
2Universität Ulm, Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Sektion Forensische Psychotherapie
Anliegen: Im vorliegenden Artikel wird das Auftreten von psychopathischen Persönlichkeitscharakteristika bei Sexualstraftätern untersucht. Es wird die Basisrate der Psychopathie an einer Gruppe von inhaftierten Sexualstraftätern ebenso untersucht wie der Einfluss der Psychopathie auf die einschlägige Rückfallwahrscheinlichkeit. Methode: 663 Sexualstraftäter, bei denen im Rahmen einer ausführlichen Begutachtung im Österreichischen Strafvollzug die PCL-R erhoben und klinisch-sexologische Diagnosen gestellt wurden, wurden untersucht. Ergebnisse: Erwartungsgemäß war in der Gruppe der Vergewaltiger der Anteil an PCLR Hochscorern größer (44,9%) als in der Gruppe der Kindesmissbraucher (20,8%). In dieser Gruppe wiederum war die PCL-R sehr gut in der Lage, auch den sexuell motivierten Rückfall vorherzusagen. Insgesamt führte die Psychopathie zu einer Steigerung der einschlägigen Rückfallraten sowohl bei Täter mit als auch ohne sexuelle Devianz. Schlussfolgerungen: Die Psychopathie ist auch für die forensische Sexologie ein relevantes Konstrukt. Prognoseeinschätzungen bei Sexualstraftätern ohne Erfassung psychopathischer Persönlichkeitscharakteristika und deren Implikationen für Gefährlichkeit und Rückfallwahrscheinlichkeit sind zu vermeiden.Correspondence to:
Priv. Doz. Dr. Reinhard Eher
Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter im Strafvollzug
Justizanstalt Wien-Mittersteig, Außenstelle
Floridsdorf, Wien
Email: reinhard.eher@justiz.gv.at
Kritisches Essay
Psychopathieartige Persönlichkeitszüge bei Kindern und Jugendlichen
Lorraine Johnstone und David J. Cooke
Abstract
Lorraine Johnstone und David J. Cooke
Directorate of Forensic Mental Health, Glasgow, Scotland UK & Glasgow Caledonian
University, Scotland, UK
Die Erforschung der Psychopathie bei Erwachsenen hat einen nachhaltigen und wichtigen Beitrag für unser Verständnis und unseren Umgang mit bestimmten erwachsenen Rechtsbrechern geleistet. Inzwischen wird versucht, dieses Konstrukt für Kinder und Jugendliche zu adaptieren. Ziele sind die frühe Identifizierung und, daraus folgend, die Prävention und rechtzeitige Behandlung. Es existieren bereits einige Instrumente zur Untersuchung von psychopathie-artigen Persönlichkeitszügen bei Kindern und Jugendlichen: Zwei davon sind kommerziell erhältlich und können für klinische und rechtliche Entscheidungsfindungen bei antisozialen Jugendlichen eingesetzt werden. Die Ausdehnung dieses Konstrukts auf Kinder und Jugendliche ist allerdings umstritten und wirft komplexe Probleme auf. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Sinnhaftigkeit und dem Nutzen der aktuellen Bemühungen auseinander, das Erwachsenenkonstrukt der Psychopathie auf Kinder und Jugendliche anzuwenden. Anhand der vorhandenen Literatur sollen Kriterien entwickelt werden um die Brauchbarkeit des Konzepts bei Jugendlichen beurteilen zu können. Wir meinen, dass die gegenwärtig verfügbaren Modelle der Konzeptualisierung psychopathie-artiger Persönlichkeitszüge bei Kindern und Jugendlichen über keine ausreichende Reliabilität und Validität verfügen. Obwohl einige Ergebnisse gut mit den Untersuchungen bei Erwachsenen übereinstimmen, zeigen sich auch eklatante Unterschiede. Weiterführende, differenziertere Untersuchungen, die vermehrt entwicklungspsychopathologische Erkenntnisse einbeziehen, sind Es erscheint unter diesen Bedingungen verfrüht, die vorhandenen wissenschaftlichen Ergebnisse in die praktische Arbeit mit Jugendlichen umzusetzen.Correspondence to:
Lorraine Johnestone
Directorate of Forensic Mental Health, Glasgow, Scotland UK & Glasgow Caledonian University, Scotland, UK
Email: johnstone573@aol.com
Bericht
Kulturelle Varianten der psychopathischen Persönlichkeit
David J. Cooke
Abstract
David J. Cooke
Glasgow Caledonian University
Psychopathie ist eine Persönlichkeitsstörung, d.h. eine chronische Beeinträchtigung des Verhältnisses vom Selbst zum anderen und zur Umwelt, woraus Leidensdruck oder die Unfähigkeit zur Übernahme sozialer Rollen und Verpflichtungen resultieren. Persönlichkeitsstörungen beeinflussen das Denken, Fühlen und Verhalten eines Individuums. Die psychopathische Persönlichkeitsstörung ist eine spezielle Form der Persönlichkeitsstörung, die durch drei Dimensionen charakterisiert ist: ein dominantes, manipulatives und abwertendes zwischenmenschliches Verhalten, eine defizitäre Affektivität, die sich durch einen Mangel an Reue und Schuldgefühlen auszeichnet sowie ein impulsives und unbedachtes Verhalten. Dieses Persönlichkeitsmuster wurde in vielen Gesellschaften gefunden. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede psychopathischer Verhaltensweisen in unterschiedlichen Kulturen werden dargestellt und diskutiert.Correspondence to:
D.J. Cooke, Professor of Psychology
Glasgow Galedonian University
Cowcaddens Road
Glasgow, G4 0BA
Email: djcooke@rgardens.vianw.co.uk