Band 23, No. 2/2009(Ausgabe 2)
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Neuropsychiatrie
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Übersicht
Antipsychotika und Hyperprolaktinämie: Pathophysiologie, klinische Bedeutung, Abklärung und Therapie
Anita Riecher-Rössler, Christoph Schmid, Stefan Bleuer und Martin Birkhäuser
Abstract
Anita Riecher-Rössler1, Christoph Schmid2, Stefan Bleuer3 und Martin Birkhäuser4
1Psychiatrische Poliklinik, Universitätsspital Basel, 2Universitätsspital Zürich, Departement Innere Medizin, Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung, 3Psychiatriezentrum, Fachklinik für Psychiatrie, Münsingen, 4Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Universitäts-Frauenklinik, Inselspital, Bern
Hyperprolaktinämie ist eine häufige, oft vernachlässigte unerwünschte Wirkung herkömmlicher, aber auch vieler neuerer, so genannt atypischer Neuroleptika, wie Amisulpirid, Risperidon oder Ziprasidon. Potentielle Folgen sind neben einer Galaktorrhoe eine Suppression der hypothalamisch-hypophysären-gonadalen Achse mit Hypogonadismus, sexueller Dysfunktion, Infertilität, bei prämenopausalen Frauen zudem Zyklusstörungen und Amenorrhoe. Mögliche Langzeitfolgen sind insbesondere Osteopenie und Osteoporose mit erhöhtem Frakturrisiko. Eine Hyperprolaktinämie erfordert eine aufwändige Differenzialdiagnose, wenn sie nicht eindeutig durch ein prolaktin-erhöhendes Neuroleptikum verursacht wurde. Idealerweise sollte deshalb schon vor Einstellung auf ein entsprechendes Neuroleptikum eine Prolaktinbestimmung erfolgen. Auch sollte bei allen Patienten vor Einstellung auf ein entsprechendes Neuroleptikum - und in regelmässigen Abständen auch danach - eine Anamnese im Hinblick auf die genannten möglichen klinischen Zeichen der Hyperprolaktinämie durchgeführt werden. Eine eindeutig Neuroleptika- induzierte Hyperprolaktinämie ohne klinische Symptome erfordert lediglich regelmässige Kontrollen der Knochendichte. Treten dagegen klinische Symptome auf, so kann die Umstellung auf ein prolaktin-neutrales Neuroleptikum indiziert sein. Dabei ist wegen der sich dann häufig normalisierenden Fertilität unbedingt über das erhöhte Schwangerschaftsrisiko zu informieren und gegebenenfalls eine Kontrazeptionsberatung durchzuführen. Ist eine Umstellung nicht möglich, so sollte bei Frauen eine Östrogensubstitution erfolgen; auch bei Männern mit Hypogonadismus ist eine Hormonsubstitution (mit Testosteron) in der Regel indiziert. Insgesamt sollte die Hyperprolaktinämie bei psychiatrischen Patienten künftig stärkere Beachtung finden.Correspondence to:
Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler
Chefärztin, Psychiatrische Poliklinik
Universitätsspital Basel
Email: ariecher@uhbs.ch
Übersicht
Beitrag der funktionellen Magnetresonanztomographie zum Verständnis psychiatrischer Störungen
Yvonne Höller, Martin Kronbichler, , Angelika Zeller, Stefanie Klein, Hartmann Hinterhuber, Stefan Golaszewski, und Gunther Ladurner
Abstract
Yvonne Höller1, Martin Kronbichler1, 2, Angelika Zeller1, Stefanie Klein1, Hartmann Hinterhuber3, Stefan Golaszewski1,4 und Gunther Ladurner1
1Christian-Doppler-Klinik, Neurologie, Salzburg, 2Fachbereich Psychologie, Universität Salzburg, 3Univ.-Klinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Innsbruck, 4fMRI-Labor, Univ.-Klinik für Psychatrie, Medizinische Universität Innsbruck
Die Forschung mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) bei psychiatrischen Störungen birgt wertvolle Informationen für die Erforschung psychologischer und medikamentöser Therapien sowie störungsspezifischer Defizite. Die Potenziale liegen dabei in der Identifizierung von Hirnaktivitätsunterschieden zwischen klinischen, subklinischen und gesunden Personen bei speziellen Aktivierungsparadigmen. Die Methodik solcher Untersuchungen beruht auf Versuchsplänen, welche es erlauben, eine mittlere Aktivierung bei verschiedenen Bedingungen zu berechnen. Methodische Schwierigkeiten, die es insbesondere erfordern, die Wahl der Stichprobe z.B. hinsichtlich Komorbiditäten und Medikamentation besonders sorgfältig zu treffen und aufwändige statistische Verrechnungen sind nach wie vor problematische Begleiter dieses Forschungsansatzes. Für die Untersuchung von therapeutischen Interventionen ist insbesondere der Placeboeffekt zu berücksichtigen. Trotzdem stellt sich die fMRT als viel versprechender Weg dar. Für die breite Anwendung in Zukunft wäre es sinnvoll, standardisierte Methoden zu bilden, anhand welcher eine valide Funktionsdiagnostik möglich wird. Die Integration von fMRT mit anderen verschiedenen Messtechnologien und die Verbindung mit genetischer Forschung bereichern den Erkenntniswert dieser Wissenschaft.Correspondence to:
Yvonne Höller
Universitätsklinikum für Neurologie,
Christian Doppler Klinik
Email: yvonne.hoeller@sbg.ac.at
Original
Das Bild der Psychotherapie(n) – ein Vergleich zwischen angehenden Psychotherapeuten und Laien
Henriette Löffler-Stastka, Victor Blüml, Elisabeth Ponocny-Seliger, Elisabeth Jandl-Jager, August Ruhs und Marianne Springer-Kremser
Abstract
Henriette Löffler-Stastka, Victor Blüml, Elisabeth Ponocny-Seliger, Elisabeth Jandl-Jager, August Ruhs und Marianne Springer-Kremser
Univ.-Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
Anliegen: Es wurde der Bekanntheitsgrad der verschiedenen österreichischen Psychotherapierichtungen, sowie die mit den verschiedenen Schulen verbundenen unbewussten und bewussten konnotativen Bedeutungshöfe einerseits bei angehenden Psychotherapeuten und andererseits bei Laien untersucht. Methode: 175 Personen (gegliedert in 3 Subgruppen) wurden mittels eines Fragebogens bezüglich Kenntnis und Präferenzen der Therapierichtungen befragt. Mit Hilfe des semantischen Differentials wurde versucht, konnotative Wortbedeutungen zu operationalisieren. Ergebnisse: Auf Seite der Laien bestehen bedeutende Informationsdefizite bezüglich der Existenz der vielfältigen Psychotherapierichtungen. Die Unterschiede bei den Konnotationen zwischen den Gruppen sind eher gering: unabhängig vom Bekanntheitsgrad lassen sich in den drei Polaritätsprofilfaktoren (Aktivität, Potenz, Valenz) vier Therapie-Typen clusteranalytisch identifizieren. Schlussfolgerungen: Neben Hinweisen auf die Notwendigkeit einer umfangreicheren Information der Bevölkerung über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten und der Berücksichtigung der Konnotationen bei Überweisungs- und Indikationsstellungsprozessen wird speziell die Situation der angehenden Psychotherapeuten diskutiert.Correspondence to:
Dr. Henriette Löffler-Stastka
Univ.-Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie
Medizinische Universität Wien
Email: henriette.loeffler-stastka@meduniwien.ac.at
Original
Psychoedukation und Lebensqualität bei depressiven Erkrankungen – Ergebnisse einer Grazer Evaluationsstudie
Barbara Kreiner, Andreas Baranyi, Alexandra Stepan und Hans-Bernd Rothenhäusler
Abstract
Barbara Kreiner, Andreas Baranyi, Alexandra Stepan und Hans-Bernd Rothenhäusler
Universitätsklinik für Psychiatrie der Medizinischen Universität Graz
Anliegen: Ziel dieser Studie war es, Effekte von Psychoedukation (PE) auf die Lebensqualität depressiver PatientInnen an der Grazer Universitätsklinik für Psychiatrie zu evaluieren. Methode: 49 depressive PatientInnen nahmen an den insgesamt 9 Einheiten umfassenden und zweimal wöchentlich stattfindenden PE Gruppen teil und wurden mittels Fremdbeurteilungs- und Selbstbeurteilungsfragebögen vor und nach PE untersucht. Ergebnisse: Unsere Evaluationsstudie zeigte eine signifikante Verbesserung in den Bereichen psychische Lebensqualität, Lebenszufriedenheit, Psychopathologie, krankheitsbezogenes Wissen und Compliance nach PE. Mittels Regressionsanalysen wurden Variablen identifiziert, welche den Ausgang bei den depressiven StudienteilnehmerInnen begünstigten. Die überwiegende Mehrheit unserer depressiven PatientInnen empfahl die Teilnahme an PE weiter und erlebte den Zuwachs an krankheitsbezogenem Wissen als hilfreich. Schlussfolgerung: Unsere Ergebnisse mit PE bei depressiven PatientInnen sind ermutigend, bedürfen indes einer Fundierung durch ein kontrolliertes Studiendesign. Insbesondere sollte ein Vergleich mit einer Stichprobe von schizophrenen PatientInnen angestrebt werden, da PE vor allem bei Schizophrenie eine etablierte, gut untersuchte Behandlungsmethode darstellt.Correspondence to:
Univ. Doz. Dr. Hans-Bernd Rothenhäusler
Universitätsklinik für Psychiatrie der
Medizinischen Universität Graz
Email: Hans-Bernd.Rothenhaeusler@klinikum-graz.at
Kritisches Essay
Funktionelle Pathophysiologie des Bewusstseins
Kurt A. Jellinger
Abstract
Kurt A. Jellinger
Institut für klinische Neurobiologie, Wien
Bewusstsein (lat. conscientia „Mitwissen oder Gewissen“) bezeichnet die Fähigkeit, über geistige Zustände zu verfügen und sich dessen gewahr zu sein. Es ist nach John Locke (1632-1704) [103] die Erkenntnis dessen, was im Geist einer Person vor sich geht, während John Searle (2000) es „als innere qualitative, subjektive Zustände und Prozesse der Empfindung und Erkenntnis“ definiert. Nach aktueller Definition ist Bewusstsein die Erkenntnis des Selbst und seiner Umgebung und beschreibt den Grad, in welchem ein Organismus Reize empfindet und wach ist. Dieser biologische Begriff für die komplexen neuronalen Prozesse, die in einem Individuum die äussere und innere Umwelt zu erkennen, zu erfassen und danach zu handeln gestatten, war und ist eines der grössten Probleme von Philosophie und Naturwissenschaft. Oft wird auch Bewusstsein mit Aufmerksamkeit oder Erkenntnis gleichgesetzt. Vermuteten schon die Ägypter (siehe Papyrus Edwin Smith) im Gehirn den Sitz des Bewusstseins, wurden die damit verbundenen anatomischen Strukturen und physiologischen Vorgänge erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufgeklärt. Neuronale Substrate umfassen mehrere Funktionskreise, die hierarchisch organisiert sind und dynamisch zusammenarbeiten: unterste Ebene ist die mesenzephale Formatio reticularis und ihre Projektionen zum Thalamus, die durch die klassischen Versuche von Moruzzi und Magoun als aszendierendes retikuläres Aktivierungssystem (ARAS) identifiziert wurden. Das ARAS des Mittelhirns als Motor für die Funktion höherer Strukturen projiziert 1. über den retikulären Thalamuskern diffus zum Kortex, 2. über den Hypothalamus zum basalen Vorderhirn und zum limbischen System und 3. zur medialen Raphe des Hirnstammes und zum Locus coeruleus mit deren diffusen kortikalen Projektionen. Das retikuläre mesenzephale System wird über zahlreiche Kollateralen durch wichtige somatische und sensorische Bahnen direkt oder indirekt stimuliert und fungiert als Kontrollsystem der neuronalen Aktivität des Kortex. Seine Hauptaufgabe ist die Fokusierung unserer Aufmerksamkeit auf bestimmte Reize und innere Vorgänge, die die verschiedenen Aspekte des Bewusstseins bzw. Wachseins beeinflussen. Reizung des ARAS produziert die Arousalreaktion als elektrisches Korrelat des Bewusstseins; seine Zerstörung erzeugt das Koma. Oberste Ebene sind kortikale (präfrontale und Assoziations-) Netzwerke für Erkennung, Motorik, Langzeitgedächtnis und Aufmerksamkeit, wobei die linken Hemisphäre als dominant gilt. Man unterscheidet verschiedene Grade des Bewusstseins: 1. Hypervigilität, 2. Wachheit, 3. Somnolenz/Lethargie, 4. Schläfrigkeit, 5. Sopor, 6. Koma mit den Unterstufen Wachkoma (apallisches Syndrom), akinetischer Mutismus und Lockedin- Syndrom. Sie werden durch Hirnschädigungen auf verschiedenen Funktionsebenen, durch psychogene Faktoren oder auch experimentell ausgelöst und gehen mit charakterischen neurologischen und psychiatrischen Ausfällen einher. Elektrophysiologische und bildgebende Befunde weisen auf relevante morphologische Läsionen hin. Die Grundzüge der funktionellen Anatomie und Pathophysiologie des Bewusstseins, seiner kognitiven Aspekte sowie seine häufigsten Störungen, deren Ursachen und funktionellen Substrate beim Schlaf sowie spontanen und iatrogenen Störungen des Bewusstseins werden kritisch dargestellt.Correspondence to:
Prof. Dr. K. Jellinger
Institut für Klinische Neurobiologie, Wien
Email: kurt.jellinger@univie.ac.at
Bericht
Depression und Antidepressiva: Auswirkungen auf die Sexualität
Johann F. Kinzl
Abstract
Johann F. Kinzl
Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck
Depression und Antidepressiva (AD) gehen häufig mit einer Beeinträchtigung der sexuellen Funktionsfähigkeit und der sexuellen Zufriedenheit einher. Dabei bestehen deutliche interindividuelle Unterschiede sowohl die Häufigkeit und die Schwere der sexuellen Störung betreffend. Trotz dieser bekannten unerwünschten Wirkungen auf die Sexualität, die zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität, des Selbstwertgefühls, der Stimmungslage, der Partnerbeziehung und der Compliance beitragen können, ist die entsprechende Information durch die Ärzte eher spärlich. Die negativen Auswirkungen der Antidepressiva auf die Sexualität sind multifaktoriell, wobei der hemmenden Wirkung von Serotonin auf die Sexualität eine besondere Bedeutung zukommt. Nicht alle Antidepressiva wirken sich gleich negativ auf die Sexualität aus; Pupropion, Mirtazapin und Moclobemid haben ein besseres Nebenwirkungsprofil bezüglich Sexualität als die SSRI Escitalopram, Paroxetin, Venlafaxin, Sertralin oder Fluoxetin. Es gibt mehrere Optionen für die Behandlung von sexuellen Störungen, die durch Antidepressiva induziert sind, wie das Abwarten über den weiteren Verlauf, eine Dosisreduktion, eine Umstellung auf ein anderes Antidepressivum, eine kurze Medikamentenpause oder die Gabe eines Phosphodiesterase- 5-Hemmers. Diese unerwünschten Begleiteffekte werden zunehmend therapeutisch bei einer häufigen männlichen Sexualstörung der Ejaculatio praecox genutzt. Dazu stehen kurzwirksame SSRI`s zur Verfügung.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Johann F. Kinzl
Dept. für Psychiatrie und Psychotherapie
Klinik für Psychosomatische Medizin
Email: johann.kinzl@uki.at