Band 22, No. 4/2008(Ausgabe 4)
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Neuropsychiatrie
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Editorial
Generika in der Psychiatrie – Verfügen sie über dieselbe therapeutische Äquivalenz wie das Original?
S. Kasper und S. Lentner
Abstract
S. Kasper und S. Lentner
Übersicht
Cannabis und Schizophrenie: Neue Erkenntnisse in einer alten Debatte
Wolfram Kawohl, und Wulf Rössler
Abstract
Wolfram Kawohl1,3 und Wulf Rössler2,3
1Forschungsgruppe Klinische und Experimentelle Psychopathologie, 2Forschungsgruppe Public Mental Health, 3Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie ZH West, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Die Debatte, ob der Gebrauch von Cannabis mit einem höheren Risiko verbunden ist, an einer psychotischen Störung zu erkranken, wird seit den 1930er Jahren geführt. Zwei Fragen sind dabei von zentralem Interesse: Erstens, ob Cannabiskonsum ursächlich für die Entwicklung psychotischer Störungen ist und zweitens, worin die entsprechende neurobiologische Verknüpfung besteht. Die vorliegende Arbeit liefert einen Überblick über epidemiologische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie einerseits und andererseits über neurobiologische Studien zur Wirkung von Cannabis im Gehirn. In den letzten Jahrzehnten durchgeführte Kohortenstudien und neuere Metaanalysen konnten den hypothetisierten Zusammenhang erhärten. Das Risiko, psychotische Symptome und auch eine Schizophrenie zu entwickeln, wird demnach für junge Menschen durch Cannabiskonsum deutlich erhöht. Der Cannabiskonsum kann dabei als Teilursache angesehen werden, es besteht eine Dosisabhängigkeit. Eine Information der breiten Öffentlichkeit über diese Zusammenhänge ist angezeigt, um in Zeiten einer Lockerung des Umgangs mit Cannabis eine Zunahme der Inzidenz psychotischer Störungen durch Cannabiskonsum zu verhindern.Correspondence to:
Dr. med. Wolfram Kawohl; Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie, ZH West, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Email: wolfram.kawohl@puk.zh.ch
Übersicht
Psychiatrische Versorgung in Österreich: Rückblick – Entwicklungen – Ausblick
Ullrich Meise, Johannes Wancata und Hartmann Hinterhuber
Abstract
Ullrich Meise1,2, Johannes Wancata3 und Hartmann Hinterhuber1,2
1Universitätsklinik für Allgemeine Psychiatrie und Sozialpsychiatrie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck, 2Gesellschaft für Psychische Gesundheit – pro mente Tirol, Innsbruck, 3Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
Die frühe Phase der Psychiatriereform, die in Österreich gegen Ende 1970 einsetzte, war von der Enthospitalisierung und den Prinzipien der Gemeindepsychiatrie geprägt. Im stationären Bereich konnten etwa 60% der Betten abgebaut werden; die 10 psychiatrischen Krankenhäuser wurden verkleinert; eines davon geschlossen und psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern eingerichtet. Die Anzahl der Aufnahmen ist dramatisch gestiegen und immer noch wird ein erheblicher Prozentsatz von Patienten mit psychiatrischer Hauptdiagnose an nichtpsychiatrischen Krankenhausabteilungen behandelt. Im ambulanten Bereich verfügen etwa 20% der psychiatrischen Ordinationen über einen §2-Kassenvertrag. Psychotherapeuten stehen in größerem Umfang als Psychiater zur Verfügung. Zumeist durch NGO`s organisiert hat sich ein schwer überblickbares Netz von gemeindenahen sozialpsychiatrischen Einrichtungen und Diensten für die soziale und berufliche Rehabilitation psychisch Kranker mit komplexem Versorgungsbedarf entwickelt. Sie bieten Hilfen in den Bereichen „Psychosoziale Dienste“, „Wohnen“, „Tagesgestaltung“ und „ Arbeit“ an. Neben strukturellen Schwächen wie z.B. der auch durch zunehmende Spezialisierung geförderte Fragmentierung oder der Unterversorgung ländlicher Regionen, liegt für die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung das größte Hindernis in der unzureichenden Koordination und Kooperation. Dies erschwert eine integrierte Versorgung, in der alle Komponenten des Systems zusammenwirken sollen. Dadurch wird die Umsetzung des personenbezogenen Behandlungsansatzes, bei dem es sich um einen weiteren Reformschritt handeln würde, erschwert. Das Fehlen österreichweit einheitlicher und verbindlicher Regelungen hatte eine Zersplitterung der Finanzierung und Zuständigkeit für das Versorgungssystem zur Folge. Damit eine integrierte Versorgung möglich wird, ist eine Koordination und Kooperation der Leistungsanbieter erforderlich. Dasselbe gilt jedoch auch für Kostenträger sowie für die politisch und administrativ Verantwortlichen.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Ullrich Meise; Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Sozialpsychiatrie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie; Medizinische Universität Innsbruck
Email: ullrich.meise@i-med.ac.at
Originalarbeit
Aktueller Stand der pharmakotherapeutischen Rückfallprophylaxe mit Disulfiram
J. Mutschler, A. Diehl, C. Vollmert, H. Herre, K. Mann und F. Kiefer
Abstract
J. Mutschler, A. Diehl, C. Vollmert, H. Herre, K. Mann und F. Kiefer
Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische
Gesundheit, Mannheim
Disulfiram ist inzwischen über 50 Jahre für die Behandlung der chronischen Alkoholabhängigkeit zugelassen. Gegenwärtig ist ein Anstieg an Verschreibungen von Disulfiram in Deutschland zu beobachten. Die Wirksamkeit beruht auf einer psychologischen Abschreckung vor einer möglichen Disulfiram-Alkohol-Reaktion. Die vorliegende Übersicht umfasst die aktuelle klinische Bedeutung und mögliche Perspektiven von Disulfiram. Aktuelle klinische Studien, die Disulfiram in der Behandlung der Alkoholabhängigkeit einsetzten, und die Kombination von Disulfiram mit neueren Anti-Craving-Substanzen werden vorgestellt. Erfahrungen und Ergebnisse einer Querschnittserhebung aus dem Mannheimer Disulfiram-Programm werden vorgestellt. Konsens besteht inzwischen darin, dass Disulfiram nur als Teil eines weitergehenden Therapieprogramms sein kann, dass z.B. auch die supervidierte Einnahme umfasst. Aufgrund der aktuellen Datenlage und der steigenden Verordnung erscheint es sinnvoll, eine Neueinschätzung des Stellenwerts des Wirkstoffes Disulfiram innerhalb der gegenwärtigen suchtmedizinischen Behandlungsstrategien vorzunehmen.Correspondence to:
Dr. med. Jochen Mutschler; Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
Email: jochen.mutschler@zi-mannheim.de
Originalarbeit
Zur Messung der kognitiven Einengung in Abschiedsbriefen
M. Heinrich, A. Berzlanovich, U. Willinger und B. Eisenwort
Abstract
M. Heinrich1, A. Berzlanovich3, U. Willinger2 und B. Eisenwort1
1Zentrum für Public Health, Institut für Medizinische Psychologie, Medizinische Universität Wien, 2Department für Gerichtliche Medizin, Medizinische Universität Wien und Medizinische Fakultät, Universität München, Institut für Rechtsmedizin, 3Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Medizinische Universität Wien
Anliegen: Ziel dieser Studie war die Messung des Ausmaßes der kognitiven Einengung in deutschsprachigen Abschiedsbriefen durch erprobte quantitative psycholinguistische Textmaße. Dies sollte einen besseren Einblick in das präsuizidale Geschehen geben und Anregungen zu Verbesserungen in den Bereichen Suizidprävention und Krisenintervention mit sich bringen. Methode: Als Grundlage dienten Briefe des „Vienna Corpus of Suicide Notes“. Zur Hypothesenprüfung wurden neben deskriptiven Verfahren eine Faktorenanalyse, Regressionsanalysen und das Allgemeine Lineare Modell verwendet. Ergebnisse: Die 16 Parameter konnten auf fünf Faktoren kognitiver Einengung, nämlich Sprachstil, Wortart, Dichotomie, Brieflänge und Einfachheit, reduziert werden. In Bezug auf den Sprachstil wurden bei Frauen (p=0.005), jüngeren Personen (p≤0.000), in kürzeren Briefen (p=0.027) und bei psychischen Problemen als Suizidmotiv (p=0.020) die höchsten Werte kognitiver Einengung gefunden. Auch der Fundort der Briefe (p=0.002) spielte eine Rolle. Schlussfolgerungen: Bei dem Konstrukt der kognitiven Einengung handelt es sich um ein mehrdimensionales komplexes Phänomen. Bei der Quantifizierung müssen daher auch personen- und textbezogene Variablen berücksichtigt werden.Correspondence to:
Mag. Dr. Monika Heinrich; Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien, Institut für Medizinische Psychologie, Wien
Email: monika.heinrich@psysoz.info
Originalarbeit
Suizidversuche in der ersten und zweiten Generation der ImmigrantInnen aus der Türkei
T.A. Yilmaz und A. Riecher-Rössler
Abstract
T.A. Yilmaz1 und A. Riecher-Rössler2
1Psychiatrische Abteilung der Universität Bilim, Istanbul, 2Psychiatrische Universitätspoliklinik, Basel
Das Ziel der Studie ist die Erfassung der soziodemografischen und migrationsspezifischen Besonderheiten von Migranten der 1. und 2. Generation mit Suizidversuchen. Alle ImmigrantInnen aus der Türkei mit Wohnsitz Basel-Stadt, die nach einem Suizidversuch in die Notfallstation des Universitätsspital Basel eingewiesen wurden (n=70), wurden in einem Zeitraum von 7 Jahren systematisch erfasst. 35,7% der Suizidversucher gehörten der 1. und 64,3% der 2. Generation an. Der Quotient Frauen/Männer war in der 1. Generation 1,3 und in der 2. Generation 3,1. 36.9% der Betroffenen waren im Alter von 15-19 Jahren eingereist. Von den weiblichen Immigrantinnen nannten 21,4% der 1. und 14,7% der 2. Generation Gewalt in der Partnerschaft oder Familie als Hauptproblem. Schlussfolgerungen: Immigrantinnen der 2. Generation sind bezüglich suizidalen Handlungen besonders gefährdet. Gewalt scheint ein generationsübergreifendes Problem bei den suizidalen Immigrantinnen zu sein.Correspondence to:
Prof. Dr. Tarik Yilmaz; Psychiatrische Abteilung, Universität Bilim, Istanbul
Email: atarikyilmaz@superonline.com
Originalarbeit
Die Arbeit österreichischer Sachverständiger in Obsorge- und Besuchsrechtsverfahren aus der Perspektive betroffener Eltern und Kinder
S. Völkl-Kernstock, N. Bein, D. Gutschner, C. Klicpera, E. Ponocny-Seliger und M.H. Friedrich
Abstract
S. Völkl-Kernstock1, N. Bein2, D. Gutschner3, C. Klicpera2, E. Ponocny-Seliger4 und M.H. Friedrich1
1Univ.-Klinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Medizinische Universität Wien, 2Institut für Klinische, Biologische und Differentielle Psychologie, Fakultät für Psychologie, Universität Wien, 3Institut für forensische Kinder- und Jugendpsychologie, -psychiatrie und -beratung, Bern, Schweiz, 4Empirische Sozialforschung, statistisches Consulting & statistische Auswertungen
Anliegen: Der kinderpsychologische/kinderpsychiatrische Sachverständige (SV) begutachtet bei strittigen Obsorge- und Besuchsregelungen die Familie und erkennt das Leid der betroffenen Kinder, kann aber nicht im Sinne einer Behandlung intervenieren, da er ausschließlich einen Begutachtungsauftrag erhalten hat. Inwieweit bereits das SV-Gutachten eine Möglichkeit bietet, bei den Eltern mehr Einsicht und Verstehen in das kindliche Verhalten zu erlangen, ist Ziel vorliegender Arbeit, ebenso wie die Erfassung der Einstellung betroffener Kinder gegenüber der SV-Begutachtung. Methode: 1200 Elternteile, die in ein Familienrechtsverfahren als Parteien involvierten sind, wurden postalisch kontaktiert. Ebenso wurden 27 Kinder, im Alter von 6 bis 14 Jahren, als Probanden rekrutiert, die aufgrund der hochstrittigen Trennung der Kindeseltern an einer kinderpsychiatrischen Forensikambulanz vorstellig wurden. Sowohl den Eltern als auch den Kindern wurde ein Fragebogen zur Beurteilung der Sachverständigentätigkeit vorgegeben, welche unabhängig vor der Befragung und durch nicht an der Forensikambulanz der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie tätige Sachverständige stattfand. Ergebnisse: Die Eltern zeigen insgesamt eine hohe Unzufriedenheit mit dem SV-Vorgehen. Mehr als ein Drittel der Befragten lässt ein Informationsbedürfnis in Bezug auf den entsprechenden Umgang mit dem Kind im Rahmen der Obsorge- und Besuchsrechtsregelung erkennen. Eine zu kurze Gesprächszeit mit dem SV erweist sich als ein wesentlicher Kritikpunkt. Die Kinder bewerten die Untersuchungssituation sowie den SV positiver. Sie sehen sich selbst für den Ausgang des Gerichtsverfahrens verantwortlich und sind hinsichtlich ihrer Angaben zu Vater und Mutter verunsichert. Schlussfolgerungen: Zur Entlastung der betroffenen Kinder und aufgrund der evaluierbaren Unzufriedenheit der Eltern im Begutachtungsprozess ist eine Modifizierung der bisherigen Begutachtungsform, im Sinne eines lösungsorientierten Vorgehens in Österreich anzudenken.Correspondence to:
Dr. Sabine Völkl-Kernstock; Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Medizinische Universität Wien
Email: sabine.voelkl-kernstock@meduniwien.ac.at
Kritisches Essay
Gedanken zu den Sterbehilfe-Bestrebungen in europäischen Ländern
H. Hinterhuber und U. Meise
Abstract
H. Hinterhuber und U. Meise
Univ.-Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Sozialpsychiatrie Innsbruck, Department
für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck
Bericht
Neue potentielle pharmakologische Behandlung bei Alkoholabhängigkeit im transnationalen Forschungsansatz entdeckt: Neurokinin-1 Rezeptor Antagonist als mögliche Therapie der Alkoholabhängigkeit?
J. Mutschler, M. Grosshans und F. Kiefer
Abstract
J. Mutschler, M. Grosshans und F. Kiefer
Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische
Gesundheit, Mannheim
Es gibt heute klare Evidenzen dafür, dass eine pharmakologische Rückfallprophylaxe das klinische Outcome bei der Alkoholabhängigkeit verbessert. In einer präklinischen und klinisch-experimentellen Studie untersuchten George und Kollegen erstmals den Einfluss von Substanz P bzw. dessen Rezeptor (NK1R) auf die Bedeutung bei Alkoholismus. Es zeigte sich, dass eine Blockade bzw. Fehlen des NK1R zu weniger Alkoholkonsum, schlechterer Alkoholverträglichkeit und geringerem Craving bei gleichzeitig besserem Allgemeinbefinden führt.Correspondence to:
Dr. med. Jochen Mutschler; Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
Email: jochen.mutschler@zi-mannheim.de