Band 22, No. 1/2008(Ausgabe 1)
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Neuropsychiatrie
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Übersicht
Geschlechtsspezifische Unterschiede der Alzheimer Demenz
Reinhold Schmidt, Eva Assem-Hilger, Thomas Benke, Peter Dal-Bianco, Margarete Delazer, Gunther Ladurner, Kurt Jellinger, Josef Marksteiner, Gerhard Ransmayr, Helena Schmidt, Elisabeth Stögmann, Johannes Wancata und Christina Wehringer
Abstract
Reinhold Schmidt1, Eva Assem-Hilger2, Thomas Benke3, Peter Dal-Bianco2, Margarete Delazer3, Gunther Ladurner4, Kurt Jellinger5, Josef Marksteiner6, Gerhard Ransmayr7, Helena Schmidt8, Elisabeth Stögmann2, Johannes Wancata9 und Christina Wehringer10
1Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universitätsklinik Graz, 2Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Wien, 3Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, 4Univ.-Klinik für Neurologie, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg, 5Institut für Klinische Neurobiologie, Wien, 6Univ.-Klinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Innsbruck, 7Abteilung Neurologie und Psychiatrie, Allgemeines Krankenhaus, Linz, 8Institut für Medizinische Molekularbiologie und Medizinische Biochemie, Medizinische Universität Graz, 9Univ.-Klinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Wien, 10Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz, Wien
Frauen haben eine höhere Prävalenz der Alzheimer Erkrankung. Sind in der Altersgruppe 65-69 Jahre etwa 0.7% der Frauen und 0.6% der Männer betroffen, so steigen diese Frequenzen bei 85-89-jährigen auf 14.2% und 8.8%. Die Inzidenz ist ebenfalls in allen Altersgruppen bei Frauen höher. In Österreich sind Alzheimer-Kranke >60 Jahre in 74.1% Frauen. Mehrere Studien beschreiben mehr sprachliche, mnestische, semantische und Orientierungsdefizite bei Frauen mit Demenz, wobei methodische Mängel als Ursache dieses Befundes möglich sind. Ähnliches gilt für Ergebnisse die rascheren Verlauf des kognitiven Abbaues bei Alzheimer-
Patientinnen beschreiben. Frauen zeigen in allen Untersuchungen ein breiteres Spektrum von demenzassoziierten Verhaltensauffälligkeiten mit einer besonderen Häufung von Depressionen, während Männer häufiger aggressives Verhalten zeigen. Es gibt eine Reihe biologischer Erklärungen für geschlechts-spezifische Unterschiede in der klinischen Präsentation der Alzheimer-Demenz. Sie reichen von unterschiedlicher Hirnmorphologie und Funktion mit höherer Suszeptibilität für Alzheimer-Pathologie bei Frauen und größerer kognitiver Reserve bei Männern, bis zu Geschlechtsunterschieden in der Expression antioxidativer Enzyme und postmenopausaler hormoneller Veränderungen. Wenn eine Interaktion zwischen Geschlecht und Therapieresponse besteht, so ist sie gering und individuell variabel. Zwei Drittel der Pflegegeldbezieher in Österreich sind Frauen. Pflege und Betreuung erfolgt zu 80% im familiären Kontext und wird zu 78% von Frauen erbracht. Bei den mobilen Diensten liegt der Frauenanteil der Bediensteten bei 91% in teilstationären und bei 84% in stationären Einrichtungen.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt; Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Graz
Email: reinhold.schmidt@meduni-graz.at
Übersicht
Erhöht die Therapie mit Antidepressiva das Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen? – Eine Stellungnahme
Wolfgang Aichhorn, Reinhold Fartacek, und Leonhard Thun-Hohenstein
Abstract
Wolfgang Aichhorn1, Reinhold Fartacek1,2 und Leonhard Thun-Hohenstein1,3
1Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I, CDK Salzburg, PPMU Salzburg, 2Forschungsprogramm Suizidprävention am Institut für Public Health der PPMU Salzburg, 3Kinder- und Jugendpsychiatrie
Angesichts aktueller Daten über ansteigende Suizidraten bei Jugendlichen in den USA, England und Holland, bedarf es einer kritischen Diskussion der derzeit sehr vorsichtigen Anwendung von Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen. Als Reaktion auf die Warnhinweise der europäischen und amerikanischen Arzneimittelbehörden, dass Antidepressiva Suizidalität bei depressiven Kindern verursachen oder verstärken können, sinken die Zahlen von diagnostizierten und behandelten depressiven Kindern und Jugendlichen. Die Intention der Warnungen von EMEA und FDA war sicherlich nicht depressive Kinder und Jugendliche unbehandelt zu lassen und dies mit all den Folgen für die psychosoziale Entwicklung junger Menschen und ihrer Familien. Erschreckend ist, dass der Rückgang psychopharmakologischer Behandlungsstrategien nicht im selben Umfang zu einer Steigerung anderer Behandlungsformen, wie z.B. psychotherapeutischer Therapien geführt hat. Da die Raten von Rezidiven bei depressiven Kindern sehr hoch sind, benötigt diese Risikogruppe aber eine besondere Aufmerksamkeit und die bestmögliche Behandlung. Die rezenten Jugendsuiziddaten in Österreich zeigen diesen ansteigenden Trend, wie er in den USA, England und Holland zur Zeit sichtbar wird, nicht oder - noch nicht? Es bedarf daher unserer erhöhten Wachsamkeit, ähnliche Entwicklungen sehr frühzeitig zu erkennen und bei aller notwendigen Vorsicht dürfen wir depressiven Kindern und Jugendlichen eine moderne multimodale Therapie, auch unter Einschluss einer psychopharmakologischen Behandlung, nicht vorenthalten.Correspondence to:
PD Dr. Wolfgang Aichhorn; Univ. Klinik für Psychiatrie I, Salzburg
Email: w.aichhorn@salk.at
Original
Einblicke in die zentrale serotonerge Funktion bei Patienten mit affektiven Störungen
Wolfram Kawohl, Ulrich Hegerl, Bruno Müller-Oerlinghausen und Georg Juckel
Abstract
Wolfram Kawohl1, Ulrich Hegerl2, Bruno Müller-Oerlinghausen3 und Georg Juckel4
1Forschungsgruppe Klinische und Experimentelle Psychopathologie, Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie ZH West, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Schweiz, 2Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Leipzig, Deutschland, 3Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, 4Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Präventivmedizin, Ruhr-Universität Bochum, Deutschland
Anliegen: Der einfache Nachweis einer veränderten zentralen serotonergen Aktivität würde eine spezifischere Behandlung bestimmter Krankheitsbilder, beispielsweise affektiver Störungen, ermöglichen, eine antidepressive Pharmakotherapie könnte dem Vorhandensein oder auch der Abwesenheit eines serotonergen Defizits entsprechend gezielt mit einer serotonergen oder noradrenergen Substanz erfolgen. Auf der Suche nach prädiktiven Parametern haben wir im Rahmen dieser Pilotstudie den Serum-Serotoninspiegel auf eine mögliche Korrelation zum bereits diesbezüglich beschriebenen Parameter Lautstärke-Abhängigkeit Akustisch Evozierter Potentiale (LAAEP) untersucht. Methode: Acht Patienten einer Lithium-Sprechstunde wurden nach Blutentnahme neurophysiologisch bzgl. ihrer LAAEP untersucht. Ergebnisse: Es fand sich eine signifikante negative Korrelation zwischen der LAAEP und der Serotonin-Konzentration im Serum, ein niedriger Serotoninspiegel geht mit einer hohen LAAEP einher. Schlussfolgerungen: Das Ergebnis rechtfertigt die nähere Untersuchung einer größeren Stichprobe. Bei entsprechend stabiler Befundlage wäre die Bestimmung des Serum- oder Plasma-Serotoninspiegels als prädiktiver Parameter denkbar und könnte zukünftig zur Therapieoptimierung beitragen.Correspondence to:
Dr. med. Wolfram Kawohl; Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie, ZH West, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Email: wolfram.kawohl@puk.zh.ch
Original
Herkunft psychiatrischer Patienten im UbG-Bereich einer städtischen Region
Hans Rittmannsberger, Hildegard Lindner und Theodor Zaunmüller
Abstract
Hans Rittmannsberger1, Hildegard Lindner1 und Theodor Zaunmüller1
1Landesnervenklinik Wagner-Jauregg, Psychiatrie I, Linz
Anliegen: Erfassung der Migration von Patienten zwischen den Versorgungsregionen. Methode: Patienten aus der Stadt Linz, die von Jänner bis Juni 2003 gegen ihren Willen in die Psychiatrie aufgenommen wurden wurde untersucht, seit wann sie in Linz leben und woher sie gegebenenfalls zugezogen waren. Ergebnisse: Von insgesamt 214 Patienten stammten 111 (52%) nicht aus der Stadt Linz. Patienten, die aus den übrigen Bezirken des Bundeslandeslandes zugezogen waren mehrheitlich ( 59%) schon vor dem Zuzug psychisch erkrankt und wiesen signifikant häufigere psychiatrische Hospitalisierungen, höhere kumulative Anzahl von Spitalstagen und häufigere Inanspruchnahme betreuter Wohneinrichtungen auf. Schlußfolgerungen: Auch in einem ausgebauten regionalisierten Versorgungssystem kommt es zu einer Akkumulation von psychiatrischen Patienten im städtischen Bereich.Correspondence to:
Prim. Univ. Doz. Dr. Hans Rittmannsberger; OÖ LNK Wagner-Jauregg, Psychiatrie 1, Wagner-Jauregg-Weg 15, 4020 Linz
Email: hans.rittmannsberger@gespag.at
Original
Sechs Fragen zur Alzheimer Demenz: Wissen und Einstellung in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe
Susanne Schwalen und Hans Förstl
Abstract
Susanne Schwalen und Hans Förstl
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, TU München
Demenzen sind häufig und damit von großer medizinischer und sozialer Bedeutung für die Bevölkerung. Daher ist es von grundsätzlichem Interesse, allgemeines Wissen und persönliche Einstellungen zur häufigsten Demenzform – Alzheimer – zu untersuchen. 1245 repräsentative Personen zwischen 14 und 99 Jahren wurden persönlich befragt. Nur 13% bezeichneten Gedächtnisstörungen als Merkmal der Alzheimer Demenz; 54% wussten, dass das Alter einen Risikofaktor darstellt; 47% glaubten, „Gehirn-Jogging“ sei therapeutisch wirksam. Im Falle einer eigenen Erkrankung wollten über 70% gemeinsam mit einer Vertrauensperson, v.a. engen Angehörigen, aufgeklärt werden; nur 7% meinten, dies dürfe kein Anderer erfahren; weit über 50% gaben an, sie wünschten Information über Behandlungsmöglichkeiten, Verlauf, Symptome und Ursachen. Diese Ergebnisse zeigen einen grossen Informationsbedarf über die AD in der Allgemeinbevölkerung und demonstrieren die Erwartungen hinsichtlich der Aufklärung über eine etwaige Diagnose.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Hans Förstl; Klinik & Poliklinik für Psychiatrie & Psychotherapie; TU München, Klinikum rechts der Isar
Email: hans.foerstl@lrz.tu-muenchen.de
Fallbericht
Neuropsychiatrische Symptome bei Sotos-Syndrom Kasuistik und Literaturübersicht
Holger Kessler und Susanne Kraft
Abstract
Holger Kessler und Susanne Kraft
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum des Saarlandes
Das Sotos-Syndrom (cerebraler Gigantismus) ist ein seltenes genetisches Syndrom, das durch einen ausgeprägten Großwuchs im Kleinkindesalter, Makrocephalus, eine charakteristische Gestalt des Gesichts und eine statomotorische Entwicklungsverzögerung charakterisiert ist. Ursache sind Mutationen oder Deletionen des NSD-1-Gens. Die große Mehrheit der Fälle tritt sporadisch auf. Neben einer Reihe körperlicher Abnormalitäten, die häufig begleitend auftreten, ist von einer hohen Prävalenz kognitiver, emotionaler und psychosozialer Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit Sotos-Syndrom auszugehen. Bislang existiert praktisch keine Literatur zu psychiatrischen Symptomen bei Sotos-Syndrom im Erwachsenenalter; ein Fall einer psychotischen Störung ist derweil jedoch berichtet. Die vorliegende Kasuistik stellt die psychopathologischen Merkmale einer erwachsenen Patientin mit Sotos-Syndrom dar, die unter anderem ebenfalls psychotische Symptome entwickelte.Correspondence to:
Dr. med. Holger Kessler; Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum des Saarlandes
Email: nehkes@uniklinikum-saarland.de
Kritisches Essay
Frauen suchen Hilfe – Männer sterben! Ist die Depression wirklich weiblich?
Armand Hausmann, Wolfgang Rutz und Ullrich Meise
Abstract
Armand Hausmann1, Wolfgang Rutz2 und Ullrich Meise1
1Universitätsklinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Innsbruck, 2Unit for Psychiatry and Health Promotion, Academic University Hospital, Uppsala
Bei Frauen wird zumindest doppelt so häufig eine depressive Störung diagnostiziert als bei Männern. Biologische Faktoren könnten für diesen Geschlechtsunterschied verantwortlich gemacht werden. Doch die mit affektiven Störungen eng in Zusammenhang stehenden Suizidraten weisen auch auf andere Ursachen hin. Suizide sind in unserem Kulturkreis bei Männern drei- bis zehn Mal häufiger zu beobachten auf als bei Frauen, wobei besonders jüngere und ältere Männer betroffen sind. Das soziomedizinische Konzept der „Male Depression“ bietet eine Erklärung für diese Diskordanz. Es werden dabei eine mangelnde Hilfesuche von Männern, eine dysfunktionale Stressverarbeitung sowie ein „gender bias“ in der Diagnostik der Depression verantwortlich gemacht. Die männliche Depression äußert sich nach diesem Konzept klinisch anders und untypischer als die klassische depressive Symptomatik. Es wird postuliert, dass sich diese Depression bei Männern hinter Aggressivität, Irritabilität sowie Sucht- und Risikoverhalten verbirgt und somit häufig zu Fehldiagnosen führt. Die Erstellung einer validierten Rating Skala zur besseren Erfassung dieser männlichen depressiven Psychopathologie, sowie die Peer-Edukation von Ärzten sind zu fordern.Correspondence to:
Univ.-Prof. Dr. Armand Hausmann; Medizinische Universität Innsbruck, Klinische Abteilung für Allgemeine, Psychiatrie
Email: armand.hausmann@i-med.ac.at
Bericht
Sexualität und Antipsychotika
Johann F. Kinzl
Abstract
Johann F. Kinzl
Klinische Abt. für Psychosomatische Medizin, Medizinische Universität Innsbruck