Band 16, No. 3/4/2002(Ausgabe 3+4)
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Neuropsychiatrie
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Standpunkt
Psychiatrie und Betriebswirtschaft: Aus Patienten werden Konsumenten, aus Kliniken Produktionsbetriebe
W. Böker
Übersicht
Wirkmechanismus und Wirksamkeit der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) in der Depression: Klinische und präklinische Daten
A. Hausmann, M. Walpoth, K. Kramer-Reinstadler, C. Hörtnagl, H. Hinterhuber und A. Conca
Abstract
A. Hausmann1, M. Walpoth1, K. Kramer-Reinstadler1, C. Hörtnagl1, H. Hinterhuber1 und A. Conca2
1Abteilung für Allgemeine Psychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie, Innsbruck, 2Psychiatrische Abteilung, Landeskrankenhaus, Rankweil
Hintergrund: Die Autoren geben eine Übersicht über mögliche Wirkmechanismen sowie die Wirksamkeit der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) in der Behandlung depressiver Störungen. Methoden: Es wurde Literatur verwendet, die mittels PubMed im Internet bei den Stichworten rTMS und Depression gefunden wurde. Querreferenzen sowie Informationen von Kongressen und psychiatrischen Lehrbüchern ergänzen die Quellen. Resultate: Im Tiermodell konnte die neurobiochemische Typisierung der Methode vorangetrieben werden, wobei Analogien bezüglich der biochemischen, neurophysiologischen und verhaltensparadigmatischen Veränderungen zu bereits bestehenden biologischen Therapieformen, wie beispielsweise den Antidepressiva oder der EKT, auffielen. Der endgültige Wirkmechanismus der rTMS konnte aber noch nicht geklärt werden. Die Ergebnisse bezüglich antidepressiver Wirksamkeit in den bisher veröffentlichten kontrollierten klinischen rTMS-Arbeiten sind aber enttäuschend. Viele Publikationen zeigen zwar statistisch signifikante Resultate, die Ansprechraten blieben aber insgesamt niedrig. Rezente Pilotstudien legen eine gleich gute Wirksamkeit zwischen rTMS im Vergleich zur EKT nahe, obschon die psychotische Depression der EKT vorbehalten zu bleiben scheint. Wenn man aber die Ansprechraten der bisher publizierten rTMS-Studien mit Ansprechraten nach EKT vergleicht, dann bestehen deutliche Vorteile zugunsten der EKT. Schlußfolgerungen: Derzeit stellt die rTMS keine Alternative zu einer bestehenden biologischen antidepressiven Therapie dar. Es bleibt abzuwarten, welche Resultate dringend notwendige kontrollierte Studien mit verbesserten Stimulationsparametern sowie größeren Patientenzahlen in Zukunft bringen werden.
Originalarbeiten
Regionalisierte stationäre psychiatrische Versorgung in Oberösterreich: Unterschiede zwischen ländlichem und städtischem Versorgungsgebiet
H. Rittmannsberger, F. Leblhuber, Ch. Silberbauer und E. Windhager
Abstract
H. Rittmannsberger1, F. Leblhuber2, Ch. Silberbauer3 und E. Windhager4
1Abteilung Psychiatrie 1, Oberösterreichische Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz, 2Abteilung Neurologisch-psychiatrische Gerontologie, Oberösterreichische Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz, 3Psychiatrische Abteilung, Landeskrankenhaus Gmund
3 psychiatrische Abteilungen in Oberösterreich wurden miteinander verglichen: Zwei regionale psychiatrische Abteilungen (Psychiatrische Klinik Wels, 44 Betten, Einzugsgebiet 280 000 Einwohner; Psychiatrische Abteilung am Landeskrankenhaus Gmundnerberg, Gmunden, 25 Betten, 225 000 Einwohner) mit überwiegend ländlich strukturiertem Einzugsgebiet und die die Stadt Linz versorgende Abteilung Psychiatrie 1 an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg (103 Betten, 200 000 Einwohner). Die Aufenthaltsdauer betrug in allen Abteilungen rund 14 Tage. Die Abteilungen Wels und Gmunden unterschieden sich bezüglich diagnostischer Verteilung und Aufnahmehäufigkeit nicht. In Linz fand sich gegenüber den beiden anderen Abteilungen ein Überwiegen von Suchterkrankungen und ein deutlich geringerer Anteil affektiver Störungen. In allen 3 Regionen zusammen wurden fast die Hälfte aller Behandlungen von Patienten mit psychiatrischen Hauptdiagnosen auf nichtpsychiatrischen Abteilungen durchgeführt, wobei deutliche regionale Unterschiede bestanden: auf psychiatrischen Abteilungen werden in der Region Wels 38%, in der Region Gmunden 47% und in Linz 64% der Patienten mit psychiatrischen Hauptdiagnosen behandelt. Dies spricht dafür, daß der Mangel an psychiatrischen Betten durch vermehrte Aufnahmen auf nicht-psychiatrischen Abteilungen kompensiert wird. Bezogen auf die Einwohnerzahl waren in der Stadt Linz Aufnahmen mit psychiatrischen Diagnosen wesentlich häufiger als in den ländlichen Gebieten Wels und Gmunden: mehr als 3 mal so häufig in psychiatrischen Fachabteilungen und mehr als doppelt so häufig, wenn alle Krankenhausabteilungen erfaßt werden.
Originalarbeiten
Kann die Belastung von Angehörigen psychisch Kranker reduziert werden? Ergebnisse einer Umfrage
C. Lauber, C. Keller, A. Eichenberger und W. Rössler
Abstract
C. Lauber, C. Keller, A. Eichenberger und W. Rössler
Psychiatrische Universitätsklinik, Zürich
Einleitung: Bei Angehörigen (n = 64) psychisch Kranker untersuchten wir – bezogen auf die zwei Wochen vor dem letzten Klinikeintritt des Betroffenen – die subjektiven Möglichkeiten sowie die Bereitschaft, die durch die zusätzliche Betreuung bedingte Belastung abzugeben. Methodik: Korrelationen zwischen selbst eingeschätztem Ausmaß und der Bereitschaft zur Reduktion der wahrgenommenen Belastung wurden gebildet, ferner eine multiple Regressionsanalyse auf die abzugebende Belastung durchgeführt. Ergebnisse: 81% der Angehörigen bejahen Möglichkeiten der Entlastung. Auch wenn die Hälfte der Aufgaben oder mehr delegiert werden könnte, führt dies nicht unweigerlich zu einer Entlastung, weil neben der Möglichkeit auch die Bereitschaft bestehen muß, Betreuungstätigkeiten abzugeben. Subjektives Entlastungspotential ergibt sich aus der vermehrten Belastung der Angehörigen durch die Krankheitssymptome des Betroffenen. Diskussion/Schlußfolgerungen: Konkrete Hilfe kann nicht jede Belastung verringern. Außer den Symptomen belasten ebenso Emotionen die Beziehung zwischen Angehörigen und Betroffenen. Neben konkreten Entlastungsmöglichkeiten wie ambulanter psychiatrischer Pflege, Aufenthalt in einer Akuttagesklinik oder in einer Krisenwohnung, sollten professionelle Helfer deshalb auch die emotionale Entlastung mit Angehörigen ansprechen.
Forum psychopharmakologicum
Reboxetin in der Depressionsbehandlung: Klinische Erfahrungen der österreichischen Anwendungsbeobachtung
Ch. Simhandl und B. Valenta
Abstract
Ch. Simhandl1 und B. Valenta2
1Sozial-Psychiatrische Abteilung am AöKH Neunkirchen,2Pharmacia Austria GmbH
Hintergrund: Anwendungsbeobachtungen sind ein wichtiges Instrumentarium, um den klinisch-praktischen Stellenwert neuer Medikamente unter Alltagsbedingungen beurteilen zu können. Reboxetin ist ein neues, spezifisch noradrenerg wirkendes Antidepressivum, das in Österreich und anderen europäischen Ländern seit mehreren Jahren für die Behandlung der Depression zugelassen ist. Zielsetzung: In der vorliegenden Anwendungsbeobachtung sollte überprüft werden, ob die Erfahrungen aus kontrollierten klinischen Studien an unselektionierten, ambulanten Patienten mit einer depressiven Störung reproduzierbar sind. Ergebnisse: An der Anwendungsbeobachtung haben 954 depressive Patienten teilgenommen, die mit unterschiedlichen Dosierungen von Reboxetin (mehrheitlich 8 mg) behandelt wurden. Der mittlere Schweregrad der depressiven Symptome zeigte bei einem Ausgangswert von rund 2 Punkten (maximaler Score = 3) bereits nach 3 Wochen eine deutliche Besserung, um bis zum Ende der sechsmonatigen Therapiedauer auf 0,5 Punkte (minimaler Score = 0) abzunehmen. Bei 59% der Patienten wurde eine sehr gute Wirksamkeit beschrieben und bei 30% war eine gute Wirksamkeit zu beobachten. Auch für die funktionelle Beeinträchtigung des Arbeits-, Sozial- und Familienlebens konnte anhand der Sheehan-Skala unter der Therapie mit Reboxetin eine deutliche Besserung nachgewiesen werden. Gleiches gilt für die Verbesserung der Lebensqualität. Die Verträglichkeit von Reboxetin kann als sehr gut bezeichnet werden. Drei Viertel der Patienten berichteten überhaupt keine Nebenwirkungen und schwere Nebenwirkungen wurden nur bei 1% der Patienten beobachtet. Schlußfolgerung: Reboxetin ist ein sehr gut wirksames Antidepressivum, das außerdem durch eine sehr gute Verträglichkeit ausgezeichnet ist. Aufgrund unserer eigenen Erfahrungen und basierend auf kontrollierten klinischen Studien kann Reboxetin für die Behandlung der Depression als Mittel der ersten Wahl empfohlen werden.