Jahrgang 29, No. 2/2004(2. Quartal 2004)
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Intensiv- und Notfallbehandlung
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Themenheft: Katastrophenmedizin II*
Editorial: Themenheft Katastrophenmedizin II
M. Nerlich
Abstract
M. Nerlich
Um fernab jeglicher etablierter Infrastruktur eine adäquate medizinische Versorgung gewährleisten zu können, erfanden vor etwa 2000 Jahren römische Offiziere unter Kaiser Augustus die Institution “Krankenhaus” und sorgten damit für eine direkte ärztliche Versorgung verletzter und erkrankter Soldaten. Diese neuen Valetudinarien (Lazarette) enthielten Krankenzimmer und Operationssäle und waren der Garant dafür, daß die römischen Soldaten die Gewißheit hatten, im unwirtlichen Germanien oder fern am Euphrat eine gute und nachhaltige medizinische Versorgung zu erhalten [8]. Während der napoleonischen Kriege Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der Chefchirurg der napoleonischen Garde, Larrey, mit der Einführung seiner Ambulance Volante dafür, daß Ärzte der Truppe folgten und die Tätigkeit der Wundärzte bereits während der Schlacht begann. Er proklamierte, daß Operationen zur Verhütung der Wundinfektion und Verbesserung der Resultate innerhalb von 24 Stunden ausgeführt werden müßten. Seine besonderen Erfolge mit der primären Amputation und Exartikulation noch auf dem Gefechtsfeld wurden dann auch 1803 Thema seiner Promotionsarbeit [4]. Der russische Anatom und Chirurg Pirogow (1810 – 1881) beendete mit der Durchsetzung seines Prinzips der “Krankenzerstreuung” die Überfüllung der Verbandsplätze und Unordnung der ärztlichen Hilfe und begründete damit das noch heute geltende sanitätsdienstlich-einsatztaktische Verfahren der Sichtung [3].
Die sich aus diesem historischen Rückblick ergebende Entwicklung einer abgestuften Versorgung ist Grundlage der Katastrophenmedizin. Das Mißverhältnis von Geschädigten und Hilfeleistungspotential zwingt somit zur Beurteilung und Auswahl der Verletzten/Erkrankten nach Dringlichkeit für Behandlung und Transport durch Sichtung und hat das Ziel, vielen das Überleben unter den vorgegebenen Bedingungen zu ermöglichen. Außergewöhnliche Schadensereignisse, die zudem einhergehen können mit der Zerstörung der medizinischen Infrastruktur, der Störung der Transportwege und dem fehlenden medizinischen Nachschub, stellen nach wie vor eine facettenreiche Herausforderung für das System der vernetzten Gefahrenabwehr dar. Mit der Planung und Durchführung angepaßter medizinischer und organisatorischer Maßnahmen muß die Zeit bis zur Rückkehr zur Individualversorgung so kurz wie möglich gehalten werden [7].
Die jüngsten Erdbeben im Iran (Weihnachten 2003, mehrere tausend Tote, zehntausende Obdachlose) sowie in Marokko (Februar 2004, 600 Tote, 300 Verletzte) zeigen die dauerhafte Gefährdung durch Naturkatastrophen. Ramstein, Eschede, Brühl, der Sturm Lothar, Enschede, Kaprun und die Hochwasserkatastrophen von Oder, Donau und Elbe sind Beispiele für natur- und menschgemachte Katastrophen vor der eigenen Haustüre. Die Anschläge des 11. September 2001 haben überdies alle bisher dagewesenen “worst-case”-Szenarien übertroffen und erfordern neue Strategien zur Bewältigung terroristischer Anschläge in veränderten Dimensionen, die auch den Einsatz nuklearer, biologischer oder chemischer Stoffe einschließen [1].
Diese neuen Anforderungen an Zivil- und Katastrophenschutz, Rettungsdienst und den Öffentlichen Gesundheitsdienst sowie an Ausbildung und Training in Deutschland nennt der Artikel “Lehren aus dem 11. September 2001 – Anforderungen an die Katastrophenmedizin in Deutschland bei einer neuen Bedrohungsdimension” [2].
Mehr als bei der Behebung anderer Schadensfolgen kommt es angesichts einer Vielzahl betroffener Menschen darauf an, innerhalb von Minuten notfallmedizinisch qualifizierte Hilfe leisten zu können, um die lebensbedrohlich und schwer Geschädigten vor dem Tod zu retten. Gleichzeitig gilt es jedoch, für den gesamten Schadensraum eine medizinisch bedarfsgerechte Organisationsgrundlage zu schaffen, um weitere Hilfskräfte nahtlos in dieses Gefüge einreihen zu können. Ärzte aller Fachgebiete haben nur selten Gelegenheit, Kenntnisse und Erfahrungen im Katastrophenschutz zu sammeln und die zur Abwendung der dadurch drohenden Gesundheitsschäden notwendigen, nicht alltäglichen Erst- und Notmaßnahmen sowie das erforderliche organisatorische Grundwissen zu erwerben. Die Aufnahme der Notfall- und Katastrophenmedizin in die neue Fassung der Approbationsordnung für Ärzte vom 27. Juni 2002 muß dazu beitragen, bereits dem ärztlichen Nachwuchs ein Grundverständnis zu vermitteln. Darüber hinaus wurde der “Leitfaden Katastrophenmedizin” im Jahr 2003 mit einer Auflage von 30 000 Exemplaren vom Bundesministerium des Innern neu herausgegeben; der Leitfaden stellt ein Kompendium für die ärztliche Versorgung im Katastrophenfall dar. Auf der Ebene des Bundes bietet die Akademie für Katastrophenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) als Kompetenzzentrum für Krisenmanagement und Forum für wissenschaftlichen Austausch für Experten aus dem In- und Ausland auch qualifizierte Weiterbildungsmöglichkeiten für Ärzte in der Katastrophenmedizin an [5]. Die Berücksichtigung nationaler und internationaler Regularien wird am Beispiel der binationalen “Großschadensbewältigung auf Truppenübungsplätzen der U.S. Army in Deutschland am regionalen Beispiel Hohenfels/Oberpfalz” (Benner) deutlich. Experten aus Deutschland sowie einigen europäischen Staaten haben im Rahmen zweier Konsensuskonferenzen im Jahr 2002 eine Einigung zur Sichtung und Patientendokumentation erzielt [6]. Die aktuellen Einsatzgrundsätze stellt Habers in seinem Artikel “Einsatzmanagement, Sichtung und Patientendokumentation beim Großschadensereignis” dar.
Darüber hinaus müssen in der “Therapie Brandverletzter beim Großschadensereignis” (Haller) weiterführende Besonderheiten hinsichtlich Sichtung, Koordination und Ressourcennutzung berücksichtigt werden. Anknüpfend an die Ressourcennutzung ist es unstrittig, daß zur Lebensrettung und Behandlung von Katastrophenopfern bestimmte Arzneimittel, Antidota, Sera, medizinische Gase sowie Verband- und weitere medizinische Mittel benötigt werden, deren Art und Zahl vom Alltagsbedarf deutlich abweichen und daher eine “Arzneimittelbevorratung für die Katastrophenmedizin” (Wagner) erforderlich machen.
Im Umfeld der modernen Informationstechnologie öffnen die “Möglichkeiten der Medizintelematik für die Katastrophenmedizin” (Benner, Röckelein, Perk, Schächinger, Nerlich) neue Wege zur Sicherstellung von Einsatzführung und Kommunikation.
Dieses Themenheft soll Ihnen einen Einblick in die aktuellen Konzepte und künftigen Strategien ermöglichen und das katastrophenmedizinische Verständnis als interdisziplinäre Herausforderung fördern.
Michael Nerlich, Regensburg
Literatur
[1]
Briggs S., J.J. Schnitzer: The World Trade Center terrorist attack: changing priorities for surgeons in disaster response. Surgery 132, 506-512 (2002).
[2]
Manger A., S. Brockmann, B. Domres: Schwerpunktheft Katastrophenmedizin I. Intensiv- und Notfallbehandlung 28/2, 113-122 (2003).
[3]
Pirogow N.I.: Grundzüge der allgemeinen Kriegschirurgie. Verlag F.C.W. Vogel, Leipzig 1864.
[4]
Rebentisch E.: Wehrmedizin. Urban & Schwarzenberg, München 1980.
[5]
Schutzkommission beim Bundesminister des Innern: Zweiter Gefahrenbericht der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern. Bericht über mögliche Gefahren für die Bevölkerung bei Großkatastrophen und im Verteidigungsfall. Oktober 2001.
[6]
Sefrin P., J.W. Weidringer, W. Weiss: Sichtungskategorien und deren Dokumentation. Dtsch. Arztebl. 100, A2057-2058 (2003).
[7]
Ständige Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz: Wörterbuch des Zivil- und Katastrophenschutzes. Köln, Februar 2003.
[8]
Wilmanns J.C.: Der Sanitätsdienst im Römischen Reich. Eine sozialgeschichtliche Studie zum römischen Militärsanitätswesen nebst einer Prosopographie des Sanitätspersonals. Medizin der Antike, Band 2. Olms Weidmann, Hildesheim, Zürich, New York 1995. Correspondence to:
Prof. Dr. M. Nerlich
Abteilung Unfallchirurgie
Universitätsklinik Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
D-93042 Regensburg
Email: michael.nerlich@klinik.uni-regensburg.de
Themenheft: Katastrophenmedizin II*
Großschadensbewältigung auf Truppenübungsplätzen der U.S. Army in Deutschland am regionalen Beispiel Hohenfels/Oberpfalz
T. Benner und U. Schaechinger
Abstract
T. Benner1 und U. Schaechinger2
1 rzr – Rettungszentrum Regensburg e.V.,2 Abteilung für Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Regensburg
Einleitung: Mit den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels befinden sich im ostbayerischen Regierungsbezirk Oberpfalz 2 der größten Übungsplätze der U.S. Army in Europa. Der Truppenübungsplatz Hohenfels wird von allen in Europa stationierten Truppenteilen der U.S. Army sowie von verbündeten Streitkräften genutzt. In der Region sind dauerhaft mehr als 10 000 U.S.-Soldaten einschließlich ihrer Familien stationiert. Zur Gefahrenabwehr befinden sich Militärpolizei, Feuerwehr und ein Sanitätszentrum auf dem Übungsplatzgelände. Die Versorgungskette schließt die Nutzung des deutschen Gesundheitswesens sowie die Unterstützung durch die Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises ein. Der Truppenübungsplatz Hohenfels gehört grundsätzlich zum Einsatzbereich der Polizeidirektion Regensburg sowie kommunal zum Landratsamt Neumarkt i.d. Oberpfalz. Diese vielfältigen Schnittstellen erfordern konzeptionelle Überlegungen zur Zusammenarbeit. Die Zusammenführung der Richtlinien und Gesetze zu einem gemeinsamen Großschadenskonzept wird im nachfolgenden Beitrag vorgestellt. Fragestellung: Aufgrund des 1998 in Kraft getretenen Änderungsabkommens zum NATO-Truppenstatut, der Vorschriften der U.S. Army sowie der deutschen Gesetzgebung und unter Einbeziehung von Erfahrungen alltäglicher Rettungsdiensteinsätze und vergangener Übungen ergibt sich die Frage nach Problemen der Zusammenarbeit, Einhaltung aller Regularien und Möglichkeiten der Verbesserung. Ergebnisse: Grundlage für die Bewältigung von Großschadensereignissen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels von Seiten der U.S. Army sind deren Mass Casualty Standing Operating Procedures. Sie zeigen zahlreiche Parallelen zu den Vorgaben des Bayerischen Katastrophenschutzgesetzes. Die Kräfte der U.S. Army werden immer die ersteintreffende Rettung darstellen. Sie gliedern sich bei Eintreffen der deutschen Rettungskräfte und Etablierung der Örtlichen Einsatzleitung in diese ein. Die medizinische Versorgung erfolgt vollständig gemäß deutscher Einsatztaktik und Führung durch die Sanitätseinsatzleitung (Leitender Notarzt und Organisatorischer Leiter). Zu berücksichtigen sind Standardisierungen hinsichtlich Kennzeichnung der Einsatzkräfte, Kommunikation und Fachterminologie. Schlußfolgerung: Die enge Verzahnung zur Bewältigung unterschiedlicher Einsatzszenarien erfordert regelmäßige Übungen sowie Einweisungen der wechselnden Führungskräfte, um so die Problematik der Verständigung im Hinblick auf die Kenntnis des jeweils vorgehaltenen Materials und der verwendeten Einsatztaktik zu reduzieren. Die Durchführung regelmäßiger Besprechungen unter Einbeziehung der politisch-administrativen und operativ-taktischen Ebenen führt zu einem frühzeitigen persönlichen Kennenlernen, erleichtert die Zusammenarbeit im Einsatz und hilft, Schwachstellen rechtzeitig zu beseitigen.Correspondence to:
T. Benner
rzr - Rettungszentrum Regensburg e.V.
Josef-Engert-Straße 9
D–93051 Regensburg
Email: th.benner@t-online.de
Themenheft: Katastrophenmedizin II*
Einsatzmanagement, Sichtung und Patientendokumentation beim Massenanfall von Verletzten und Erkrankten (MANV)
J. Habers
Abstract
J. Habers
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz, Bad Neuenahr-Ahrweiler
Die individuelle medizinische Hilfeleistung für den einzelnen Patienten bildet auch in der MANV-Situation den fachlichen Kern des medizinischen Bevölkerungsschutzes. Sie ist in dieser Situation integraler Bestandteil eines umfangreicheren Einsatzgeschehens, in das sich Rettungs- und Sanitätsdienst organisch einbinden müssen, um den gemeinsamen Einsatzerfolg nicht zu gefährden. Katastrophenmedizin als Basis für die medizinische Hilfeleistung in Krisen- oder Katastrophensituationen ist eine weitgefächerte und anspruchsvolle ärztliche Fachdisziplin, deren vornehmstes Ziel die Integration ärztlichen Sachverstands in Einsatzmanagement und logistische Vorbereitung ist. Wir brauchen hierzu entsprechend aus- und fortgebildete Notfall- und Akutmediziner, die diesen Tätigkeitsbereich auch angemessen in ihren beruflichen Alltag integrieren können. Correspondence to:
Medizinalrat Dr. med. J. Habers
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz
Ramersbacher Straße 95
D–53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Email: joachim.habers@bbk.bund.de
Themenheft: Katastrophenmedizin II*
Therapie Brandverletzter beim Großschadensereignis
H.L. Haller, A. Deixler, M. Ponschab, R. Schmidhammer und C. Haller
Abstract
H.L. Haller1, A. Deixler2, M. Ponschab2, R. Schmidhammer1 und C. Haller1
1Unfallkrankenhaus Linz der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt Österreich, 2Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Unfallkrankenhaus Linz, Österreich
In allen Großschadensfällen mit Brandverletzten ist mit gravierenden Problemen durch Behinderung und Ausfall der Kommunikation sowohl der Einsatzkräfte untereinander als auch mit den Leitstellen und Spitälern zu rechnen. Somit läßt sich aller Voraussicht nach eine Übersicht über die tatsächlichen Opferzahlen und die notwendigen Behandlungsmaßnahmen erst verspätet erreichen. Das normale Schema einer zentralen Verletztensammelstelle kann unter den gegebenen Bedingungen nur in Ausnahmefällen verwirklicht werden. Mehrere, oft nicht koordinierte Stellen erfüllen in der Praxis die Aufgabe der Ersttriage und Erstversorgung. Diese Stellen werden von einem Anteil der Verletzten umgangen. Somit entsteht die Notwendigkeit einer zweiten Auffangebene für die Patienten, welche die Erstversorgung auf der Basis von ATLS- und AMSB-Standards zu komplettieren hat und Ausgangsbasis für die Verlegung in Brandverletztenzentren nach Erreichen einer Übersicht darstellen muß. Diese Triage erfordert eine hohe Erfahrung und ist daher durch entsprechende Spezialisten durchzuführen. Die dem Unfallort nächstliegenden Krankenhäuser werden von Selbsteinweisern überschwemmt und können somit nicht für die Versorgung Schwerverletzter zur Verfügung stehen, daher muß eine zweite Ebene unter außer acht lassen dieser Häuser entstehen. Dringliche Fälle sollen in eher naheliegende Krankenhäuser der zweiten Ebene eingeliefert werden, nicht dringliche in eher entfernte. Die definitive Versorgung des Schwerbrandverletzten hat bei Bedarf in einem entsprechenden Zentrum zu erfolgen, wobei nationale Grenzen keine Rolle spielen dürfen.Correspondence to:
Dr. med. H.L. Haller
Unfallkrankenhaus Linz der Allgemeinen
Unfallversicherungsanstalt Österreich
Blumauerplatz 1
A–4020 Linz
Email: herbert.haller@utanet.at
Themenheft: Katastrophenmedizin II*
Arzneimittelbevorratung für die Katastrophenmedizin
W. Wagner
Abstract
W. Wagner
Apotheker für klinische Pharmazie, Düsseldorf
Die Katastrophenmedizin muß bei Notfällen, Großschadensereignissen und Katastrophen mit einem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten die simultane Behandlung der vielen Patienten unter erschwerten Bedingungen mit meist zu wenigen Ärzten und Rettungskräften, mit nicht ausreichenden oder unzureichenden Mitteln und unter erheblichem Zeitdruck bewältigen. Zur Versorgung der Notfallpatienten müssen am Schadensort nicht alle klinisch relevanten Arzneimittel verfügbar sein. Bei Großschadensereignissen und Katastrophen muß aber ausreichend Sanitätsmaterial sowohl für die notfallmäßige als auch für die klinische Versorgung aller Patienten verfügbar sein, bis die Akutphase überstanden und Ersatzmaterial für die Regelversorgung verfügbar ist. Die derzeitigen Defizite in der medizinisch-pharmazeutischen Notfallbevorratung erfordern gemeinsame Planungen zur Notfallvorsorge und Konzeptionen für eine bedarfsorientierte Notfallbevorratung mit Sanitätsmaterial. Dabei hat die synergistische Nutzung aller Ressourcen des Bundes, der Bundesländer und Kommunen, der industriellen Einrichtungen mit Risikopotential sowie der Hersteller und des Handels hohe Priorität. Unentbehrlich ist die Nutzung von Kompetenzen und Ressourcen der Bundeswehr im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Notfallbevorratung muß sich innerhalb der Europäischen Union – über die nationalen Grenzen hinweg – an der Zunahme von Schadensereignissen orientieren, an der Vulnerabilität unseres Gemeinwesens, dem Bedürfnis nach Schutz und Vorsorge sowie an den Möglichkeiten der Finanzierbarkeit. Correspondence to:
W. Wagner
Apotheker für klinische Pharmazie
Schanzenstraße 21
D–40549 Düsseldorf
Email: w-wagner@t-online.de
Themenheft: Katastrophenmedizin II*
Möglichkeiten der Medizintelematik für die Katastrophenmedizin
T. Benner, W. Röckelein, A. Perk, M. Nerlich und U. Schaechinger
Abstract
T. Benner1, W. Röckelein1, A. Perk1, M. Nerlich2 und U. Schaechinger2
1rzr – Rettungszentrum Regensburg e.V. 2Abteilung für Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Regensburg
Einleitung: Jedes Jahr führen Katastrophen zu tausenden von Verletzten, Toten und Flüchtlingen. Abhängig von der Art des Großschadensereignisses (Zugunglück, Flugzeugabsturz, Überschwemmung, Erdbeben) ist nicht nur eine sofortige notfallmedizinische, sondern auch eine allgemeinmedizinische Hilfeleistung und klinische Versorgung über einen längeren Zeitraum im Schadensgebiet sicherzustellen. Fragestellung: Die Besonderheiten von Katastrophen infolge der Vielzahl von Patienten sowie zahlreicher eingesetzter Behörden und Organisationen erfordern ein hohes Maß an Einsatzführung. Darüber hinaus wird die Schadensbewältigung durch die Zerstörung von Infrastruktur weiter erschwert. Patienten können durch den üblichen bodengebundenen Rettungsdienst oft nicht erreicht werden. Evaluiert wird erstens die Effektivität der notwendigen umfangreichen Koordination und Kommunikation und zweitens das mögliche Unterstützungspotential der Medizintelematik. Methodik: Berichte vergangener Großschadensereignisse wurden bezüglich Arbeits- und Datenfluß der medizinischen Versorgung und Einsatzführung analysiert. Ergebnisse: Die Nutzung der üblichen Sprechfunkverbindung verursacht Übertragungsfehler und führt zu Funknetzüberlastungen. Die manuelle Verteilung gleicher Informationen an mehrere Adressaten über verschiedene Kommunikationswege verursacht Zeitdifferenzen in der Aktualität der Daten. Sprachprobleme führen zu verlängerten Reaktionszeiten. Aktuelle Sichtungsergebnisse sowie Lagemeldungen von Rettungsdienst und Krankenhäusern sind unabdingbar für einen effektiven medizinischen Rettungsprozeß. Die Qualität der Katastrophenhilfe ist von der Qualität der Kommunikation und Information abhängig. Schlußfolgerung: Die heutige Medizintelematik bietet mit mobilen Kommunikationsmöglichkeiten orts- und zeitunabhängige sowie redundante und sichere nutzerbezogene Vernetzung medizinischer Ressourcen. Die Nutzung von Medizintelematik kann die Katastrophenhilfe unterstützen. Moderne Technologien bieten Unterstützung beim Aufbau medizinischer Hilfe trotz zerstörter Infrastruktur. 3 Säulen medizinischer Telematik bieten sich an, um Katastrophen zu bewältigen: Computerunterstützte Einsatzführung, telemedizinische Unterstützung sowie Datenbank-Netzwerk/ “Medical Intelligence”. Eine Folgestudie wird empfohlen, um den Einsatzwert der Medizintelematik in einem realen Katastrophenfall zu bewerten. Correspondence to:
T. Benner
rzr - Rettungszentrum Regensburg e.V.
Josef-Engert-Straße 9
D–93051 Regensburg
Email: th.benner@t-online.de