Jahrgang 32, No. 5/2006(Mai 2006)
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Atemwegs- und Lungenkrankheiten
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Primäre ziliäre Dyskinesie
Editorial
E. Rietschel
Abstract
E. Rietschel
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wußten Sie, daß Schnecken mit linksgewundenen Gehäusen gegenüber ihren Kollegen mit rechtsgewundenen Gehäusen einen entscheidenden Vorteil haben: Sie sind besser vor den Angriffen gefräßiger Krebse geschützt. Das haben Gregory Dietl von der Yale Universitiy und Joathan Hendricks von der Cornell University herausgefunden. Die beiden amerikanischen Biologen untersuchten 1772 rechts- und linksgängige Schneckenhäuser von Welhorn und Kugelschnecken. Dabei konnten sie feststellen, daß die rechtsdrehenden Schnecken häufiger Narben von Krebsangriffen am Schneckenhaus aufwiesen als linksdrehende. Bei den Hauptfeinden der Schnecken, den Boxerkrabben, befindet sich asymmetrisch an der rechten Körperseite ein Greifarm, den diese Krebse verwenden um ihre Beute zu knacken und zu schälen. Dadurch fällt ihnen das Öffnen rechtsdrehender Schneckenhäuser leichter. (Proceedings Royal Society B (Biological Sciences vom 23.3.2006). Trotzdem sind linksdrehende Schnecken viel seltener zu finden als rechtsdrehende. Mittlerweile weiß man, daß die linksdrehenden Schnecken große Schwierigkeiten haben sich mit rechtsdrehenden zu paaren. Sie passen einfach nicht zueinander. Außerdem wird als Ursache für linksgedrehte Schneckenhäuser eine Ziliendysfunktion angenommen, womit wir beim eigentlichen Thema dieses Heftes angekommen sind.
Auch bei uns Menschen sind Zilienfunktionsstörungen seltene Ursachen für eine Vielzahl von Symptomen. Schon in der Neugeborenenperiode können sie zu einer beatmungspflichtigen Atemstörung führen, aber auch bei 60-Jährigen mit unklaren Bronchiektasen können sie wesentlich deren Entstehung mit verursacht haben. Die Diagnostik ist in den letzten Jahren durch zunehmende Erfahrungen auf dem Gebiet der Elekronenmikrosopischen Beurteilung sicherer geworden. Diese Erfahrungen haben wir im wesentlichen Herrn Prof. Morgenroth zu verdanken, der zusammen mit Herrn Dr. Ebsen (Bochum) in der ersten Arbeit dieses Hefts in dieses schwierige Thema einführt. In den letzten Jahren sind, insbesondere in der Arbeitsgruppe von Herrn PD Dr. Omran aus Freiburg erstmalig PCD-Gene gefunden worden, deren Kenntnis in den nächsten Jahren einerseits die diagnostische Sicherheit erhöhen, andererseits aber auch zu neuen Therapieansätzen führen wird. Herr Dr. Nüßlein aus Bochum gibt einen Überblick über den derzeitigen Stand der Therapie, die im Wesentlichen auf den Ergebnissen einer Konsensuskonferenz beruht, da Studien zur Behandlung dieser Erkrankung fast völlig fehlen. Herr PD Dr. Ahrens aus Darmstadt berichtet über Untersuchungen im eigenen Patientengut, insbesondere über den Zusammenhang mit einem gastroösophagealem Reflux.
Ich hoffe, daß dieses Heft dazu beiträgt die “awarness” für die Ziliendyskinesie als mögliche Ursache einer Vielzahl von Symptomen im Bereich der oberen und unteren Atemwege zu erhöhen. Nur so können dann möglichst viele Patienten einer zeitgemäßen Diagnostik und bei Bestätigung der Diagnose auch einer spezifischen Therapie in einem entsprechende Behandlungszentrum zugeführt werden.
Dr. E. RietschelCorrespondence to:
Dr. med. E. Rietschel
Kinderklinik, Universität zu Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
D-50924 Köln
Email: Ernst.Rietschel@medizin.uni-koeln.de
Primäre ziliäre Dyskinesie
Elektronenmikroskopie bei der primären ziliären Dyskinesie
M. Ebsen und K. Morgenroth
Abstract
M. Ebsen und K. Morgenroth
Institut für Pathologie der Ruhr-Universität an den Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil, Bochum
Die primäre ziliäre Dyskinesie ist eine seltene, angeborene Erkrankung, die klinisch durch Infekte der oberen und unteren Atemwege charakterisiert ist. Die Zilien der betroffenen Patienten zeigen typische Ultrastrukturdefekte, wie z.B. das Fehlen der Dyneinarme, Radspeichendefekte oder das Fehlen des zentralen Doppeltubuluspaars. Selten liegen andere tubuläre Abnormalitäten, verlängerte Zilien oder eine gestörte Orientierung der Zilien vor. In 3% der Fälle zeigen sich keine Ultrastrukturdefekte trotz typischer klinischer Symptome. Im Rahmen der transmissionselektronenmikroskopischen Diagnostik ist es entscheidend, primäre von sekundären Veränderungen, die z.B. im Rahmen von Infekten oder chronischen Lungenerkrankungen auftreten können, zu unterscheiden. Diese Arbeit schildert die entscheidenden morphologischen Charakteristika primärer und sekundärer ziliärer Veränderungen.Correspondence to:
Dr. med. M. Ebsen
Institut für Pathologie
Ruhr-Universität Bochum
Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
D-44789 Bochum
Email: michael.ebsen@rub.de
Primäre ziliäre Dyskinesie
Genetische Defekte bei primärer ziliärer Dyskinesie
H. Omran und N. Hornef
Abstract
H. Omran und N. Hornef
Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Universität Freiburg
Die primäre ziliäre Dyskinesie (“primary ciliary dyskinesia”, PCD) ist eine genetisch und klinisch heterogene Erkrankung, die in der Regel autosomal-rezessiv vererbt wird. Bei Betroffenen führt eine Dysmotilität der Flimmerhärchen (Zilien) zu einer verminderten mukoziliären Reinigung der Atemwege, was das Auftreten chronischer Entzündungen in Nasennebenhöhlen, Mittelohr und Lungen bedingt und zur Entwicklung von irreversiblen Bronchiektasen führt. In der Hälfte der Fälle ist zudem ein Situs inversus zu beobachten (Kartagener-Syndrom). Die Diagnosestellung beruht auf dem Vorliegen von klinischen und elektronenmikroskopischen Befunden, die technisch aufwendig und kostenintensiv sind. Elektronenmikroskopische Untersuchungen an respiratorischen Zilien von PCD-Patienten zeigen häufig ultrastrukturelle Defekte der äußeren Dyneinarme, welche für die Zilienbewegung verantwortlich sind. Die Gene DNAI1 (9p13-p21) und DNAH5 (5p15-p14) kodieren für Proteine des äußeren Dyneinarms. Mutationsanalysen bei großen Patientenkohorten zeigen, daß rezessive Mutationen in DNAI1 bei ~ 14% und in DNAH5 bei ~ 28% aller PCD-Patienten nachgewiesen werden können. Selten verursachen X-chromosomal-rezessive RPGR-Mutationen bei Jungen PCD, vergesellschaftet mit Retinitis pigmentosa. Es ist anzunehmen, daß in naher Zukunft weitere PCD-Gene identifiziert werden.Correspondence to:
PD Dr. med. H. Omran
Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin
Universität Freiburg
Mathildenstraße 1
D-79106 Freiburg
Email: omran@kikli.ukl.uni-freiburg.de
Primäre ziliäre Dyskinesie
Therapie der primären Ziliendyskinesie
T. Nüßlein
Abstract
T. Nüßlein
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, St. Josef-Hospital,Klinikum der Ruhr-Universität, Bochum
Die Manifestationen der primären Ziliendyskinesie (PCD) an den Atemwegen sollten nach einem Stufenschema behandelt werden. Grundlage ist die Elimination von Sekreten durch Physiotherapie, insbesondere autogene Drainage und Sport sowie durch regelmäßige Nasenspülung. Oft sind darüber hinaus antientzündliche Wirkstoffe, in der Regel topische Steroide und Antibiotika primär in Form einer intermittierenden Prophylaxe von Nutzen. In Einzelfällen müssen operative Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, vor allem die funktionelle endoskopische Nebenhöhlenchirurgie und die Lappenresektion bei umschriebenen Bronchiektasen.Correspondence to:
Dr. med. Th. Nüßlein
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
St. Josef-Hospital
Klinikum der Ruhr-Universität Bochum
Alexandrinenstraße 5
D-44791 Bochum
Email: t.nuesslein@klinikum-bochum.de
Primäre ziliäre Dyskinesie
Die primäre ziliäre Dyskinesie – Klinik, Diagnostik und Differentialdiagnostik
P. Ahrens und B. Lettgen
Abstract
P. Ahrens und B. Lettgen
Pneumologisches und Allergologisches Zentrum, Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret, Darmstadt
Die primäre ziliäre Dyskinesie tritt etwa in einer Häufigkeit von 1 : 15.000 in Deutschland auf. Klinisch stehen eine chronische Bronchitis, rezidivierende Pneumonien mit konsekutiver Bronchiektasie und eine chronische Sinusitis und rezidivierende Otitiden im Vordergrund. Die Hälfte der Patienten fällt durch einen klinisch allerdings völlig bedeutungslosen Situs inversus auf. Ca. 30% der Patienten entwickeln eine obstruktive Ventilationsstörung mit erhöhter Resistance und positiver Broncholyse. Allergische Begleiterkrankungen treten etwa in gleicher Häufigkeit wie in der Normalbevölkerung auf – Schimmelpilzsensibilisierungen scheinen jedoch häufiger zu sein. Das in der BAL beobachtete Erregerspektrum zeigt bei Kindern die klassischen pneumotropen Keime (Pneumokokken, Hämophilus, Moraxella). Wichtiges Begleitphänomen ist eine sekundäre gastroösophageale Refluxproblematik mit chronischer Mikroaspiration bei etwa 40% der Patienten. Diagnostisch sind in diesem Zusammenhang die 2-Punkt-pH-Metrie, der Nachweis fettbeladener Makrophagen in der BAL und der histologische Nachweis einer Ösophagitis. Die nasale NO-Messung hat sich bei Werten über 50 ppb als wertvolles “Ausschluß-Screening” erwiesen.Correspondence to:
PD Dr. med. P. Ahrens
Pneumologisches und Allergologisches Zentrum
Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret
Dieburgerstraße 31
D-64287 Darmstadt
Email: peter.ahrens@kinderkliniken.de
Originalarbeit
Einfluß der Inhalation von Emser Salzlösung auf die Exazerbationsrate bei Patienten mit COPD
P. Haidl, E.M. Karow, G. Hommel und D. Köhler
Abstract
P. Haidl1, E.M. Karow2, G. Hommel3 und D. Köhler1
1Zentrum für Pneumologie, Beatmungs- und Schlafmedizin, Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft, Schmallenberg, 2Firma Siemens und Co. Bad Ems, 3Institut für medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik (IMBEI)
Einleitung: Im Akutversuch beschleunigt isoosmotische Emser Salzlösung (ES) die bronchiale Clearance und verringert damit die endobronchiale Verweildauer infektiöser Partikel. Dieser Mechanismus könnte einen Einfluß auf die Exazerbationsrate von Patienten mit COPD haben, denn in dieser Patientenklientel ist die bronchiale Clearance deutlich erniedrigt und die Zahl der Exazerbationen erhöht. In einem offenen, prospektiven, kontrollierten, randomisierten Parallelgruppenvergleich wurde daher der Einfluß einer 6-monatigen Inhalation mittels Düsenvernebler von ES bei Patienten mit COPD auf die Anzahl der Exazerbationen (AE) untersucht. Methode: 38 Patienten (10 weiblich, 63 ± 8 Jahre, FEV1 45 ± 11% des Sollwerts) beendeten den Versuch vollständig. Die ES-Gruppe (n = 16) inhalierte neben ihrer bereits bestehenden inhalativen Medikation (Broncholytika und/oder Steroide) 2 × täglich je 5 ml ES mit einem Düsenvernebler (Pari LC Plus), die Kontrollgruppe (n = 22) blieb ohne Zusatztherapie. Kontrollvisiten erfolgten alle 30 Tage mit Erfassung der Lungenfunktion, der subjektiven Befindlichkeit und der Sputummenge und -qualität. Ergebnisse: Weniger als 60% aller Patienten hatten über die Dauer des Versuchs mindestens eine Exazerbation. In beiden Gruppen betrug die durchschnittliche AE 1,3 in den 6 Studienmonaten. Die Zeit bis zur 1. Exazerbation unterschied sich ebenfalls nicht signifikant (56 ± 34 Tage ES versus 37 ± 35 Tage Kontrollen). Bei den explorativ ausgewerteten Nebenzielgrößen fiel auf, daß in der ES-Gruppe die tägliche expektorierte Sputummenge signifikant abnahm und sich die mittels Score erfaßte Befindlichkeit besserte. In der Kontrollgruppe blieben beide Parameter unverändert. Zusammenfassung: Unter Verneblertherapie mit ES konnte keine Reduktion der AE und Dauer bis zur 1. Exazerbation beobachtet werden. Dennoch deuten die Reduktion der Sputummenge und Besserung der Befindlichkeit in der ES-Gruppe auf eine Abnahme der bronchialen Entzündung hin.Correspondence to:
Dr. med. P. Haidl
Zentrum für Pneumologie, Beatmungs- und Schlafmedizin
Krankenhaus Kloster Grafschaft
Annostraße 1
D-57392 Schmallenberg
Email: p.haidl@t-online.de