Jahrgang 30, No. 10/2004(Oktober 2004)
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Atemwegs- und Lungenkrankheiten
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Extended abstracts
NA
Extended abstracts
Vorwort
R. Bonnet, M. Weber, I. Mäder, und M. Franke
Abstract
R. Bonnet, M. Weber, I. Mäder, und M. Franke
Extended abstracts
Spektrum der Aspergillosen
W. Schütte
Extended abstracts
Differentialdiagnostische Herausforderungen der Pneumologie: Berylliose oder Sarkoidose oder ... ?
C. Kroegel
Extended abstracts
Differentialdiagnostik des alveolären Hämorrhagiesyndroms
J. Schreiber, C. Schreiber, S. Hege und J. Knolle
Abstract
J. Schreiber, C. Schreiber, S. Hege und J. Knolle
Extended abstracts
Dyskinesie der Atemwege
I. Mäder und R. Bonnet
Abstract
I. Mäder und R. Bonnet
Extended abstracts
Bronchiolitiden
A. Gillissen und U.R. Juergens
Abstract
A. Gillissen und U.R. Juergens
Extended abstracts
Kortisonmyopathie –Fiktion oder Realität?
A. Kratzsch und E.-W. Schmidt
Abstract
A. Kratzsch und E.-W. Schmidt
Extended abstracts
Pulmonale Hypertonie – neue Klassifikation und Behandlungsformen
J. Winkler
Extended abstracts
Dyspnoe als Frühsymptom neuromuskulärer Erkrankungen
G. Laier-Groeneveld
Abstract
G. Laier-Groeneveld
Editor's Note I
Oh, Kabeljau
K. Waßermann
Abstract
K. Waßermann
Pleurez, mes yeux! (Maria Callas)
Die die Apokalypse leibhaftig erleben, sehen sie nicht; und die sie sehen, erleben sie noch nicht. Aber einige sind dazu verdammt, nahe am Abgrund über sie zu meditieren und sie herbeizufürchten.
So ähnlich sagt es André Glucksmann in seiner Philippika gegen den Völkermord in Tschetschenien am Rande der Geiselnahme von Beslan [1].
Der Artikel, Totenklage, Streitschrift und düstere Prophezeiung in einem, erschien auf der ersten Seite von Le Monde und, nachlässig übersetzt und gekürzt, im Feuilleton der SZ, hinten, immerhin. Glucksmann nennt Putin, den Zauberlehrling des Kreml, dem die regierenden demokratischen Fürsten offenbar die Sorge um unsere Sicherheit anvertraut haben, weil sie die uneingestandene Hoffnung hegen, daß er die Tschetschenen „auslöscht“, bevor etwaige Überlebende in der Lage sind, mit dem nihilistischen Teufel ( = dem internationalen Terrorismus) gemeinsame Sache zu machen; er nennt Putin einen chaotischen Schlächter, einen Meister des Weltuntergangs. Man stelle sich vor: dies stammte von einem Deutschen, in einer der reputierlicheren Tageszeitungen veröffentlicht, auf der ersten Seite zumal! Rußland beleidigen!
Die, denen Gewalt widerfährt, bleiben stumm. Die anderen, die von der Gewalt erzählen, sind geschwätzig, pathetisch, emphatisch, zynisch; oder sie werden zu Moralisten; und manchmal werden sie wahnsinnig. Wie Kassandra. Sie hat sich vermutlich um Kopf und Kragen geredet.
Und gibt es nicht irgendwo in der Ilias den notorischen Nörgler, einen krummbeinigen, verwachsenen Querulanten, der während des Gemetzels schimpfend und nach getaner Heldenarbeit schwermütig über die Schlachtfelder humpelt und die Gebeine zählt, die abgetrennten Häupter und die zerfetzten Leiber? Und der dann dieses „Ruhmeswerk“ verhöhnt und verspottet? Tersites. Kein Seher, aber ein scharfsichtiger, unabhängiger Geist, dessen einzige Schwäche die Nähe zu den Geschöpfen ist (siehe Abb. 1).
Erstaunlicherweise genießt die – einverständige, oder besser noch: affirmative – Gewalterzählung die gleiche gesellschaftliche Wertschätzung wie die Liebe, die Freundschaft, die Konversation und die Hilfe in höchster Not. In Pulp Fiction wird diese Austauschbarkeit der Bedeutungen gründlich zelebriert.
Nachdem, wie ich auf der Schmuddelseite der SZ [2] las, in einem Hinterzimmer einer Saarbrücker Kneipe, unter den dösigen Blicken vieler Angetrunkener, ein kleiner Junge, weil er lästig wurde, mit einem Kissen erstickt worden war (“als das Kind geschrien habe, habe Martin R. gefordert, die Andrea soll mache, daß der Kleene ruhig bleibt”), schlug Christa W. vor, der Bub könne doch in einer französischen Kiesgrube “entsorgt” werden. Dann folgt, um Lokalkolorit einzufangen, die wörtliche Schilderung einer Beteiligten im schwerfälligen Dialekt der Region: “Dann hat der S. den Kleen’ in so ne Decke gewickelt, die wo für den Hund da war, und dann hat die Christa gesagt, ich soll die Mülltüte halten, und da han ich die Tüte uffgehalte. Ich han so en doofe Kopp.” Die Dumpfheit, die über der Szene und ihren Akteuren liegt, hat ihren Grund.
Der Fall Haarmann, schreibt Hans Ulrich Gumbrecht [3], sei ein Paradebeispiel für die Faszination der Öffentlichkeit durch den Mord als ein Phänomen, in dem verschiedene Krisen der abendländischen Kultur zusammenlaufen. Mag wohl sein. Im Saarbrücker Fall wird die krisenhafte, aber noch unauflösbare Vermischung von Realität und Virtualität zum lähmenden Kern der Handlung, so könnte man sagen. Vielleicht gibt es da gar keinen Unterschied? Wer weiß, nichts ist, was es scheint, und nichts ist wirklich? Weiterhin fällt die Seelenruhe der Protagonisten auf, ihre Unschuld in der Präsentation äußerster Rohheit. Ich komme noch darauf zurück.
Der heimliche Mord, jemanden „stiekum abzumurksen“, muß schwierig sein, äußerst mühsam. Und es dauert, wie Hitchcock weiß [4]. Nicht nur bricht die Klinge des Schnitzmessers ab, das auf Wolfgang Kielings Hals gepreßt wird, ohne auch nur einen Kratzer zu hinterlassen; auch das Schaufelblatt, das die Bauersfrau verzweifelt gegen sein Schienbein hämmert, um es zu brechen, zwingt ihn zwar vor der Herdöffnung in die Knie, aber er wehrt sich mit den Armen, klammert sich an Newmans karierte Jacke, richtet sich halb auf und stöhnt irgendetwas wie: uuuuuh!, das heißt, er wird lauter. Weil er aber nicht schreien darf, denn irgendein Zuträger im Ledermantel ist immer in der Nähe, springt ihm Paul Newman heftig in den Rücken und drückt ihm von hinten beidhändig den Unterkiefer so fest gegen die Oberkieferzähne, daß es aussieht, als wolle er ihn daran hindern, eine eben verschluckte Zitrone wieder auszuspucken. Gromek kämpft mit verzerrtem Gesicht um sein Leben; er ist ein zynischer, kaugummikauender, widerwärtiger Anschleimer. Mitleid hat keiner, aber man hätte doch gern dieses stumme Massaker schnell entschieden. Es ist nicht zum Aushalten, wie dilettantisch sie miteinander ringen, diese drei Geheimdienstleute: völlig unzureichendes Instrumentarium, Zögerlichkeit: soll man wirklich so weit gehen? Unerfahrenheit in der Ausführung. Als endlich Gromeks Kopf in der Bratenröhre verschwindet, wirft Newman sich schwitzend und schwer atmend auf ihn und wartet wie in Apathie so lange, bis die Fäuste des Unterworfenen zu zucken aufhören.
Truffaut würdigt diese Szene, da sie das Publikum mehr als andere ergreift: »it’s the one that grips the audience the most. Since it is played without music, it is very realistic and also very savage« [4].
Eine große Firma für bastelnde Haus- und Garteneigentümer wandelt (in der Fernsehwerbung) einen Mord in ein als Abwehrschlacht getarntes, beifällig vermerktes, Unglück um. Das geht so: Ein zufälliger Passant auf einer venezischen Bogenbrücke aus Kiefernholz wirft nachlässig eine Kippe unter sich in das Bächlein, das den Privatbesitz lieblich umspielt. Und hast Du nicht gesehn, schnellt ein mächtiger Orca aus diesem Tümpel und wirft sich vor die Figur auf der Brücke. In der nächsten Szene treibt der graumelierte Haarschopf des Vorübergegangenen auf der Wasseroberfläche. Ansonsten ruht still wieder der See. Der Häuslebauer, der soeben sein Gras noch einmal mit der Nagelschere trimmt, schaut kurz auf, zufrieden über die Einmischung des Magischen zugunsten der Reinlichkeit seiner Sphäre.
Die neuen Kleinbürger sind besser ausgestattet als vor 30 Jahren. Damals bemerkte Reinhard Lettau, nach längerer Abwesenheit wieder in Deutschland, „morgens, in Waldbronn bei Karlsruhe, auf dem Weg zum Bäcker“ neben sich, „zwischen Bürgersteig und Hausfront, einen zehn Zentimeter breiten Vorgarten mit wirklichen Blumen und gepflegtem Rasen. Jedoch ist dieser Garten, in den man sich hinabbeugen, aber nicht setzen könnte, gegen die Außenwelt geschützt durch einen fingerhohen Gartenzaun. Erwartet man den Angriff von Personen in der Größe von Bleistiften?“ [5]. Mittlerweile sind ihre Gärten größer, parkähnlicher geworden. Jedoch die Angst vor dem Anderen, die unterdrückte Aggressivität, das Mißtrauen und die Feindschaft sind geblieben. Sie träumen nicht nur von Eigenem, sondern auch von dessen makelloser Unberührtheit und Unberührbarkeit. Da sie Distanz, eine gute bürgerliche Haltung, mit Feindschaft verwechseln, töten sie – oder überlassen dies dem deus ex machina – mit großer Geste und atavistischer Grausamkeit, weil auch gedankenlose, nichtsnutzige Dahergelaufene Terroristen sein können. Und sie, die Auftraggeber, lächeln, nicht etwa, weil der abgebissene Kopf sie amüsierte, sondern weil alles so geschieht wie im Märchen: sie sind bezaubert von seiner Heimlichkeit und Stille. Niemand hat etwas bemerkt. Deshalb können sie sich frohgemut erneut ihrer bienenemsigen Gras- und Löwenzahn-Pflege widmen. Und entsetzlich oft mähen sie den Rasen unter dem Magnolienbaum.
Im übrigen ist der Mord als Akt auch nicht sichtbar, er passiert zwischen den Bildern als Erzählung des Einverständnisses im Kopf der Zuschauer. Deshalb gibt es eine andere, harmlosere Version der Szene: Der unvermutet auftauchende Killerwal hat den Passanten zu Tode erschreckt: Auf der selbstverständlich „kopflosen“ Flucht verliert er seine Perücke. Die schwimmt nun, während er in sicherer Entfernung, off-stage sozusagen, seine Glatze befühlt, als Kopfersatz auf dem Flüßchen.
Aber, wichtig genug, das eigentliche Vergnügen an dem Geschehnis entspringt seiner schnippisch inszenierten Vieldeutigkeit: Ist es nun so oder so passiert? Welche erzählerische Variante ist die wahrscheinlichere? Und möglicherweise ist ja gar nichts geschehen, weder Kopf noch Kunsthaar; sondern alles hängt in der Luft der Phantasie? Aber zumindest die hat deutliche Konturen der sicheren, unzweideutigen und händereibenden Wunschvorstellung.
Zur Zeit sind wir ja allseits irgendwie doch vom Bösen umringt. Die Luft selbst wirkt mit ihren Gasmolekülen Gefängnisse für Leib und Seele. Man fühlt sich, man weiß nicht wie, eingeengt, gefährdet. Paradigmatisches Gegengift sind die jährlich neu erscheinenden Potter-Episoden. Wenn wir es dem kleinen Zauberer gleichtun wollen, und welche Wahl hätten wir sonst, müssen wir uns mit Magie der mythischen Bedrohungen erwehren. Das heißt, einander erzählen, wie sie uns drangsalieren und wie heldenhaft wir sie in ihre Löcher zurücktreiben. Ganz vernichten werden wir sie nie können, denn was fingen wir mit der Freiheit danach an? Das Böse bleibt – nota bene: als narratives Grundmuster – und sei es nur, um uns für die lang werdende Zeit zu entschädigen.
Die schon erwähnte Bastelfirma hat sich etwas Neues ausgedacht, um den Störenfried zu demütigen. Beileibe nicht zu vernichten!. Der Feind ist diesmal ein höchst angeregter BMW-Fahrer, der ein blühendes und mit wohlgepflegten Gärten dicht bestücktes Wohnviertel durchkreuzt. Nur kein Pissoir weit und breit! Und das scheint er im Augenblick dringend zu benötigen. In seiner Verzweiflung stoppt er irgendwo, läuft in ein rettendes Kunstgebilde aus Geranien und Rosen und Primula vera und Hyrangia macrofila Bretschneider und erleichtert sich. Über die Schulter schauend bemerkt er – eher verwundert als empört – wie eine riesige Eiche, unter der sein neuer 7er BMW geparkt ist, sich langsam über den Wagen neigt, um ihn am Ende vollständig zu zertrümmern. Der wütende, nach erfolgter Tat sich wiederaufrichtende Baum (kennen wir übrigens aus Harry Potter III) und das Ressentiment der Haus- und Gartenbesitzer, die ortsfremde Urintropfen, zumal von BMW-Fahrern, drakonisch bestrafen! Sie, die eben ein Fenster dieser Firma auf ihrem Dach anbringen, tauchen, nachdem sie die Wirkung ihres Fluchs beobachtet haben, erfreut hinter dem Giebel unter.
Obwohl mich bei dieser Art Werbung nachgerade wenig überrascht, bin ich doch erstaunt, wie gut und normal diese jungen, alerten Hausbesitzer aussehen: à la Mode gekleidet, gelegentlich in betont nachlässigen aber irre teuren Freizeitklamotten, unbefangen und geschmeidig im Auftreten. Nicht, daß sie hämisch grinsen oder, wie früher, mit verzerrtem, hochrotem Gesicht um ihren Besitzstand kämpfen (es waren die Apfelbaumzweige, die mit den Früchten in den Garten des Nachbarn reichten). Nein, sie registrieren die Tat und die stellvertretende Bestrafung am hochwertigen Accessoire, wenden sich wieder ihrer Arbeit zu und lächeln dieses sympathische, offene, für sich einnehmende, durchaus nicht selbstgerechte, eher genügsame, wie soll ich sagen, friedlich-inwendige, gottbefohlene Einkehr-Lächeln, wie man es oft auf den Gesichtern der Marienstatuen in italienischen Kapellen beobachten kann. Und dazu mit phantastisch gepflegten, regelmäßigen Zähnen. Es ist ihre offensichtliche Unschuld, die mich erschüttert.
Klaus Waßermann
Anmerkungen
[1]
Glucksmann A.: Der Weg der Apokalypse führt über Beslan. Le Monde, 16. September 2004.
[2]
Süddeutsche Zeitung vom 28. September 2004.
[3]
Gumbrecht H.U.: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003.
[4]
Truffaut F.: Hitchcock. "Torn Curtain". Panther, London 1969, 388-389.
[5]
Lettau R.: Zerstreutes Hinausschaun. Carl Hanser, München 1 Correspondence to:
PD Dr. med. K. Waßermann
Abteilung Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin
Klinik III für Innere Medizin, Universität Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
D-50931 Köln
Email: klaus.wassermann@uni-koeln.de
Editor's Note II
Betrifft: H.-O. Wiesemann: Hoher Preis fürs höchste Gut. Zum schwierigen Verhältnis von Ökonomie und Medizin Merkur 58, 510-518 (2004)
M. Schmidt
Abstract
M. Schmidt
Die Lektüre des o.g. Artikel [nachgedruckt in Atemw.-Lungenkrkh. 30, 466-472 (2004)] ist allen Ärzten dringend zu empfehlen. Er darf jedoch nicht unkommentiert bleiben, ist er doch ein Musterbeispiel für die aktuelle medizinisch-ökonomische Konfrontation. Herr Dr. Wiesemann, offensichtlich ein Ökonom in Diensten einer Krankenkasse, gibt seine Sicht der Dinge in recht polemischer Form weiter. Abgesehen davon scheint es mir keine isolierte Meinung, sondern ein gewisser Konsens in diesen Kreisen zu sein: Dem Medizinsystem (im Artikel immer Gesundheitswesen genannt) fehle es an ökonomischer Denkweise. Um das gleich gerade zu rücken: Nicht wenige Ärzte sind ausgezeichnete Ökonomen und haben ihre Praxen auf Gewinnoptimierung getrimmt, schon um zu überleben, nur scheint diese Art von Ökonomie nicht das zu sein, was erwartet wird.
Natürlich spielen wirtschaftliche Erwägungen in Zeiten des Überflusses keine große Rolle; die Knappheit ist es, was Ökonomen beflügelt. Doch bei der Frage, wie man die Produktionsmittel Arbeitskraft und Kapital sinnvoll einsetzt, bleibt auch dem Ökonomen nicht die gesellschaftliche Sicht erspart: Was hält unsere deutsche Gesellschaft für notwendig und damit für finanzierbar? Was ist eine gerechte Verteilung dieser Mittel? Welche sozialen Unterschiede werden im Medizinsystem toleriert? Welche Rolle spielt noch die Solidarität? Da ist das Medizinsystem natürlich keine „Insel der Glückseligkeit“, wie Herr Dr. Wiesemann behauptet. Eine Meinung, wie die von Ivo Andric, die er hier zitiert, dass Krankheit für die Armen Schicksal und für die Reichen Strafe sei, ist eben bei uns nicht konsensfähig. Falls das sein Ziel wäre, hätten die Ökonomen eine weite politische Strecke vor sich. Auch Ökonomen müssen die Frage nach Allokations- und Verteilungsgerechtigkeit beantworten, und die Antwort, dass das allein der Markt regeln wird, stößt hierzulande bei den Patienten auf kein großes Vertrauen.
Ich glaube, das Problem sitzt aber tiefer. Herr Dr. Wiesemann spricht das selbst an: „Ökonomen sind normindifferent“. Das ist der Punkt, den ich meine. Wer sich als reiner Ökonomietechniker in Zusammenhänge von Ethik, sozialer und juristischer Gerechtigkeit oder politischer Machbarkeit begibt, hat leider die falschen Werkzeuge. Er kann uns die Folgen unseres ökonomischen Fehlverhaltens auf etliche Kommastellen genau berechnen, doch das wird unser Problem nie lösen. Ein gutes Beispiel dafür ist das beliebte ökonomische Werkzeug der Life Years (Kosten-Nutzen-Analyse) oder der komplexeren Quality-Adjusted Life Years (Kosten-Benefit-Analyse), über die auch Herr Dr. Wiesemann schreibt. Damit kann man im großen Zusammenhang erkennen, ob bestimmte medizinische Methoden die Lebenserwartung oder die Lebensqualität einer Bevölkerung insgesamt verbessern. Bei der Versorgung mit medizinischen Hightechgeräten und anderen sehr teuren Methoden werden schon politische Entscheidungen auf dieser Basis getroffen. Das ist in Zeiten knapper Kassen sicher gerechtfertigt, wenn man sich gesellschaftlich darüber einig ist. Dass eine solche Einigung auch politisch nicht einfach umsetzbar ist, zeigt die aktuelle Diskussion in der Gesundheitspolitik. Einzelne Bürger, die fürchten, krank werden zu können, sehen keinen großen Zusammenhang, sie haben ihre individuelle Sorgen und Ängste. Das ist im Übrigen auch die Denkweise des Arztes: Er sieht den kranken Einzelnen und sucht für dieses Individuum die adäquate Therapie. Das kann auch die noch finanzierbare Therapie sein, Ärzte denken durchaus ökonomisch (s.o.). Für individuelle Entscheidungen sind die globalen ökonomischen Werkzeuge nicht geeignet und führen natürlich zu falschen Resultaten.
Wahrscheinlich deshalb blühen im Artikel von Herrn Dr. Wiesemann groteske Missverständnisse, von denen ich einige aufgreife.
– 1. Das Medizinsystem produziert nicht Gesundheit, sondern
behandelt auf seiner kurativen Seite Krankheiten mit dem
möglichen Ergebnis einer Heilung. Übergänge in chronische Leiden
sind leider häufig, Heilungen eher selten.
– 2. Manchmal gibt es nur noch palliative Optionen, denn es gibt
viele primär unheilbare Krankheiten und um die Todkranken und
Sterbenden muss sich auch ein Arzt kümmern. Ob man diese aus
dem Medizinsystem ausgliedern sollte, wie von Herrn Dr.
Wiesemann empfohlen, würde ich gerne in seinen letzten
Lebensjahren mit ihm persönlich besprechen.
– 3. Die präventive Seite versucht Krankheiten zu verhindern und
hat eine erhebliche Ausweitung erfahren, in der Hoffnung,
Gesundheit zu erhalten. Über die oft sehr schmale Datenbasis,
die zur Grundlage von landesweiten Präventionsprogrammen
wurde, wäre eine medizinisch-wissenschaftliche Diskussion nötig.
Dabei sollte die Rolle der davon profitierenden Pharmaindustrie
bei medizinischen und politischen Entscheidungen eine spezielle
ökonomische Analyse wert sein.
– 4. Herr Dr. Wiesemann führt zu Recht an, dass die Gesamtaus-
gaben eines Medizinsystems nicht mit dem Gesundheitszustand
einer Gesellschaft korrelieren. Wie sollten sie auch: das
Medizinsystem produziert keine Gesundheit (s.o.). Hingegen
leben viele davon, auch die Krankenkassen.
– 5. Entgegen seiner Behauptung, normindifferent zu sein, stellt
Herr Dr. Wiesemann ständig Bewertungen an, allerdings ohne
seine Normen offen zu legen. Wenn er z.B. aus „konkurrierenden
Zwecken den besten auswählen“ will, verwendet er einen
(ökonomischen?) Maßstab. Ein rein wirtschaftlicher Maßstab kann
es im konkreten Behandlungsfall nicht sein, da sind wir Ärzte
uns einig.
Dass in dem extrem komplexen deutschen Medizinsystem sowohl Verschwendung als aus Ausbeutung vorkam, wissen wir alle. Einige sind mit einem Solidarsystem reich geworden, d.h. auf Kosten aller anderen. Niemand bestreitet deshalb, dass sich spätestens jetzt, in Zeiten der Geldknappheit, etwas ändern muss, schon um die medizinische Basisversorgung der Bevölkerung aufrecht zu halten. Dabei suchen wir einerseits nach den richtigen Wertmaßstäben, andererseits nach den richtigen Werkzeugen. Wenn Herr Dr. Wiesemann irrationale Chefärzte beschreibt, die „nach Gefühl und Durchsetzungsvermögen“ ihre Entscheidungen treffen, wenn er sich als „Krämerseele von Ökonom“ neben der „Lichtgestalt des Lebensretters im weissen Kittel“ sieht, versucht er – keineswegs normindifferent – Einfluss zu gewinnen. Er tut dies auf seine polemische Weise, wenn er gegen die „ökonomische Ratio, dieses Kind der Aufklärung“ den „neoromantischen Abwehrreflex“ der ärztlichen Gefühle stellt.
Es ist zu unterstellen, dass er es besser weiß: Es geht nicht um unsere Gefühle, sondern um ärztliche Ethik. Die Philosophie der Aufklärung hat in der Entwicklung unserer Ethik eine wichtige Rolle gespielt. Nur ist medizinische Ethik mehr als Utilitarismus, auf den sich Herr Dr. Wiesemann mehrfach bezieht. Sie ist eine oft schwierige Balance aus dem Respekt vor der Patientenautonomie, der Nicht-Schadens-Regel, der Fürsorgepflicht und der Gerechtigkeit in der Arzt-Patienten-Beziehung (wenn man sich auf Beauchamp und Childress beziehen möchte). Diese Balance findet auf dem Boden der gesellschaftlichen Realität unseres Landes statt, wo die Knappheit der Mittel im Medizinsystem zu Einsparungen zwingt und die Slalomfahrt der Gesundheitspolitiker Schwindel erregt.
Das ist nun mal so und verdient kein Jammern. Bedauerlich an diesem Vorgang ist, dass es die Ärzteschaft aus eigener Kraft bisher nicht schafft, festzulegen, was die notwendigen medizinischen Maßnahmen sind, unter deren Minimalschwelle die medizinische Versorgung unserer Patienten nicht absinken darf. Diese Diskussion muss eine ärztliche Diskussion sein und sie wird ja in vielen Qualitätszirkeln geführt. Partikularinteressen diverser Fachgesellschaften, die ihren Niederschlag in Hunderten von Leitlinien finden, sind in der politischen Diskussion nutzlos – medizinisch praktisch übrigens auch: sie werden kaum beachtet. An dieser Achillesferse sind wir durch die Ökonomen der Krankenkassen angreifbar: Wir werden nicht medizinischen, sondern rein wirtschaftlichen Maßstäben unterworfen, die dann auch noch den irreführenden Titel Krankheitsbehandlungsprogramm (disease management program) bekommen. Am „schwierigen Verhältnis von Ökonomie und Medizin“ sind wir nicht ganz unschuldig.
M. SchmidtCorrespondence to:
Prof. Dr. med. M. Schmidt
Schwerpunkt Pneumologie
Medizinische Universitätsklinik
Josef-Schneider-Straße 11
D-97080 Würzburg
Email: M.Schmidt@medizin.uni-wuerzburg.de
Übersicht
Quality of Life – Quality of Death. Kritische Betrachtung zur standardisierten Messung der Lebensqualität
J.U. Rüffer
Abstract
J.U. Rüffer
Deutsche Fatigue Gesellschaft (DFaG), Köln
Eine Tumorerkrankung stellt neben der Lebensbedrohung auch eine unvergleichliche psychologische Belastung für den Patienten dar, wie sonst keine andere Erkrankung. Daher ist im modernen Therapieverständnis die psychoonkologische Betreuung des Patienten ein unverzichtbarer Bestandteil. Es wird versucht, die individuellen Ressourcen zur Problembewältigung zu mobilisieren und so dem Patienten eine bessere Krankheitsverarbeitung zu ermöglichen. Zusätzlich wird der Einfluss der Erkrankung auf das persönliche Umfeld des Patienten, die medizinische Interaktion und bezüglich Krankheitsentstehung und -verlauf untersucht. Die psychoonkologische Unterstützung sollte mit der Krebsdiagnose einsetzen und wenn möglich und notwendig lebenslang anhalten. Grundsätzliches Ziel aller Interventionen sollte die Wiederherstellung der Selbstkontrolle und damit des Selbstbewusstseins des Patienten sein. Während der lebensqualitätsverbessernde Effekt der psychoonkolgischen Interventionen außer Frage steht, ist die Auswirkung auf die Tumorprogression und das Überleben unklar. Damit bleiben im wesentlichen drei Ziele: Psychoonkologische Interventionen sollten zukünftig jedem Patienten bei Diagnosestellung angeboten werden, die Auswirkung dieser Interventionen auf den Krankheitsverlauf und die zwingende Integration der Lebensqualität als Messendpunkt bei Überprüfung neuer diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen, insbesondere auch im palliativen Setting.Correspondence to:
Dr. med. J.U. Rüffer
Takepart Media and Science GmbH
Maria-Hilf-Straße 15
D-50677 Köln