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Jahrgang 30, No. 11/2004(November 2004)
Abstract
Zunächst: Der Titel besagt bereits, daß es um persönliche Erinnerungen geht, drei an der Zahl. Ich darf erwähnen, daß Herr Professor Reichel, Bochum, und Herr Werner R. Steinhäusser, Würzburg, meinem Gedächtnis freundliche Nachhilfe gewährt haben. Sehr herzlichen Dank Ihnen beiden, sie sind heute unter uns.
Die erste Erinnerung:
Es begann an einem grauen Novembertag 1965 in Bochum, grau wegen des Smogs, grau wegen der damals noch nicht renovierten Häuserfassaden, grau wegen der noch sichtbaren Spuren des Bombenkrieges. Eines aber war nicht grau: die Stimmung der Menschen in jenen Aufbaujahrzehnten; die Menschen waren voller Zuversicht.
Professor Ulmer hatte damals zu einer Tagung über das Thema “Atemwegsobstruktion” nach Bochum eingeladen, und es trafen sich eine Reihe von Internisten, Pneumologen, Pathologen und nicht zuletzt Physiologen. Gegen Ende der Verhandlung – wir Zuhörer waren stundenlang eingeklemmt in die martialisch-unbequemen Holzbänke des alten Hörsaals – wurde uns eröffnet, daß noch etwas zu erledigen sei. Dieses für den Schluß der Tagung aufgehobene Etwas erwies sich indessen als eine gewichtige Sache, es handelte sich um nichts weniger als darum, eine neue wissenschaftliche pneumologische Gesellschaft zu bilden. Bereits nach etwa einer Stunde “Nachsitzung” war sich die offenbar gut eingestimmte Versammlung einig, und somit wurde die “Gesellschaft für Lungen- und Atmungsforschung” gegründet. Professor Ulmer mag mit seiner Idee lange Zeit schwanger gegangen sein, die Geburt aber ging schnell und komplikationslos vonstatten.
Nach meiner Erinnerung waren wir damals etwa 30 bis 40 Gründungsmitglieder, und sehr bald vergrößerte sich der Kreis. Von uns Jüngeren abgesehen, sind da bekannte Namen zu nennen wie (in alphabetischer Reihenfolge) Bartels, Giese, Hauss, Hertz, Loeschcke, Meessen, Otto, Schoedel und andere mehr. Angesichts dieser Phalanx angesehener Namen bleibt anzumerken: Auch Professor Ulmer gehörte damals mit seinen 41 Jahren zu “uns Jüngeren”. Aber er hatte eben bereits eine leitenden Stellung inne, und er war Professor!
Schon der Name der neugeborenen Vereinigung bewies den Weitblick des Gründers: Es fehlte das Wort “Deutsche”, und sogleich waren unsere Freunde aus Österreich und aus der Schweiz mit uns im Boot, bald auch als Tagungspräsidenten (Herzog, Muhar). Noch ein Beispiel dieses Weitblicks: Wir hatten in der Titelgebung “Lungen- und Atmungs-Forschung” das Organ Lunge in seiner Gesamtheit erfaßt, also nicht nur etwa seine Physiologie und Pathophysiologie. Schon die folgende erste Tagung der Gesellschaft wurde von einem Pathologen, Professor Giese, geleitet.
Daß anläßlich der Gründung der Ruhr-Universität in Bochum weitere Wissensgebiete quasi auch um das Organ Lunge gruppiert werden konnten, so die Pädiatrie, die Immunologie, die Pharmakologie und weiterhin die Physiologie, sei hier nur angedeutet. Und daß in späterer Zeit zwei Frankfurter, Professor Schultze-Werninghaus und Professor Merget, ihre Positionen in diesem Bochumer Kreis gefunden haben, erfüllt mich selbst mit Freude und auch Stolz.
Die zweite Erinnerung:
Mein ehemaliger Frankfurter Chef, Professor Joachim Frey, der übrigens sehr früh die Bedeutung der Pneumologie für die Innere Medizin erkannte, hatte Professor Ulmer, kennengelernt und kurze Zeit später an einem Urlaubsort wiedergesehen. Er berichtete mir: “Ich habe Ihren Herrn Ulmer getroffen” – “Ihren Herrn Ulmer”, so waren seine Worte, “hat der aber einen energischen Gang!” Nun, Professor Frey war eben ein guter Beobachter und Menschenkenner: Er hat recht behalten!
Die dritte Erinnerung:
Wir könnten Professor Ulmer getrost “Mr. Uras” oder “Mr. Plethysmograph” nennen. Dies wäre zwar eine ungehörige Einengung der Beschreibung seiner wissenschaftlichen Persönlichkeit. Dennoch zum Stichwort Plethysmograph: In jenem Jahr 1965 war ich schon einmal in Bochum gewesen, um dieses Gerät, diese Methode kennenzulernen, ich erinnere mich wie folgt an diesen Tag. Nach der Stationsvisite durch Professor Ulmer führte mich Herr Privatdozent Reichel ins Institut, und zunächst sah ich ein großes kastenförmiges, häßliches, zusammengeflicktes Gebilde, schrecklich anzusehen, offenbar einen Prototyp. Ich fragte mich leise: Was ist denn das für ein “Leukoplastbomber”? Aber, nur einen Raum weiter stand, in strahlendem Weiß, das Jaeger-Gerät. Und zwar stand es nicht – wir sind schließlich im Institut Ulmer! – sondern es lief bereits auf vollen Touren, im Rahmen einer Studie.
Seither sind 40 Jahre vergangen. Aber die Grundelemente des Geräts, die Kastenform der Kammer, der Siebpneumotachograph und die technische Auflage, die Ruhe-Atmungskurve zu registrieren anstelle der Messung lediglich des Atemwegswiderstandes (realisiert zunächst mittels eines sogenannten Rückatmungsbeutels, in der späteren Entwicklung auf elektronischem Wege in Form der automatischen Schleifenkorrektur), diese drei technischen Grundelemente haben sich in 40 Jahren nicht verändert, sie scheinen also nicht verbesserbar zu sein.
Solche Konstanz einer Basistechnik ist selten. Zur Erläuterung sei das Beispiel des Volkswagens angeführt: Der “Käfer” ist über 60 Jahre praktisch unverändert vom Band gelaufen. Und ich bin mir bei diesem Vergleich sicher: Die noch fehlenden 20 Jahre wird der Plethysmograph auch schaffen!
Drei Erinnerungen an Prof. Ulmer, drei Bilder seiner Persönlichkeit, wenn auch nur seiner beruflichen Persönlichkeit und jenseits vom eigentlichen Arzttum: Weitblick, Energie, Kreativität und eine glückliche Hand.
Zu diesem 80. Geburtstag habe ich noch ein Motto gesucht, ich fand sogar zwei, Sprüche aus der Werbebranche: “Nichts ist unmöglich!” und “Es gibt noch viel zu tun – packen wir’s an!”
Prof. Dr. J. Meier-Sydow, Bad Homburg
J. Meier-Sydow
Zunächst: Der Titel besagt bereits, daß es um persönliche Erinnerungen geht, drei an der Zahl. Ich darf erwähnen, daß Herr Professor Reichel, Bochum, und Herr Werner R. Steinhäusser, Würzburg, meinem Gedächtnis freundliche Nachhilfe gewährt haben. Sehr herzlichen Dank Ihnen beiden, sie sind heute unter uns.
Die erste Erinnerung:
Es begann an einem grauen Novembertag 1965 in Bochum, grau wegen des Smogs, grau wegen der damals noch nicht renovierten Häuserfassaden, grau wegen der noch sichtbaren Spuren des Bombenkrieges. Eines aber war nicht grau: die Stimmung der Menschen in jenen Aufbaujahrzehnten; die Menschen waren voller Zuversicht.
Professor Ulmer hatte damals zu einer Tagung über das Thema “Atemwegsobstruktion” nach Bochum eingeladen, und es trafen sich eine Reihe von Internisten, Pneumologen, Pathologen und nicht zuletzt Physiologen. Gegen Ende der Verhandlung – wir Zuhörer waren stundenlang eingeklemmt in die martialisch-unbequemen Holzbänke des alten Hörsaals – wurde uns eröffnet, daß noch etwas zu erledigen sei. Dieses für den Schluß der Tagung aufgehobene Etwas erwies sich indessen als eine gewichtige Sache, es handelte sich um nichts weniger als darum, eine neue wissenschaftliche pneumologische Gesellschaft zu bilden. Bereits nach etwa einer Stunde “Nachsitzung” war sich die offenbar gut eingestimmte Versammlung einig, und somit wurde die “Gesellschaft für Lungen- und Atmungsforschung” gegründet. Professor Ulmer mag mit seiner Idee lange Zeit schwanger gegangen sein, die Geburt aber ging schnell und komplikationslos vonstatten.
Nach meiner Erinnerung waren wir damals etwa 30 bis 40 Gründungsmitglieder, und sehr bald vergrößerte sich der Kreis. Von uns Jüngeren abgesehen, sind da bekannte Namen zu nennen wie (in alphabetischer Reihenfolge) Bartels, Giese, Hauss, Hertz, Loeschcke, Meessen, Otto, Schoedel und andere mehr. Angesichts dieser Phalanx angesehener Namen bleibt anzumerken: Auch Professor Ulmer gehörte damals mit seinen 41 Jahren zu “uns Jüngeren”. Aber er hatte eben bereits eine leitenden Stellung inne, und er war Professor!
Schon der Name der neugeborenen Vereinigung bewies den Weitblick des Gründers: Es fehlte das Wort “Deutsche”, und sogleich waren unsere Freunde aus Österreich und aus der Schweiz mit uns im Boot, bald auch als Tagungspräsidenten (Herzog, Muhar). Noch ein Beispiel dieses Weitblicks: Wir hatten in der Titelgebung “Lungen- und Atmungs-Forschung” das Organ Lunge in seiner Gesamtheit erfaßt, also nicht nur etwa seine Physiologie und Pathophysiologie. Schon die folgende erste Tagung der Gesellschaft wurde von einem Pathologen, Professor Giese, geleitet.
Daß anläßlich der Gründung der Ruhr-Universität in Bochum weitere Wissensgebiete quasi auch um das Organ Lunge gruppiert werden konnten, so die Pädiatrie, die Immunologie, die Pharmakologie und weiterhin die Physiologie, sei hier nur angedeutet. Und daß in späterer Zeit zwei Frankfurter, Professor Schultze-Werninghaus und Professor Merget, ihre Positionen in diesem Bochumer Kreis gefunden haben, erfüllt mich selbst mit Freude und auch Stolz.
Die zweite Erinnerung:
Mein ehemaliger Frankfurter Chef, Professor Joachim Frey, der übrigens sehr früh die Bedeutung der Pneumologie für die Innere Medizin erkannte, hatte Professor Ulmer, kennengelernt und kurze Zeit später an einem Urlaubsort wiedergesehen. Er berichtete mir: “Ich habe Ihren Herrn Ulmer getroffen” – “Ihren Herrn Ulmer”, so waren seine Worte, “hat der aber einen energischen Gang!” Nun, Professor Frey war eben ein guter Beobachter und Menschenkenner: Er hat recht behalten!
Die dritte Erinnerung:
Wir könnten Professor Ulmer getrost “Mr. Uras” oder “Mr. Plethysmograph” nennen. Dies wäre zwar eine ungehörige Einengung der Beschreibung seiner wissenschaftlichen Persönlichkeit. Dennoch zum Stichwort Plethysmograph: In jenem Jahr 1965 war ich schon einmal in Bochum gewesen, um dieses Gerät, diese Methode kennenzulernen, ich erinnere mich wie folgt an diesen Tag. Nach der Stationsvisite durch Professor Ulmer führte mich Herr Privatdozent Reichel ins Institut, und zunächst sah ich ein großes kastenförmiges, häßliches, zusammengeflicktes Gebilde, schrecklich anzusehen, offenbar einen Prototyp. Ich fragte mich leise: Was ist denn das für ein “Leukoplastbomber”? Aber, nur einen Raum weiter stand, in strahlendem Weiß, das Jaeger-Gerät. Und zwar stand es nicht – wir sind schließlich im Institut Ulmer! – sondern es lief bereits auf vollen Touren, im Rahmen einer Studie.
Seither sind 40 Jahre vergangen. Aber die Grundelemente des Geräts, die Kastenform der Kammer, der Siebpneumotachograph und die technische Auflage, die Ruhe-Atmungskurve zu registrieren anstelle der Messung lediglich des Atemwegswiderstandes (realisiert zunächst mittels eines sogenannten Rückatmungsbeutels, in der späteren Entwicklung auf elektronischem Wege in Form der automatischen Schleifenkorrektur), diese drei technischen Grundelemente haben sich in 40 Jahren nicht verändert, sie scheinen also nicht verbesserbar zu sein.
Solche Konstanz einer Basistechnik ist selten. Zur Erläuterung sei das Beispiel des Volkswagens angeführt: Der “Käfer” ist über 60 Jahre praktisch unverändert vom Band gelaufen. Und ich bin mir bei diesem Vergleich sicher: Die noch fehlenden 20 Jahre wird der Plethysmograph auch schaffen!
Drei Erinnerungen an Prof. Ulmer, drei Bilder seiner Persönlichkeit, wenn auch nur seiner beruflichen Persönlichkeit und jenseits vom eigentlichen Arzttum: Weitblick, Energie, Kreativität und eine glückliche Hand.
Zu diesem 80. Geburtstag habe ich noch ein Motto gesucht, ich fand sogar zwei, Sprüche aus der Werbebranche: “Nichts ist unmöglich!” und “Es gibt noch viel zu tun – packen wir’s an!”
Prof. Dr. J. Meier-Sydow, Bad Homburg
Abstract
Während er mir beim Glühwein seine Sicht der Dinge auseinandersetzte, kauerte er sich frierend unter dem Regenschirm zusammen: Ja, schon, es war uns ein goldener Oktober verheißen worden. Der Fernsehmeteorologe trug zum Zweireiher eine gelbe Krawatte, manchmal sogar eine gepunktete Fliege. Mit anmutiger Geste – er deutete sie an, ohne naß zu werden – gab er dem Wind die Richtung vor und schützte die Nordseeküste behutsam vor den Ausläufern eines ungezogenen Atlantiktiefs. Den Regen saugte er mit einem bunten Strohhalm aus der Karte. Selbst für Rostock beließ er es bei einem nur mäßigen Backenaufblasen. Seine Frisur lag tadellos und sein Parfüm war wirklich äußerst dezent. Ein goldener, goldener Herbst wurde uns versprochen.
Du verstehst – er wurde bitter – , die unschuldigen Reste anspruchsloser Mildtätigkeit (oder mildtätiger Anspruchlosigkeit), die man sich noch gönnt, sind halt der Wetterbericht und die Waschmittelreklame, nicht wahr. Womöglich noch Champignonfilets im Speckmantel. Und natürlich: die saisonale Dessous-Werbung. Das wärs dann aber auch an Trost für das verstörte Gemüt.
Jetzt wurde er richtiggehend agitatorisch. Ungeachtet der fortwährend nieselnden Kaltfront stand er auf, stellte sich auf eine umgekippte Bierkiste und wedelte großspurig mit den Armen: Ha, (– ja, tatsächlich: Ha!) – bei Karstadt räumen die neurotischen Hausfrauen die letzten Megaperls ab, und anderswo tobt der Globalisierungsfuror.
Die Bochumer Opel-Arbeiter (Abb. 1) sind in der amerikanischen GM-Zentrale als die „Spanier“ verschrien: Stolz und unnachgiebig. Die härtesten Verhandler, die wildesten Streiker und wie man hört , die teuersten Arbeiter des Weltunternehmens. Und jetzt sollen sie den Globalisierungsobolus entrichten: 4000 von 9600 Arbeitsplätzen werden hier gestrichen. Was tun? Lokale Streiks sind im Zeitalter der Globalisierung selbstmörderisch. Dann nämlich macht die Firma das, was sie ohnedies schon lange wollte: den Laden zu, um ihn woanders günstiger weiterzuführen.
„Gibt es überhaupt“, fragt Ulrich Beck in der SZ, fragte mich mein gesprächiger Freund, „gibt es überhaupt ein Paradigma der Gegenmacht zum global agierenden Kapital?“
Beck zumindest beantwortet es entschieden mit: „Ja, die Gegenmacht der sozialen Bewegung, die auf der Figur des »politischen Konsumenten« beruht. Der Machtressource der Nicht-Investition entspricht in gewissem Sinne die Machtressource des Nicht-Kaufes, über die jeder einzelne, aber insbesondere transnationale Boykott- und Verbraucherbewegungen verfügen“.
Wir sind zwar noch ungeübt in der Verbraucherphalanx, überlegte mein Freund, aber man wird sich, um der Hilflosigkeit des Aussortiertwerdens als Produzent zu entgehen, darein finden müssen, einer international vernetzten und vor allem solidarisch handelnden „Bewegung der Konsumenten“ zuzuarbeiten: Gemeinsame Kauf-Verweigerung als Gegenmachtinstrument!
„Da die Gewinnspannen“, so fährt Beck fort, „nicht zuletzt auf der Globalisierung des Konsums beruhen, ist die Zerbrechlichkeit der Legitimation (nämlich globalen Konsum zu ermöglichen, KW) die Achillesferse transnationaler Unternehmen“ [1]. Wohlgemerkt: Nicht zuletzt! Das heißt: nicht allein, nicht ausschließlich, aber vielleicht doch auch ein bißchen bestimmt der ideale Gesamt-Käufer die Politik der Konzerne. Ein Strohhalm gegen die Deklassierung.
Wär‘ schön, seufzte mein Freund, stieg von seinem Podest herunter und setzte sich wieder, kopfschüttelnd.
In dem Film Schulze gets the blues wird so einer mit seinen Kollegen zusammen „aussortiert“. Er ist überflüssig. Nachdem das Kartenspielen sie eine zeitlang mehr gelangweilt als beschäftigt hat, macht er sich, vor den Bauch sein übergroßes Knopf-Akkordeon geschnallt, auf dem er – sehr zum Unwillen seines Heimatliedervereins – unentwegt die gleiche Blues-Melodie spielt und das seinen erheblichen Körperumfang noch erheblicher vergrößert, von seinem Schrebergarten aus auf den Weg nach Westen, überschwenglich verabschiedet von seinen melancholischen Freunden.
Er hat keinen großen Erfolg im Land der Freiheit, er wird vertrieben, geschlagen, verhöhnt. In Wirklichkeit kommt er nicht von der Stelle. Der Film reiht Standbilder aneinander. Fortschritt hat keine Bedeutung mehr, nicht einmal als bloße Bewegung im Raum. Schließlich lebt er seine Zeit zur Untermiete auf einem Hausboot in Key West zu Ende und stirbt recht unspektakulär, indem er sich an die linke Brust greift und eine Schiffstreppe hinunterstürzt.
Die subjektiven Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit und Armut: gesellschaftliche Marginalisierung, Isolation, Deklassierung, Perspektivverlust, Demütigung, Hoffnungslosigkeit, Depression sind die angesagten Themen der Soziologie [2, 3] und – man höre – der Sozialphilosophie [4]. Insgesamt ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung wird aussortiert und auf Dauer überflüssig. Im Weltmaßstab bilden gerade sie – diese aus allen Bevölkerungsschichten herausfallenden Fortschrittsverlierer – für Slavoj Žižek eine neue Kraft: „In der Reihe der Kandidaten für die Position des „universellen Individuums“ gibt es allerdings einen privilegierten Ort: die Bewohner der Slums in den neuen Megalopolen. Da irgendwann sehr bald die städtische Bevölkerung der Erde die ländliche übertreffen wird und da die Bewohner von Slums die Mehrheit der städtischen Bevölkerung stellen werden, haben wir es in keiner Weise mit einem Randphänomen zu tun. Wir sind Zeugen des raschen Wachstums einer Bevölkerung, die außerhalb staatlicher Kontrolle und mehr oder weniger in rechtsfreiem Raum lebt, unter furchtbarem Mangel minimaler Formen von Selbstorganisation.
Obwohl sich diese Bevölkerung aus an den Rand gedrängten Arbeitern, überflüssig gewordenen Staatsdienern und ehemaligen Bauern zusammensetzt, stellen sie nicht einfach einen verzichtbaren Überschuß dar.“
Man sollte zwar der Versuchung widerstehen, sie zu einer neuen revolutionären Klasse zu idealisieren, gleichwohl, „die Slumbewohner sind buchstäblich eine Ansammmlung derer, die „Teil von nichts“ sind, das „überzählige“, von den Vorzügen der Staatsbürgerschaft ausgeschlossene Element der Gesellschaft; die Entwurzelten und Enteigneten, jene, die wirklich „nichts zu verlieren haben als ihre Ketten“. Diese Menschen sind „frei“ in des Wortes doppelter Bedeutung, sogar mehr noch als das klassische Proletariat („befreit“ von allen substantiellen Bindungen; lebend in einem Freiraum außerhalb der Polizeigesetzgebung des Staates); sie sind ein großes Kollektiv, gewaltsam zusammmengewürfelt, „geworfen“ in eine Situation, in der sie irgendeinen Modus des Zusammenlebens finden müssen, und zugleich jeder Unterstützung durch traditionelle Lebensweisen, durch ererbte religiöse oder ethnische Lebensformen beraubt“ [5]. Sie sind die neue symbolische Klasse der Zukunft. Meint er, daß aus dieser zusammengewürfelten unvernetzten Bedeutungsleere ein gemeinsamer Plan entsteht? Aber, woraus bezieht die neue Klasse ihr Bewußtsein? Aus ihrer Verzweiflung? Und woraus ihre Macht? Aus ihrer Desorganisation?
„Tief im Westen, wo die Sonne (im Meer) versinkt“: Bochum muß früher, im Vollbeschäftigungsdusel, am Meer gelegen sein. Das war ein poetischer Topos, keine geographische Ortsbestimmung, ein Seelentext sozusagen. Das Ruhrufer war der amalfinische Strand. Zwei der Caprifischer wohnen jetzt in Hattingen bei der Enkelin, einer lebt in einem Stiepeler Seniorenheim, und der letzte kommt täglich aus Sprockhövel, aus dem Bergischen, in die Stadt. Sie treffen sich, um den schluchzenden Belcanto von ehedem wachzuhalten: La-lalala-La. So ein Mittelding zwischen Vico Torriani, Silvio Francesco und dem Bob Dylan von Lay, lady, lay. (Der wurde dafür, daß er seine gewohnte Altmänner-Reibeisenstimme durch ein samtiges, belegtes Gesäusel ersetzte, von seinen Fans fast gelyncht.)
„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“: Grönemeyer sieht seine Geburtsstadt heute weit nüchterner. Die meisten Gruben sind zugeschüttet, die Kokereien, Zechen und Fördertürme von musealem Wert. Sie werden nurmehr, wie zuletzt im Pariser Centre Pompidou, als Industriedenkmäler auf Vernissagen präsentiert (Abb. 2). Nur die lokale Pneumologie ist noch immer mit den Folgeschäden der Kohle- und Steinstaubexposition beschäftigt. Natürlich nicht ausschließlich. Die Arbeitslosigkeit schwankt, so auch in Gelsenkirchen, Castrop-Rauxel, Dortmund, Bocholt, Herten, etc., um die 14%. Demnächst mehr. Zum Vergleich: in Hoyerswerda beträgt sie schon 25%. Das ist 1928er Weltwirtschaftskrisenniveau!
Für mich lag, von Bonn kommend, Bochum in nordöstlicher Richtung. Hinter Remscheid und Wuppertal. Im Winter rutschten mir auf der vereisten Rampe zwischen Kreuz Leverkusen und Burscheid hilflos die Lastwagen entgegen. Die Stadt bedeutete mir, als ich vor 20 Jahren bei Nakhosteen dort in die Lehre ging, zunächst einmal zwei Jahre Exil im Ruhrgebiet. Ich besaß eine Zweitwohnung mit Sitzbadewanne im fünften Stock des krankenhauseigenen Personalwohnheims. Außerdem hatte ich vom Sperrmüll einen alten rundlichen Kühlschrank gerettet, dem das Eis aus dem Türspalt wucherte. Im Erdgeschoß lebte Dohrn samt Familie: der grimmige Dickschädel mit dem Einsiedlerbart, mein Freund, der alte Schwede.
Wenn ich aus einem freien Wochenende zurückkam, bin ich entweder schon bei Querenburg abgebogen, dann über die Uni-Passage und die Königsallee auf den Bahnhofsvorplatz. Dort stand mitten auf der Kreuzung dieses Riesenkunstding, ein überdimensionierter, schräg in den Himmel zeigender, verrosteter Eisenträger, in dessen Innern über Jahre Colabecher und mit Salatdressing verklebte Styroporpackungen, feuchte, pilzige Zigarettenreste, ausgeweidete Schlafsäcke, der Uringestank und die sorglos in Serviettenpapier eingeschlagene Scheiße zufälliger Passanten zu einem Gesamtkunstwerk zusammengebacken waren. Eine monumentale – aber immerhin urbane – Kloake, an der vorüber ich auf meinen vielen ziellosen Spaziergängen die Straßenseite wechseln mußte.
Folgte man der Straße geradeaus weiter, lag rechterhand hinter der Bahnunterführung das „Café Treibsand“. Ich bog aber ab und kreuzte erst später die Schienen, um direkt danach – auf der Stadtparkseite – in die Einfahrt zum Augusta-Krankenhaus zu gelangen.
Oder ich fuhr bis zum Bochumer Kreuz durch, dann auf dem Ruhrschnellweg in Richtung Essen. Bevor ich meine Ausfahrt „Ruhrstadion“ erreichte, passierte ich zwei oder drei Abzweige mit weißen Schildern und grauen Buchstaben: Opelwerk 1, Opelwerk 2. Die meisten unserer Karzinom- und Tuberkulosepatienten waren bei Opel beschäftigt.
Also Ausfahrt „Ruhrstadion“. Es gab Wochenenden, an denen die Straßen rund um den Stadtpark hoffnungslos verstopft waren, weil der VFL spielte. Heute steht links ein „Novotel“ und wenn ich mich nicht irre, dahinter oder daneben ein Gebäude, in dem seit Jahrenden vor immer vollem Haus eine Rollschuhrevue mit lebenden Fantasiefiguren gegeben wird. Das Stadion dahinter ist von der Straße aus nicht mehr zu sehen.
Ich bog sofort rechts ab und steuerte am Josefs-Krankenhaus vorbei um den Stadtpark herum. Hier sind die Straßen von alten, großen, wohlgepflegten Patrizierhäusern gesäumt (Anwälte, Ärzte, Architekten, Ämter). Ein schönes, kleines, wohlhabendes Viertel. Nakhosteen verschwand mittags immer im Park, um dort inkognito zu joggen. An gewissen Tagen saß ein alter Graubart auf der Steinmauer am See und spielte auf dem Saxophon In the Mood, langsam und ausdrucksstark. Mitten im Park gab es lange Zeit ein Kleintiergehege mit Bisamratten, Geiern und sogar einem Albatros. War nicht auch ein Streichelzoo vorhanden mit einer ungehörigen Ziege, die meinem Sohn, wenn er zu Besuch war, ihr Horn in den Bauch rammte? Ich erinnere mich noch an einige Teiche oder Tümpel, in denen schwarze Schwäne mit einem roten Ring um den Hals ihre selbstherrlichen Kreise zogen.
In meinen Arbeitspausen sah ich zu, daß ich aus der Stadt herauskam zur Kemnade, einer Art Erholungsgebiet um einen aufgestauten Ruhrsee bei Witten-Herbede, also ganz in der Nähe. Nach Westen zu sieht man oben auf dem Hügel gerade noch die Gebäudespitzen der Uni. Um den See herum führt ein teilweise schon recht aufgequollener, zerstampfter – heute sicher längst erneuerter – Asphaltweg, auf dem vorwiegend ältere Leute in Vierergruppen mit Dackelrüden ihre Spaziergänge absolvieren. Radfahrer kommen wütend klingelnd angerauscht, und die Alten hüpfen mißvergnügt im letzten Moment beiseite mitten in die aufgeweichte, modrige Grünanlage. Wobei sie sich das Schuhwerk schmutzig machen. Wie das so geht.
Ich betrieb damals mit einer mir heute unerklärlichen Leidenschaft das Rollschuhlaufen. Keine Inliner. Ich hatte Rollschuhe geschenkt bekommen, solche mit aufgeschraubtem festsitzendem Lederschuh, zwei weich gefederten Achsen und erneuerbaren Rädern aus Hartplastik. Um die Federung zu adjustieren, hatte ich immer ein oder zwei Schraubenschlüssel bei mir. Ich war ein Afficionado der Linkskurve. Die mußte ich üben. Also dieses so elegant und geschmeidig aussehende Übertreten in den Kurven, das auch dazu dient, die rasche Fahrt noch zu beschleunigen, bei dem man aber, wenn man es nicht aus dem Effeff beherrscht oder es in schnellem Lauf anzuwenden nicht den Mut aufbringt, sehr unelegant zu Fall kommen kann.
Die Rechtskurve war kein Problem für mich. Es gab eine fast spitzwinklige Rechtskurve vor der Autobahnbrücke über die Ruhr: Dort ließ ich mich – vornübergeneigt mit leicht angewinkelten Knien, die Arme auf dem Rücken verschränkt – einen beängstigend steilen Abhang aus glattestem Asphalt im Schuß hinuntertreiben, beschleunigte noch hin und wieder mit einem Antritt des Beins und raste „full speed“ auf diese Ecke los, wo der Fluß in einem Knick unter der Brücke verschwindet. Hätte ich den Punkt verfehlt, an dem ich mit dem Übertreten beginnen mußte, wäre ich wie ein Sack Knochen die Böschung hinunter in den See geschleudert worden. Das ist zum Glück nie passiert. Ich streckte mich immer wieder erleichtert aufatmend und von der eigenen Grazie überwältigt aus meiner gebeugten Haltung, sobald ich diese Herausforderung hinter mich gebracht hatte.
„Geh schon, Wassermann!“ Nakhosteen übernahm manchmal im Sommer für mehrere Stunden meinen Dienst und schickte mich zum Rollschuhlaufen in die Kemnade. Nach zwei Jahren beherrschte ich auch die Linkskurve. Das wars dann. Heute ist noch mehr Grün da. Claudia Henschke wunderte sich neulich angesichts dieser wuchernden Natur, wieso man annehmen könne, daß der Boden durch die vorherige Industrietätigkeit „total vergiftet“ worden wäre. Zwischen den Eisengittern der Waschkaue wird Cordon Bleu serviert. Dazu Grüner Veltliner.
Glückauf, Bochum!
Klaus Waßermann
Literatur
[1]
Beck U.: Schmerzliche Erfahrung. Hilfe, unsere Arbeitsplätze wandern aus. Süddeutsche Zeitung, 20. Oktober, 2004, S. 13.
[2]
Bude H.: Das Phänomen der Exklusion. Mittelweg 36, 4/2004; 13: 3-15.
[3]
Callies O.: Konturen sozialer Exklusion. Mittelweg 36, 4/2004; 13: 16-35.
[4]
Ehrenberg A.: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Campus, Frankfurt 2004.
[5]
Žižek S.: Freie Welt ... der Slums. Kapitalistische Weltmechanik. Klippen universalistischer Moral. Lettre International 66, 30-33 (2004).Correspondence to:
Prof. Dr. med. K. Waßermann
Abteilung Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin
Klinik III für Innere Medizin, Universität Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
D-50931 Köln
Email: klaus.wassermann@uni-koeln.de
K. Waßermann
Während er mir beim Glühwein seine Sicht der Dinge auseinandersetzte, kauerte er sich frierend unter dem Regenschirm zusammen: Ja, schon, es war uns ein goldener Oktober verheißen worden. Der Fernsehmeteorologe trug zum Zweireiher eine gelbe Krawatte, manchmal sogar eine gepunktete Fliege. Mit anmutiger Geste – er deutete sie an, ohne naß zu werden – gab er dem Wind die Richtung vor und schützte die Nordseeküste behutsam vor den Ausläufern eines ungezogenen Atlantiktiefs. Den Regen saugte er mit einem bunten Strohhalm aus der Karte. Selbst für Rostock beließ er es bei einem nur mäßigen Backenaufblasen. Seine Frisur lag tadellos und sein Parfüm war wirklich äußerst dezent. Ein goldener, goldener Herbst wurde uns versprochen.
Du verstehst – er wurde bitter – , die unschuldigen Reste anspruchsloser Mildtätigkeit (oder mildtätiger Anspruchlosigkeit), die man sich noch gönnt, sind halt der Wetterbericht und die Waschmittelreklame, nicht wahr. Womöglich noch Champignonfilets im Speckmantel. Und natürlich: die saisonale Dessous-Werbung. Das wärs dann aber auch an Trost für das verstörte Gemüt.
Jetzt wurde er richtiggehend agitatorisch. Ungeachtet der fortwährend nieselnden Kaltfront stand er auf, stellte sich auf eine umgekippte Bierkiste und wedelte großspurig mit den Armen: Ha, (– ja, tatsächlich: Ha!) – bei Karstadt räumen die neurotischen Hausfrauen die letzten Megaperls ab, und anderswo tobt der Globalisierungsfuror.
Die Bochumer Opel-Arbeiter (Abb. 1) sind in der amerikanischen GM-Zentrale als die „Spanier“ verschrien: Stolz und unnachgiebig. Die härtesten Verhandler, die wildesten Streiker und wie man hört , die teuersten Arbeiter des Weltunternehmens. Und jetzt sollen sie den Globalisierungsobolus entrichten: 4000 von 9600 Arbeitsplätzen werden hier gestrichen. Was tun? Lokale Streiks sind im Zeitalter der Globalisierung selbstmörderisch. Dann nämlich macht die Firma das, was sie ohnedies schon lange wollte: den Laden zu, um ihn woanders günstiger weiterzuführen.
„Gibt es überhaupt“, fragt Ulrich Beck in der SZ, fragte mich mein gesprächiger Freund, „gibt es überhaupt ein Paradigma der Gegenmacht zum global agierenden Kapital?“
Beck zumindest beantwortet es entschieden mit: „Ja, die Gegenmacht der sozialen Bewegung, die auf der Figur des »politischen Konsumenten« beruht. Der Machtressource der Nicht-Investition entspricht in gewissem Sinne die Machtressource des Nicht-Kaufes, über die jeder einzelne, aber insbesondere transnationale Boykott- und Verbraucherbewegungen verfügen“.
Wir sind zwar noch ungeübt in der Verbraucherphalanx, überlegte mein Freund, aber man wird sich, um der Hilflosigkeit des Aussortiertwerdens als Produzent zu entgehen, darein finden müssen, einer international vernetzten und vor allem solidarisch handelnden „Bewegung der Konsumenten“ zuzuarbeiten: Gemeinsame Kauf-Verweigerung als Gegenmachtinstrument!
„Da die Gewinnspannen“, so fährt Beck fort, „nicht zuletzt auf der Globalisierung des Konsums beruhen, ist die Zerbrechlichkeit der Legitimation (nämlich globalen Konsum zu ermöglichen, KW) die Achillesferse transnationaler Unternehmen“ [1]. Wohlgemerkt: Nicht zuletzt! Das heißt: nicht allein, nicht ausschließlich, aber vielleicht doch auch ein bißchen bestimmt der ideale Gesamt-Käufer die Politik der Konzerne. Ein Strohhalm gegen die Deklassierung.
Wär‘ schön, seufzte mein Freund, stieg von seinem Podest herunter und setzte sich wieder, kopfschüttelnd.
In dem Film Schulze gets the blues wird so einer mit seinen Kollegen zusammen „aussortiert“. Er ist überflüssig. Nachdem das Kartenspielen sie eine zeitlang mehr gelangweilt als beschäftigt hat, macht er sich, vor den Bauch sein übergroßes Knopf-Akkordeon geschnallt, auf dem er – sehr zum Unwillen seines Heimatliedervereins – unentwegt die gleiche Blues-Melodie spielt und das seinen erheblichen Körperumfang noch erheblicher vergrößert, von seinem Schrebergarten aus auf den Weg nach Westen, überschwenglich verabschiedet von seinen melancholischen Freunden.
Er hat keinen großen Erfolg im Land der Freiheit, er wird vertrieben, geschlagen, verhöhnt. In Wirklichkeit kommt er nicht von der Stelle. Der Film reiht Standbilder aneinander. Fortschritt hat keine Bedeutung mehr, nicht einmal als bloße Bewegung im Raum. Schließlich lebt er seine Zeit zur Untermiete auf einem Hausboot in Key West zu Ende und stirbt recht unspektakulär, indem er sich an die linke Brust greift und eine Schiffstreppe hinunterstürzt.
Die subjektiven Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit und Armut: gesellschaftliche Marginalisierung, Isolation, Deklassierung, Perspektivverlust, Demütigung, Hoffnungslosigkeit, Depression sind die angesagten Themen der Soziologie [2, 3] und – man höre – der Sozialphilosophie [4]. Insgesamt ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung wird aussortiert und auf Dauer überflüssig. Im Weltmaßstab bilden gerade sie – diese aus allen Bevölkerungsschichten herausfallenden Fortschrittsverlierer – für Slavoj Žižek eine neue Kraft: „In der Reihe der Kandidaten für die Position des „universellen Individuums“ gibt es allerdings einen privilegierten Ort: die Bewohner der Slums in den neuen Megalopolen. Da irgendwann sehr bald die städtische Bevölkerung der Erde die ländliche übertreffen wird und da die Bewohner von Slums die Mehrheit der städtischen Bevölkerung stellen werden, haben wir es in keiner Weise mit einem Randphänomen zu tun. Wir sind Zeugen des raschen Wachstums einer Bevölkerung, die außerhalb staatlicher Kontrolle und mehr oder weniger in rechtsfreiem Raum lebt, unter furchtbarem Mangel minimaler Formen von Selbstorganisation.
Obwohl sich diese Bevölkerung aus an den Rand gedrängten Arbeitern, überflüssig gewordenen Staatsdienern und ehemaligen Bauern zusammensetzt, stellen sie nicht einfach einen verzichtbaren Überschuß dar.“
Man sollte zwar der Versuchung widerstehen, sie zu einer neuen revolutionären Klasse zu idealisieren, gleichwohl, „die Slumbewohner sind buchstäblich eine Ansammmlung derer, die „Teil von nichts“ sind, das „überzählige“, von den Vorzügen der Staatsbürgerschaft ausgeschlossene Element der Gesellschaft; die Entwurzelten und Enteigneten, jene, die wirklich „nichts zu verlieren haben als ihre Ketten“. Diese Menschen sind „frei“ in des Wortes doppelter Bedeutung, sogar mehr noch als das klassische Proletariat („befreit“ von allen substantiellen Bindungen; lebend in einem Freiraum außerhalb der Polizeigesetzgebung des Staates); sie sind ein großes Kollektiv, gewaltsam zusammmengewürfelt, „geworfen“ in eine Situation, in der sie irgendeinen Modus des Zusammenlebens finden müssen, und zugleich jeder Unterstützung durch traditionelle Lebensweisen, durch ererbte religiöse oder ethnische Lebensformen beraubt“ [5]. Sie sind die neue symbolische Klasse der Zukunft. Meint er, daß aus dieser zusammengewürfelten unvernetzten Bedeutungsleere ein gemeinsamer Plan entsteht? Aber, woraus bezieht die neue Klasse ihr Bewußtsein? Aus ihrer Verzweiflung? Und woraus ihre Macht? Aus ihrer Desorganisation?
„Tief im Westen, wo die Sonne (im Meer) versinkt“: Bochum muß früher, im Vollbeschäftigungsdusel, am Meer gelegen sein. Das war ein poetischer Topos, keine geographische Ortsbestimmung, ein Seelentext sozusagen. Das Ruhrufer war der amalfinische Strand. Zwei der Caprifischer wohnen jetzt in Hattingen bei der Enkelin, einer lebt in einem Stiepeler Seniorenheim, und der letzte kommt täglich aus Sprockhövel, aus dem Bergischen, in die Stadt. Sie treffen sich, um den schluchzenden Belcanto von ehedem wachzuhalten: La-lalala-La. So ein Mittelding zwischen Vico Torriani, Silvio Francesco und dem Bob Dylan von Lay, lady, lay. (Der wurde dafür, daß er seine gewohnte Altmänner-Reibeisenstimme durch ein samtiges, belegtes Gesäusel ersetzte, von seinen Fans fast gelyncht.)
„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“: Grönemeyer sieht seine Geburtsstadt heute weit nüchterner. Die meisten Gruben sind zugeschüttet, die Kokereien, Zechen und Fördertürme von musealem Wert. Sie werden nurmehr, wie zuletzt im Pariser Centre Pompidou, als Industriedenkmäler auf Vernissagen präsentiert (Abb. 2). Nur die lokale Pneumologie ist noch immer mit den Folgeschäden der Kohle- und Steinstaubexposition beschäftigt. Natürlich nicht ausschließlich. Die Arbeitslosigkeit schwankt, so auch in Gelsenkirchen, Castrop-Rauxel, Dortmund, Bocholt, Herten, etc., um die 14%. Demnächst mehr. Zum Vergleich: in Hoyerswerda beträgt sie schon 25%. Das ist 1928er Weltwirtschaftskrisenniveau!
Für mich lag, von Bonn kommend, Bochum in nordöstlicher Richtung. Hinter Remscheid und Wuppertal. Im Winter rutschten mir auf der vereisten Rampe zwischen Kreuz Leverkusen und Burscheid hilflos die Lastwagen entgegen. Die Stadt bedeutete mir, als ich vor 20 Jahren bei Nakhosteen dort in die Lehre ging, zunächst einmal zwei Jahre Exil im Ruhrgebiet. Ich besaß eine Zweitwohnung mit Sitzbadewanne im fünften Stock des krankenhauseigenen Personalwohnheims. Außerdem hatte ich vom Sperrmüll einen alten rundlichen Kühlschrank gerettet, dem das Eis aus dem Türspalt wucherte. Im Erdgeschoß lebte Dohrn samt Familie: der grimmige Dickschädel mit dem Einsiedlerbart, mein Freund, der alte Schwede.
Wenn ich aus einem freien Wochenende zurückkam, bin ich entweder schon bei Querenburg abgebogen, dann über die Uni-Passage und die Königsallee auf den Bahnhofsvorplatz. Dort stand mitten auf der Kreuzung dieses Riesenkunstding, ein überdimensionierter, schräg in den Himmel zeigender, verrosteter Eisenträger, in dessen Innern über Jahre Colabecher und mit Salatdressing verklebte Styroporpackungen, feuchte, pilzige Zigarettenreste, ausgeweidete Schlafsäcke, der Uringestank und die sorglos in Serviettenpapier eingeschlagene Scheiße zufälliger Passanten zu einem Gesamtkunstwerk zusammengebacken waren. Eine monumentale – aber immerhin urbane – Kloake, an der vorüber ich auf meinen vielen ziellosen Spaziergängen die Straßenseite wechseln mußte.
Folgte man der Straße geradeaus weiter, lag rechterhand hinter der Bahnunterführung das „Café Treibsand“. Ich bog aber ab und kreuzte erst später die Schienen, um direkt danach – auf der Stadtparkseite – in die Einfahrt zum Augusta-Krankenhaus zu gelangen.
Oder ich fuhr bis zum Bochumer Kreuz durch, dann auf dem Ruhrschnellweg in Richtung Essen. Bevor ich meine Ausfahrt „Ruhrstadion“ erreichte, passierte ich zwei oder drei Abzweige mit weißen Schildern und grauen Buchstaben: Opelwerk 1, Opelwerk 2. Die meisten unserer Karzinom- und Tuberkulosepatienten waren bei Opel beschäftigt.
Also Ausfahrt „Ruhrstadion“. Es gab Wochenenden, an denen die Straßen rund um den Stadtpark hoffnungslos verstopft waren, weil der VFL spielte. Heute steht links ein „Novotel“ und wenn ich mich nicht irre, dahinter oder daneben ein Gebäude, in dem seit Jahrenden vor immer vollem Haus eine Rollschuhrevue mit lebenden Fantasiefiguren gegeben wird. Das Stadion dahinter ist von der Straße aus nicht mehr zu sehen.
Ich bog sofort rechts ab und steuerte am Josefs-Krankenhaus vorbei um den Stadtpark herum. Hier sind die Straßen von alten, großen, wohlgepflegten Patrizierhäusern gesäumt (Anwälte, Ärzte, Architekten, Ämter). Ein schönes, kleines, wohlhabendes Viertel. Nakhosteen verschwand mittags immer im Park, um dort inkognito zu joggen. An gewissen Tagen saß ein alter Graubart auf der Steinmauer am See und spielte auf dem Saxophon In the Mood, langsam und ausdrucksstark. Mitten im Park gab es lange Zeit ein Kleintiergehege mit Bisamratten, Geiern und sogar einem Albatros. War nicht auch ein Streichelzoo vorhanden mit einer ungehörigen Ziege, die meinem Sohn, wenn er zu Besuch war, ihr Horn in den Bauch rammte? Ich erinnere mich noch an einige Teiche oder Tümpel, in denen schwarze Schwäne mit einem roten Ring um den Hals ihre selbstherrlichen Kreise zogen.
In meinen Arbeitspausen sah ich zu, daß ich aus der Stadt herauskam zur Kemnade, einer Art Erholungsgebiet um einen aufgestauten Ruhrsee bei Witten-Herbede, also ganz in der Nähe. Nach Westen zu sieht man oben auf dem Hügel gerade noch die Gebäudespitzen der Uni. Um den See herum führt ein teilweise schon recht aufgequollener, zerstampfter – heute sicher längst erneuerter – Asphaltweg, auf dem vorwiegend ältere Leute in Vierergruppen mit Dackelrüden ihre Spaziergänge absolvieren. Radfahrer kommen wütend klingelnd angerauscht, und die Alten hüpfen mißvergnügt im letzten Moment beiseite mitten in die aufgeweichte, modrige Grünanlage. Wobei sie sich das Schuhwerk schmutzig machen. Wie das so geht.
Ich betrieb damals mit einer mir heute unerklärlichen Leidenschaft das Rollschuhlaufen. Keine Inliner. Ich hatte Rollschuhe geschenkt bekommen, solche mit aufgeschraubtem festsitzendem Lederschuh, zwei weich gefederten Achsen und erneuerbaren Rädern aus Hartplastik. Um die Federung zu adjustieren, hatte ich immer ein oder zwei Schraubenschlüssel bei mir. Ich war ein Afficionado der Linkskurve. Die mußte ich üben. Also dieses so elegant und geschmeidig aussehende Übertreten in den Kurven, das auch dazu dient, die rasche Fahrt noch zu beschleunigen, bei dem man aber, wenn man es nicht aus dem Effeff beherrscht oder es in schnellem Lauf anzuwenden nicht den Mut aufbringt, sehr unelegant zu Fall kommen kann.
Die Rechtskurve war kein Problem für mich. Es gab eine fast spitzwinklige Rechtskurve vor der Autobahnbrücke über die Ruhr: Dort ließ ich mich – vornübergeneigt mit leicht angewinkelten Knien, die Arme auf dem Rücken verschränkt – einen beängstigend steilen Abhang aus glattestem Asphalt im Schuß hinuntertreiben, beschleunigte noch hin und wieder mit einem Antritt des Beins und raste „full speed“ auf diese Ecke los, wo der Fluß in einem Knick unter der Brücke verschwindet. Hätte ich den Punkt verfehlt, an dem ich mit dem Übertreten beginnen mußte, wäre ich wie ein Sack Knochen die Böschung hinunter in den See geschleudert worden. Das ist zum Glück nie passiert. Ich streckte mich immer wieder erleichtert aufatmend und von der eigenen Grazie überwältigt aus meiner gebeugten Haltung, sobald ich diese Herausforderung hinter mich gebracht hatte.
„Geh schon, Wassermann!“ Nakhosteen übernahm manchmal im Sommer für mehrere Stunden meinen Dienst und schickte mich zum Rollschuhlaufen in die Kemnade. Nach zwei Jahren beherrschte ich auch die Linkskurve. Das wars dann. Heute ist noch mehr Grün da. Claudia Henschke wunderte sich neulich angesichts dieser wuchernden Natur, wieso man annehmen könne, daß der Boden durch die vorherige Industrietätigkeit „total vergiftet“ worden wäre. Zwischen den Eisengittern der Waschkaue wird Cordon Bleu serviert. Dazu Grüner Veltliner.
Glückauf, Bochum!
Klaus Waßermann
Literatur
[1]
Beck U.: Schmerzliche Erfahrung. Hilfe, unsere Arbeitsplätze wandern aus. Süddeutsche Zeitung, 20. Oktober, 2004, S. 13.
[2]
Bude H.: Das Phänomen der Exklusion. Mittelweg 36, 4/2004; 13: 3-15.
[3]
Callies O.: Konturen sozialer Exklusion. Mittelweg 36, 4/2004; 13: 16-35.
[4]
Ehrenberg A.: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Campus, Frankfurt 2004.
[5]
Žižek S.: Freie Welt ... der Slums. Kapitalistische Weltmechanik. Klippen universalistischer Moral. Lettre International 66, 30-33 (2004).Correspondence to:
Prof. Dr. med. K. Waßermann
Abteilung Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin
Klinik III für Innere Medizin, Universität Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
D-50931 Köln
Email: klaus.wassermann@uni-koeln.de
Themenschwerpunkt: Fünf Jahrzehnte Pneumologie in Bochum – Rückblick und und Ausblick, Teil I
Editorial
H. Thiel
544
8$
Abstract
Anläßlich des 80. Geburtstags von Herrn Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wolfgang T. Ulmer fand am 8. September 2004 in Bochum ein wissenschaftliches Symposium statt. Es wurde ausgerichtet von seinen ehemaligen Schülern und langjährigen Mitarbeitern sowie von der Bergbau-Berufsgenossenschaft, in deren Diensten der Jubilar von 1958 bis zu seiner Emeritierung 1989 stand, als Ausdruck des Dankes und freundschaftlicher Verbundenheit. Gleichzeitig wurde der Gründung der Gesellschaft für Lungen- und Atmungsforschung vor 40 Jahren und der Inauguration einer deutsch-polnischen Kooperation vor 30 Jahren gedacht, die beide maßgeblich auf die Initiative von Herrn Professor Ulmer zurückgehen. So waren es drei Anlässe, die es zu feiern galt. Das Symposium “Fünf Jahrzehnte Pneumologie in Bochum: Rückblick und Ausblick” spiegelte die ganze Bandbreite der heutigen modernen Pneumologie wider und erlaubte eine Zusammenschau von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Fachs.
Dem Dustri-Verlag und seinen Lektoren gilt ein besonderer Dank, die Beiträge in mehreren Ausgaben dieser Zeitschrift zu publizieren.
H. Thiel, Bochum
H. Thiel
Anläßlich des 80. Geburtstags von Herrn Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wolfgang T. Ulmer fand am 8. September 2004 in Bochum ein wissenschaftliches Symposium statt. Es wurde ausgerichtet von seinen ehemaligen Schülern und langjährigen Mitarbeitern sowie von der Bergbau-Berufsgenossenschaft, in deren Diensten der Jubilar von 1958 bis zu seiner Emeritierung 1989 stand, als Ausdruck des Dankes und freundschaftlicher Verbundenheit. Gleichzeitig wurde der Gründung der Gesellschaft für Lungen- und Atmungsforschung vor 40 Jahren und der Inauguration einer deutsch-polnischen Kooperation vor 30 Jahren gedacht, die beide maßgeblich auf die Initiative von Herrn Professor Ulmer zurückgehen. So waren es drei Anlässe, die es zu feiern galt. Das Symposium “Fünf Jahrzehnte Pneumologie in Bochum: Rückblick und Ausblick” spiegelte die ganze Bandbreite der heutigen modernen Pneumologie wider und erlaubte eine Zusammenschau von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Fachs.
Dem Dustri-Verlag und seinen Lektoren gilt ein besonderer Dank, die Beiträge in mehreren Ausgaben dieser Zeitschrift zu publizieren.
H. Thiel, Bochum
Abstract
Zuallererst möchte ich mich herzlich für die Einladung bedanken und meine Freude zum Ausdruck bringen, daß es mir ermöglicht wurde, an diesen bedeutenden Festlichkeiten teilnehmen zu dürfen.
Gleichzeitig möchte ich nicht versäumen, noch einmal unserem sehr geehrten und lieben Jubilar, Professor Ulmer, zu seinem stolzen Geburtstag recht herzlich viel Gesundheit zu wünschen, und viel, viel Erfolg und Zufriedenheit in seinen unermüdlichen Bestrebungen, die weitere Entwicklung der Pneumologie zu sichern.
All die vergangenen, vielen Jahre waren ausgefüllt mit unermüdlicher Schaffenskraft zugunsten der deutschen und europäischen Medizin.
Es ist jedoch zu bemerken, daß beim Erreichen seines 65. Lebensjahres und dem offiziellen Übergang in den Ruhestand Professor Ulmer neue organisatorische Verpflichtungen auf sich nahm und sich weiterhin mit voller Kraft der medizinischen Forschung widmete.
Eine wesentliche Aufgabe für die nächsten Jahre wurde damit auch die deutsch-polnische Kooperation. Die ersten sporadischen Kontakte nach Polen wurden jetzt in eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit entsprechenden gemeinsam formulierten wissenschaftlichen Programmen umgesetzt.
Die deutsch-polnische Zusammenarbeit umfaßte grundsätzlich zwei medizinische Arbeitsgruppen in Lublin und in Warschau.
Die Lubliner Arbeitsgruppe wurde lange Jahre geleitet von Herrn Professor Janusz Hanzlik, dem Direktor der Klinik für Innere Krankheiten der Medizinischen Fakultät der Medizinischen Hochschule in dieser Stadt.
Die Hauptproblematik dieser Arbeitsgruppe war in den 80er Jahren der Aufbau eines fachlichen Gesundheitsdienstes, vorgesehen für die erste im Lubliner Raum neuerbaute und eröffnete Kohlengrube. Das bedeutete die Errichtung eines modernen Lungenfunktionslabors zu Versorgung der Bergleute. Das Faszinierende dabei war die Ermittlung des Einflusses der Untertagearbeit auf die Lungenfunktion bei den neu eingesetzten Bergleuten, wobei die meisten von ihnen früher Landarbeiter und Bauern im Lubliner Bezirk waren und somit keinerlei Beziehung zum Kohlenstaub und zur Untertagetätigkeit hatten.
In Kooperation mit Professor Ulmer wurde ein Untersuchungsmuster ausgearbeitet. Die Organisation des Lubliner Lungenfunktionslabors wurde nach dem Bochumer Muster aufgebaut. Dank der Unterstützung Professor Ulmers wurde für das geplante Projekt ein Bodytest-Gerät von der Firma Boehringer-Ingelheim zur Verfügung gestellt und in Lublin aufgebaut. Die notwendige Erfahrung im Bereich der Lungenfunktions-Untersuchungstechnik konnten sich die Assistenten aus der Lubliner Universitätsklinik in den Einrichtungen der Klinik “Bergmannsheil” in Bochum in mehrwöchigen Kursen aneignen. Professor Ulmer sorgte dafür, daß die jungen Ärzte auch die in Bochum ausgearbeiteten Interpretationsprinzipien der Atemmechanik und Blutgasanalyse erlernen konnten.
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden danach auf verschiedenen Symposien in Lublin und in Bochum diskutiert. Auch mehrere Publikationen wurden angefertigt und in deutschen und polnischen Fachzeitschriften gemeinsam publiziert. Ich glaube sagen zu dürfen, daß dieses Projekt einen bedeutenden Aufschwung der Pathophysiologie der Atmung an der Medizinischen Fakultät in Lublin zur Folge hatte. Als weitere wesentliche Resultate der Kooperation dürfen mehre Doktorarbeiten wie auch zwei Habilitationen, die an der Medizinischen Fakultät in Lublin vorgelegt wurden, angesehen werden.
Die Warschauer Arbeitsgruppe war mit der Lungenklinik der Medizinischen Fakultät der Warschauer Medizinischen Hochschule verbunden. Leiter der Klinik war Professor Waclaw Droszcz, das Lungenfunktionslabor stand jedoch unter meiner Leitung. Auch hier wurden gemeinsame Studien vorgenommen. Eine von ihnen befaßte sich mit der Emphysemdiagnostik aufgrund der in Bochum initiierten Analyse der Lungenmechanik. Auch verschiedene pathogenetische Aspekte der Atemwegsobstruktion wurden untersucht.
Viele Symposien wurden gemeinsam in Bochum wie auch in Polen organisiert. Darunter zwei in Lublin, zwei in Warschau, danach in Katowice, Lodz, Gdansk und zwei in Zakopane. Jedes Jahr war Professor Ulmer anwesend und hielt einen Vortrag. Dabei möchte ich besonders die Besuche und interessanten Vorträge junger Deutscher bei den in Polen organisierten Veranstaltungen hervorheben. Diese Kollegen kamen sowohl vom Klinikum “Bergmannsheil” als auch vom Physiologischen Institut der Ruhr-Universität.
Dem Beispiel Professor Ulmers folgten auch viele weitere Kollegen. In Erinnerung bleiben die Vorträge von Herrn Professor K.-M. Müller, Professor G. Schultze-Werninghaus, Professor K. Morgenroth aus Bochum wie auch weiterer Persönlichkeiten, wie Professor R. Ferlinz, Professor Johannes Piiper, Professor H. Magnussen, Professor K. Rasche und vieler anderer.
Zu einem Austausch der wissenschaftlichen Erfahrungen und zu persönlichen Begegnungen verhalfen auch die Einladungen der polnischen Kollegen zu den jährlichen Dezember-Tagungen in Bochum.
Mit voller Verantwortung möchte ich feststellen, daß in diesen vielen Jahren zum bedeutenden Austausch der medizinischen Erfahrungen wie auch zu persönlichen Begegnungen ein wesentlicher Beitrag geleistet wurde.
Die Folge davon ist, daß die deutschsprachige Pneumologie in Polen gut bekannt wurde. Als Ausdruck dafür kann die Würdigung vieler deutscher Kollegen durch die Polnische Gesellschaft für Pneumologie angesehen werden. Im Lauf der Jahre wurden Professor Wolfgang T. Ulmer wie auch drei weitere Professoren, Prof. Gerhard Schultze-Werninghaus, Prof. Rudolf Ferlinz und Prof. Helgo Magnussen, zu Ehrenmitgliedern der Polnischen Gesellschaft für Pneumologie ernannt. Außerdem ist Professor Ulmer zum Doctor honoris causa durch die Medizinische Fakultät der Medizinischen Hochschule in Lublin ernannt und somit zum Ehrenmitglied der Medizinischen Fakultät dieser Hochschule gewählt worden.
Die deutsch-polnische Arbeitsgruppe wurde aufgrund ihrer wissenschaftlichen und organisatorischen Erfolge als eigenständiger Organisationskreis der Polnischen Gesellschaft für Pneumologie anerkannt. Dadurch bekam die deutsch-polnische Arbeitsgruppe einen offiziellen Status in Polen.
Die finanzielle Unterstützung erfolgte sowohl durch polnische Institutionen als auch durch die in unserem Kreis gut bekannte Rhein-Ruhr-Stiftung Essen. Auch die Verwaltung des Klinikums “Bergmannsheil” wie auch die pharmazeutische Industrie griffen unter die Arme. Wir bedanken uns alle für diese sehr oft bedeutende Hilfe.
Lieber Professor Ulmer, für all das Gesagte, und aus Zeitmangel Ungesagte, möchte ich Ihnen meinen herzlichsten Dank aussprechen. Dieser Dank gilt auch den vielen weiteren Kollegen, die sich der Aufgabe, den Menschen zu helfen, angeschlossen haben.
Dieser Dank erfolgt auch im Namen vieler polnischer Kollegen, die unserem Jubilar und vielen deutschen Kollegen freundschaftlich verbunden sind.
Zusammen haben wir versucht, einen Beitrag für das gemeinsame und nicht immer friedliche Europa beizusteuern.
Ich hoffe, daß wir alle annehmen dürfen, mit dem gemeinsamen Projekt – der deutsch-polnischen Kooperation – zum Wohl und Ansehen der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie in Bochum einen Beitrag geleistet zu haben.
Bevor ich schließe, möchte ich mich auch an die Frau Gemahlin, sehr geehrte Frau Eva Ulmer, wenden und ihr auch für ihre Unterstützung und Toleranz hinsichtlich der häufigen Abwesenheit ihres Gatten herzlich danken.
Prof. Dr. J. Kowalski, Warschau
J. Kowalski
Zuallererst möchte ich mich herzlich für die Einladung bedanken und meine Freude zum Ausdruck bringen, daß es mir ermöglicht wurde, an diesen bedeutenden Festlichkeiten teilnehmen zu dürfen.
Gleichzeitig möchte ich nicht versäumen, noch einmal unserem sehr geehrten und lieben Jubilar, Professor Ulmer, zu seinem stolzen Geburtstag recht herzlich viel Gesundheit zu wünschen, und viel, viel Erfolg und Zufriedenheit in seinen unermüdlichen Bestrebungen, die weitere Entwicklung der Pneumologie zu sichern.
All die vergangenen, vielen Jahre waren ausgefüllt mit unermüdlicher Schaffenskraft zugunsten der deutschen und europäischen Medizin.
Es ist jedoch zu bemerken, daß beim Erreichen seines 65. Lebensjahres und dem offiziellen Übergang in den Ruhestand Professor Ulmer neue organisatorische Verpflichtungen auf sich nahm und sich weiterhin mit voller Kraft der medizinischen Forschung widmete.
Eine wesentliche Aufgabe für die nächsten Jahre wurde damit auch die deutsch-polnische Kooperation. Die ersten sporadischen Kontakte nach Polen wurden jetzt in eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit entsprechenden gemeinsam formulierten wissenschaftlichen Programmen umgesetzt.
Die deutsch-polnische Zusammenarbeit umfaßte grundsätzlich zwei medizinische Arbeitsgruppen in Lublin und in Warschau.
Die Lubliner Arbeitsgruppe wurde lange Jahre geleitet von Herrn Professor Janusz Hanzlik, dem Direktor der Klinik für Innere Krankheiten der Medizinischen Fakultät der Medizinischen Hochschule in dieser Stadt.
Die Hauptproblematik dieser Arbeitsgruppe war in den 80er Jahren der Aufbau eines fachlichen Gesundheitsdienstes, vorgesehen für die erste im Lubliner Raum neuerbaute und eröffnete Kohlengrube. Das bedeutete die Errichtung eines modernen Lungenfunktionslabors zu Versorgung der Bergleute. Das Faszinierende dabei war die Ermittlung des Einflusses der Untertagearbeit auf die Lungenfunktion bei den neu eingesetzten Bergleuten, wobei die meisten von ihnen früher Landarbeiter und Bauern im Lubliner Bezirk waren und somit keinerlei Beziehung zum Kohlenstaub und zur Untertagetätigkeit hatten.
In Kooperation mit Professor Ulmer wurde ein Untersuchungsmuster ausgearbeitet. Die Organisation des Lubliner Lungenfunktionslabors wurde nach dem Bochumer Muster aufgebaut. Dank der Unterstützung Professor Ulmers wurde für das geplante Projekt ein Bodytest-Gerät von der Firma Boehringer-Ingelheim zur Verfügung gestellt und in Lublin aufgebaut. Die notwendige Erfahrung im Bereich der Lungenfunktions-Untersuchungstechnik konnten sich die Assistenten aus der Lubliner Universitätsklinik in den Einrichtungen der Klinik “Bergmannsheil” in Bochum in mehrwöchigen Kursen aneignen. Professor Ulmer sorgte dafür, daß die jungen Ärzte auch die in Bochum ausgearbeiteten Interpretationsprinzipien der Atemmechanik und Blutgasanalyse erlernen konnten.
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden danach auf verschiedenen Symposien in Lublin und in Bochum diskutiert. Auch mehrere Publikationen wurden angefertigt und in deutschen und polnischen Fachzeitschriften gemeinsam publiziert. Ich glaube sagen zu dürfen, daß dieses Projekt einen bedeutenden Aufschwung der Pathophysiologie der Atmung an der Medizinischen Fakultät in Lublin zur Folge hatte. Als weitere wesentliche Resultate der Kooperation dürfen mehre Doktorarbeiten wie auch zwei Habilitationen, die an der Medizinischen Fakultät in Lublin vorgelegt wurden, angesehen werden.
Die Warschauer Arbeitsgruppe war mit der Lungenklinik der Medizinischen Fakultät der Warschauer Medizinischen Hochschule verbunden. Leiter der Klinik war Professor Waclaw Droszcz, das Lungenfunktionslabor stand jedoch unter meiner Leitung. Auch hier wurden gemeinsame Studien vorgenommen. Eine von ihnen befaßte sich mit der Emphysemdiagnostik aufgrund der in Bochum initiierten Analyse der Lungenmechanik. Auch verschiedene pathogenetische Aspekte der Atemwegsobstruktion wurden untersucht.
Viele Symposien wurden gemeinsam in Bochum wie auch in Polen organisiert. Darunter zwei in Lublin, zwei in Warschau, danach in Katowice, Lodz, Gdansk und zwei in Zakopane. Jedes Jahr war Professor Ulmer anwesend und hielt einen Vortrag. Dabei möchte ich besonders die Besuche und interessanten Vorträge junger Deutscher bei den in Polen organisierten Veranstaltungen hervorheben. Diese Kollegen kamen sowohl vom Klinikum “Bergmannsheil” als auch vom Physiologischen Institut der Ruhr-Universität.
Dem Beispiel Professor Ulmers folgten auch viele weitere Kollegen. In Erinnerung bleiben die Vorträge von Herrn Professor K.-M. Müller, Professor G. Schultze-Werninghaus, Professor K. Morgenroth aus Bochum wie auch weiterer Persönlichkeiten, wie Professor R. Ferlinz, Professor Johannes Piiper, Professor H. Magnussen, Professor K. Rasche und vieler anderer.
Zu einem Austausch der wissenschaftlichen Erfahrungen und zu persönlichen Begegnungen verhalfen auch die Einladungen der polnischen Kollegen zu den jährlichen Dezember-Tagungen in Bochum.
Mit voller Verantwortung möchte ich feststellen, daß in diesen vielen Jahren zum bedeutenden Austausch der medizinischen Erfahrungen wie auch zu persönlichen Begegnungen ein wesentlicher Beitrag geleistet wurde.
Die Folge davon ist, daß die deutschsprachige Pneumologie in Polen gut bekannt wurde. Als Ausdruck dafür kann die Würdigung vieler deutscher Kollegen durch die Polnische Gesellschaft für Pneumologie angesehen werden. Im Lauf der Jahre wurden Professor Wolfgang T. Ulmer wie auch drei weitere Professoren, Prof. Gerhard Schultze-Werninghaus, Prof. Rudolf Ferlinz und Prof. Helgo Magnussen, zu Ehrenmitgliedern der Polnischen Gesellschaft für Pneumologie ernannt. Außerdem ist Professor Ulmer zum Doctor honoris causa durch die Medizinische Fakultät der Medizinischen Hochschule in Lublin ernannt und somit zum Ehrenmitglied der Medizinischen Fakultät dieser Hochschule gewählt worden.
Die deutsch-polnische Arbeitsgruppe wurde aufgrund ihrer wissenschaftlichen und organisatorischen Erfolge als eigenständiger Organisationskreis der Polnischen Gesellschaft für Pneumologie anerkannt. Dadurch bekam die deutsch-polnische Arbeitsgruppe einen offiziellen Status in Polen.
Die finanzielle Unterstützung erfolgte sowohl durch polnische Institutionen als auch durch die in unserem Kreis gut bekannte Rhein-Ruhr-Stiftung Essen. Auch die Verwaltung des Klinikums “Bergmannsheil” wie auch die pharmazeutische Industrie griffen unter die Arme. Wir bedanken uns alle für diese sehr oft bedeutende Hilfe.
Lieber Professor Ulmer, für all das Gesagte, und aus Zeitmangel Ungesagte, möchte ich Ihnen meinen herzlichsten Dank aussprechen. Dieser Dank gilt auch den vielen weiteren Kollegen, die sich der Aufgabe, den Menschen zu helfen, angeschlossen haben.
Dieser Dank erfolgt auch im Namen vieler polnischer Kollegen, die unserem Jubilar und vielen deutschen Kollegen freundschaftlich verbunden sind.
Zusammen haben wir versucht, einen Beitrag für das gemeinsame und nicht immer friedliche Europa beizusteuern.
Ich hoffe, daß wir alle annehmen dürfen, mit dem gemeinsamen Projekt – der deutsch-polnischen Kooperation – zum Wohl und Ansehen der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie in Bochum einen Beitrag geleistet zu haben.
Bevor ich schließe, möchte ich mich auch an die Frau Gemahlin, sehr geehrte Frau Eva Ulmer, wenden und ihr auch für ihre Unterstützung und Toleranz hinsichtlich der häufigen Abwesenheit ihres Gatten herzlich danken.
Prof. Dr. J. Kowalski, Warschau
Laudationes:
Natürliche und adaptive Immunität des Respirationstraktes – Bedeutung mikrobieller Faktoren für Infektabwehr und Sensibilisierung – Teil I
W. König, H. Lauf, U. Arnold, I. Tammer, B. Ghebremedhin, A. Clarici, F.L. Thies, A. Drynda, A. Schmalcz, T. Kwok, R. Arnold, S. Backert, H. Werchau und B. König
551
76$
Abstract
Die derzeitigen Arbeiten zur Immunologie und Zellbiologie der Abwehr, Autoimmunität und Allergie konzentrieren sich auf die Feinabstimmung des natürlichen und adaptiven Immunsystems. Das natürliche Immunsystem ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung von Epithelzellen mit umgebenden Stimuli, wie Mikroorganismen, mit der darauf folgenden Aktivierung von Epithelzellen und Freisetzung chemotaktischer Faktoren, die Zytokine oder Lipidfaktoren sind. Durch diese Aktivierung kommt es zur Chemotaxis und gerichteten Migration von Granulozyten, die in der Konfrontation mit Mikroorganismen proinflammatorische Mediatoren entlassen und gleichzeitig für die Phagozytose programmiert werden. Die Phagozytose beinhaltet die Möglichkeit, den Mikroorganismus weitestgehend abzutöten und zu entfernen, wobei allerdings mikrobielle Bestandteile im umgebenden Gewebe häufig verbleiben. Diese wiederum können andere Zellen, wie „Natural Killer-Zellen“ (NK-Zellen) aktivieren, so daß im Rahmen der ersten Abwehrlinie ein Netzwerk unterschiedlicher Zellen und Mediatoren die Balance der natürlichen Abwehr aufrecht erhält. In der Lunge wie auch im Bronchialtrakt sind die Abwehrsysteme, die die natürliche und adaptive Immunität bestimmen, vorhanden. In jüngster Zeit ist die Rolle der dendritischen und insbesondere die Migration der dendritischen Zellen in die regionalen Lymphknoten bearbeitet worden. Nach ihrer Aktivierung über unterschiedliche Faktoren (z. B. Mikroorganismen) kommt es durch eine chemotaktische Ausrichtung zur gezielten Wanderung und Interaktion mit T- und B-Zellen. Diese gerichtete, durch chemotaktische Rezeptoren und Faktoren ausgelöste Reaktion führt zur Aktivierung des adaptiven Immunsystems. Heute weiß man, daß die Vorgänge der natürlichen Immunität die Effizienz der adaptiven Immunität schärfen und daß die Mediatoren der adaptiven Immunität retrograd die natürliche Immunität beeinflussen.
*Teil II in Heft 12/2004, Teil III in Heft 4/2005.Correspondence to:
Prof. Dr. med. W. König
Institut für Medizinische Mikrobiologie
Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität
Leipziger Straße 44
D-39120 Magdeburg
Email: wolfgang.koenig@medizin.uni-magdeburg.de
W. König, H. Lauf, U. Arnold, I. Tammer, B. Ghebremedhin, A. Clarici, F.L. Thies, A. Drynda, A. Schmalcz, T. Kwok, R. Arnold, S. Backert, H. Werchau und B. König
Institut für Medizinische Mikrobiologie, Medizinische Fakultät,Otto-von-Guericke-Universität, Magdeburg Die derzeitigen Arbeiten zur Immunologie und Zellbiologie der Abwehr, Autoimmunität und Allergie konzentrieren sich auf die Feinabstimmung des natürlichen und adaptiven Immunsystems. Das natürliche Immunsystem ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung von Epithelzellen mit umgebenden Stimuli, wie Mikroorganismen, mit der darauf folgenden Aktivierung von Epithelzellen und Freisetzung chemotaktischer Faktoren, die Zytokine oder Lipidfaktoren sind. Durch diese Aktivierung kommt es zur Chemotaxis und gerichteten Migration von Granulozyten, die in der Konfrontation mit Mikroorganismen proinflammatorische Mediatoren entlassen und gleichzeitig für die Phagozytose programmiert werden. Die Phagozytose beinhaltet die Möglichkeit, den Mikroorganismus weitestgehend abzutöten und zu entfernen, wobei allerdings mikrobielle Bestandteile im umgebenden Gewebe häufig verbleiben. Diese wiederum können andere Zellen, wie „Natural Killer-Zellen“ (NK-Zellen) aktivieren, so daß im Rahmen der ersten Abwehrlinie ein Netzwerk unterschiedlicher Zellen und Mediatoren die Balance der natürlichen Abwehr aufrecht erhält. In der Lunge wie auch im Bronchialtrakt sind die Abwehrsysteme, die die natürliche und adaptive Immunität bestimmen, vorhanden. In jüngster Zeit ist die Rolle der dendritischen und insbesondere die Migration der dendritischen Zellen in die regionalen Lymphknoten bearbeitet worden. Nach ihrer Aktivierung über unterschiedliche Faktoren (z. B. Mikroorganismen) kommt es durch eine chemotaktische Ausrichtung zur gezielten Wanderung und Interaktion mit T- und B-Zellen. Diese gerichtete, durch chemotaktische Rezeptoren und Faktoren ausgelöste Reaktion führt zur Aktivierung des adaptiven Immunsystems. Heute weiß man, daß die Vorgänge der natürlichen Immunität die Effizienz der adaptiven Immunität schärfen und daß die Mediatoren der adaptiven Immunität retrograd die natürliche Immunität beeinflussen.
*Teil II in Heft 12/2004, Teil III in Heft 4/2005.Correspondence to:
Prof. Dr. med. W. König
Institut für Medizinische Mikrobiologie
Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität
Leipziger Straße 44
D-39120 Magdeburg
Email: wolfgang.koenig@medizin.uni-magdeburg.de
Laudationes:
Genschäden durch silikogene und Asbeststäube – Mechanismen der zellulären Pathogenese
A. Gillissen
569
44$
Abstract
Die durch inhalierte Stäube induzierte Entzündungsreaktion ist komplex. Initiiert wird diese durch eine extra- oder intrazelluläre Induktion des Zellsignalweges (cell signaling pathway). In der Folge werden im Zytoplasma befindliche Transkriptionsfaktoren aktiviert. Diese vermitteln die Genexpression verschiedener proinflammatorisch wirkender Zytokine; Proliferationsfaktoren führen zu einer Steigerung der Apoptose oder Protoonkogenaktivierung. Neben Integrinen wird als Auslöser und Regulator eine durch diese Stäube verursachte Verschiebung des zellulären Redoxgleichgewichts angenommen. Sowohl siliziumoxid- insbesondere aber asbesthaltige Stäube verursachen eine Imbalanz des zelleigenen Oxidantien-/Antioxidantiengleichgewichts, welche maßgeblich das Ausmaß der zellulären Schäden, Proliferation, Inflammation und die Entwicklung fibroproliferativer Veränderungen an Lunge und Pleura mitbestimmt. Das klinisch sichtbare Erkrankungsbild staubinduzierter Erkrankungen der Lunge und der Pleura ist somit als direkte Folge eines komplexen zellulären biochemischen und molekularbiologischen determinierten Entzündungsgeschehens zu verstehen.Correspondence to:
Prof. Dr. med. A. Gillissen
Robert-Koch-Klinik
Klinikum “St. Georg”
Nikolai-Rumjanzew-Straße 100
D-04207 Leipzig
Email: adrian.gillissen@sanktgeorg.de
A. Gillissen
Robert-Koch-Klinik, Klinikum “St. Georg”, Leipzig Die durch inhalierte Stäube induzierte Entzündungsreaktion ist komplex. Initiiert wird diese durch eine extra- oder intrazelluläre Induktion des Zellsignalweges (cell signaling pathway). In der Folge werden im Zytoplasma befindliche Transkriptionsfaktoren aktiviert. Diese vermitteln die Genexpression verschiedener proinflammatorisch wirkender Zytokine; Proliferationsfaktoren führen zu einer Steigerung der Apoptose oder Protoonkogenaktivierung. Neben Integrinen wird als Auslöser und Regulator eine durch diese Stäube verursachte Verschiebung des zellulären Redoxgleichgewichts angenommen. Sowohl siliziumoxid- insbesondere aber asbesthaltige Stäube verursachen eine Imbalanz des zelleigenen Oxidantien-/Antioxidantiengleichgewichts, welche maßgeblich das Ausmaß der zellulären Schäden, Proliferation, Inflammation und die Entwicklung fibroproliferativer Veränderungen an Lunge und Pleura mitbestimmt. Das klinisch sichtbare Erkrankungsbild staubinduzierter Erkrankungen der Lunge und der Pleura ist somit als direkte Folge eines komplexen zellulären biochemischen und molekularbiologischen determinierten Entzündungsgeschehens zu verstehen.Correspondence to:
Prof. Dr. med. A. Gillissen
Robert-Koch-Klinik
Klinikum “St. Georg”
Nikolai-Rumjanzew-Straße 100
D-04207 Leipzig
Email: adrian.gillissen@sanktgeorg.de
Laudationes:
Nichtinvasive Beatmung bei COPD
K. Rasche, C. Hader, M. Leidag, H.-W. Duchna, T.T. Bauer und M. Orth
579
24$
Abstract
Die nichtinvasive Beatmung (NIV) mittels Nasen- oder Ganzgesichtsmaske kann bei akuter und chronischer respiratorischer Insuffizienz infolge chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eingesetzt werden. Bei akuter Exazerbation einer COPD (AECOPD) gehört die NIV heute zu den Standardtherapieverfahren. Für diese Indikation ist belegt, daß die NIV die Intubations-, Komplikations- und Mortalitätsrate von COPD-Patienten mit akuter Hyperkapnie (PaCO2 > 45 mmHg) senkt. Darüber hinaus ist der Einsatz der NIV bei AECOPD kosteneffizient und führt zu einer Reduktion des Krankenhausaufenthaltes. Die NIV kann ebenso im Weaning-Prozeß von COPD-Patienten nützlich sein. Bei stabiler COPD ist die Datenlage dagegen weniger überzeugend. Hier kann die NIV den Gasaustausch und die Schlaf- und Lebensqualität verbessern sowie die Hospitalisierungshäufigkeit reduzieren. Besonders Patienten mit schwergradiger Hyperkapnie (PaCO2 > 55 mmHg) und/oder nächtlicher Hypoventilation sowie solche mit rezidivierenden Exazerbationen können von der NIV profitieren. In jedem Fall stellt die NIV eine wertvolle Bereicherung der nicht-pharmakologischen Behandlung der COPD dar. Jede Fachrichtung, die involviert ist in das Management der COPD, sollte daher in der Lage sein, diese Methode anzuwenden.Correspondence to:
Prof. Dr. med. K. Rasche
Zentrum für Innere Medizin– Schwerpunkt Pneumologie
Kliniken St. Antonius
Akademisches Lehrkrankenhaus der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Carnaper Straße 48
D-42283 Wuppertal
Email: rasche@antonius.de
K. Rasche1, C. Hader1, M. Leidag1, H.-W. Duchna2, T.T. Bauer2 und M. Orth2
1Zentrum für Innere Medizin – Schwerpunkt Pneumologie, Kliniken St. Antonius, Wuppertal, Akademisches Lehrkrankenhaus der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf, 2Medizinische Klinik III – Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin, Berufsgenossen Die nichtinvasive Beatmung (NIV) mittels Nasen- oder Ganzgesichtsmaske kann bei akuter und chronischer respiratorischer Insuffizienz infolge chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eingesetzt werden. Bei akuter Exazerbation einer COPD (AECOPD) gehört die NIV heute zu den Standardtherapieverfahren. Für diese Indikation ist belegt, daß die NIV die Intubations-, Komplikations- und Mortalitätsrate von COPD-Patienten mit akuter Hyperkapnie (PaCO2 > 45 mmHg) senkt. Darüber hinaus ist der Einsatz der NIV bei AECOPD kosteneffizient und führt zu einer Reduktion des Krankenhausaufenthaltes. Die NIV kann ebenso im Weaning-Prozeß von COPD-Patienten nützlich sein. Bei stabiler COPD ist die Datenlage dagegen weniger überzeugend. Hier kann die NIV den Gasaustausch und die Schlaf- und Lebensqualität verbessern sowie die Hospitalisierungshäufigkeit reduzieren. Besonders Patienten mit schwergradiger Hyperkapnie (PaCO2 > 55 mmHg) und/oder nächtlicher Hypoventilation sowie solche mit rezidivierenden Exazerbationen können von der NIV profitieren. In jedem Fall stellt die NIV eine wertvolle Bereicherung der nicht-pharmakologischen Behandlung der COPD dar. Jede Fachrichtung, die involviert ist in das Management der COPD, sollte daher in der Lage sein, diese Methode anzuwenden.Correspondence to:
Prof. Dr. med. K. Rasche
Zentrum für Innere Medizin– Schwerpunkt Pneumologie
Kliniken St. Antonius
Akademisches Lehrkrankenhaus der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Carnaper Straße 48
D-42283 Wuppertal
Email: rasche@antonius.de
Laudationes:
Lungenfunktion und Blutgase älterer silikosekranker Uranbergleute im Vergleich zu lungengesunden Probanden
W. Marek, A. Flechsig, H. Gespers, E. Marek, J. Riebe und N. Kotschy-Lang
584
60$
Abstract
Die Referenzwerte der ventilatorischen Lungenfunktion und der arteriellen Blutgase wurden vornehmlich an Probanden im mittleren Lebensabschnitt gewonnen. Für ältere Probanden muß daher eine Extrapolation über den Geltungsbereich der Sollwertfunktion durchgeführt werden, die insbesondere unter dem Aspekt der Begutachtung zu Unsicherheiten in der Beurteilung führt. Wir überprüften daher die Lungenfunktion (Spirometrie, Fluß-Volumenkurve und Bodyplethysmographie) mit Hilfe eines Ganzkörperplethysmographen und untersuchten Blutgasproben aus dem hyperämisierten Ohrläppchen an einem Kollektiv von 254 ehemaligen Uranbergleuten mit Silikose, anerkannt und entschädigt als Berufskrankheit nach Nr. 4101 der BKV. Weitere 134 anamnestisch lungengesunde Probanden (62 Männer im Alter von 25 – 59 Jahren und 72 Männer von 60 – 90 Jahren) dienten als Vergleichsgruppen. Die totale Resistance (Rt) der Patienten (Mittelwert 0,47 ± 0,28 kPa/l/s) war hochsignifikant (p < 0,00005) erhöht gegenüber den älteren (0,18 ± 0,06 kPa/l/s) und den jüngeren Probanden (0,19 ± 0,07). Ebenso verhielt sich die spezifische Resistance (sRt) 2,05 ± 1,56 kPa*s gegenüber 0,73 ± 0,24 bzw. 0,80 ± 0,27. Die relative Einsekundenkapazität betrug im Mittel 59,9 ± 13,5% gegenüber 76,9 ± 6,6% bzw. 83,4 ± 5,1% bei den Kontrollprobanden. Die Vital- (VCIN) und die totale Lungenkapazität (TLC) waren um 13 bzw. 10% kleiner als bei der altersentsprechenden Kontrollgruppe. Die deutlichsten Einschränkungen fanden sich in der maximalen exspiratorischen Atemstromstärken (PEF) und um mehr als 50% bei MEF75,50,25. Der Sauerstoffpartialdruck (PaO2) lag bei den Patienten im Mittel bei 70,7 ± 7,5 mmHg, Median 70,4 bei einer Spannweite von 91,5 – 43,8 mmHg. Diese Werte entsprechen 89,6 ± 9,5% des Sollwertes nach Ulmer. Der Mittelwert für den PaCO2 betrug 38,7 ± 3,5 mmHg, bei einer Spannweite von 48,9 – 27,8 mmHg. Die Meßwerte der ventilatorischen Lungenfunktion und des Sauerstoffpartialdruckes von lungengesunden älteren Probanden liegen im Mittel leicht über den extrapolierten Sollwerten der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EC) [63]. Der Altersgang entspricht weitgehend dem im mittleren Lebensalter. Die beschriebenen Ergebnisse erlauben daher eine Berechnung der Sollwerte über den angegebenen Bereich hinaus und können auch für diesen Altersbereich in die Begutachtung einfließen. Im Vergleich zu den Werten lungengesunder älterer Probanden waren Rt und sRt deutlich erhöht, während FEV1 und die maximalen exspiratorischen Atemstromstärken der Silikosekranken deutlich eingeschränkt waren.Correspondence to:
PD Dr. rer. nat. W. Marek
Forschungsinstitut für Frühdiagnose des Bronchialkarzinoms
Augusta-Kranken-Anstalt
Bergstraße 26
D-44791 Bochum
Email: Wolfgang.Marek@ruhr-uni-bochum.de
W. Marek1, A. Flechsig4, H. Gespers2, E. Marek1, J. Riebe1 und N. Kotschy-Lang3
1Forschungsinstitut für Frühdiagnose des Bronchialkarzinoms, Augusta-Kranken-Anstalt, Bochum, 2Evangelisches Krankenhaus, Castrop-Rauxel, 3Berufsgenossenschaftliche Klinik für Berufskrankheiten, Falkenstein, 4Helios Klinikum, Aue Die Referenzwerte der ventilatorischen Lungenfunktion und der arteriellen Blutgase wurden vornehmlich an Probanden im mittleren Lebensabschnitt gewonnen. Für ältere Probanden muß daher eine Extrapolation über den Geltungsbereich der Sollwertfunktion durchgeführt werden, die insbesondere unter dem Aspekt der Begutachtung zu Unsicherheiten in der Beurteilung führt. Wir überprüften daher die Lungenfunktion (Spirometrie, Fluß-Volumenkurve und Bodyplethysmographie) mit Hilfe eines Ganzkörperplethysmographen und untersuchten Blutgasproben aus dem hyperämisierten Ohrläppchen an einem Kollektiv von 254 ehemaligen Uranbergleuten mit Silikose, anerkannt und entschädigt als Berufskrankheit nach Nr. 4101 der BKV. Weitere 134 anamnestisch lungengesunde Probanden (62 Männer im Alter von 25 – 59 Jahren und 72 Männer von 60 – 90 Jahren) dienten als Vergleichsgruppen. Die totale Resistance (Rt) der Patienten (Mittelwert 0,47 ± 0,28 kPa/l/s) war hochsignifikant (p < 0,00005) erhöht gegenüber den älteren (0,18 ± 0,06 kPa/l/s) und den jüngeren Probanden (0,19 ± 0,07). Ebenso verhielt sich die spezifische Resistance (sRt) 2,05 ± 1,56 kPa*s gegenüber 0,73 ± 0,24 bzw. 0,80 ± 0,27. Die relative Einsekundenkapazität betrug im Mittel 59,9 ± 13,5% gegenüber 76,9 ± 6,6% bzw. 83,4 ± 5,1% bei den Kontrollprobanden. Die Vital- (VCIN) und die totale Lungenkapazität (TLC) waren um 13 bzw. 10% kleiner als bei der altersentsprechenden Kontrollgruppe. Die deutlichsten Einschränkungen fanden sich in der maximalen exspiratorischen Atemstromstärken (PEF) und um mehr als 50% bei MEF75,50,25. Der Sauerstoffpartialdruck (PaO2) lag bei den Patienten im Mittel bei 70,7 ± 7,5 mmHg, Median 70,4 bei einer Spannweite von 91,5 – 43,8 mmHg. Diese Werte entsprechen 89,6 ± 9,5% des Sollwertes nach Ulmer. Der Mittelwert für den PaCO2 betrug 38,7 ± 3,5 mmHg, bei einer Spannweite von 48,9 – 27,8 mmHg. Die Meßwerte der ventilatorischen Lungenfunktion und des Sauerstoffpartialdruckes von lungengesunden älteren Probanden liegen im Mittel leicht über den extrapolierten Sollwerten der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EC) [63]. Der Altersgang entspricht weitgehend dem im mittleren Lebensalter. Die beschriebenen Ergebnisse erlauben daher eine Berechnung der Sollwerte über den angegebenen Bereich hinaus und können auch für diesen Altersbereich in die Begutachtung einfließen. Im Vergleich zu den Werten lungengesunder älterer Probanden waren Rt und sRt deutlich erhöht, während FEV1 und die maximalen exspiratorischen Atemstromstärken der Silikosekranken deutlich eingeschränkt waren.Correspondence to:
PD Dr. rer. nat. W. Marek
Forschungsinstitut für Frühdiagnose des Bronchialkarzinoms
Augusta-Kranken-Anstalt
Bergstraße 26
D-44791 Bochum
Email: Wolfgang.Marek@ruhr-uni-bochum.de




