Jahrgang 30, No. 4/2004(April 2004)
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Atemwegs- und Lungenkrankheiten
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Medizingeschichte
Das Ende des “Zauberbergs”: Robert Julius Schnitzer und die erfolgreiche Bekämpfung der Tuberkulose
M. Lindner und S.H. Lindner
Abstract
M. Lindner und S.H. Lindner
Editorial
Damals
K. Waßermann
Abstract
K. Waßermann
Geschichte geschieht. Das heißt, sie war immer erlitten. Der kritischste Einwand gegen die aktuelle Bewältigungsliteratur ist der Topos vom “Verschwinden der Täter” , ein polemischer Angriff auf die nachträgliche Entpersonalisierung faschistischer Gewaltverbrechen [1]. Aber ganz so neu ist der Versuch, aus der jüngsten Geschichte ein Verhängnis zu machen, nicht. Und es ist keine deutsche Besonderheit. Täterlose Völkermorde geschehen auch anderswo: Der ruandische Genozid scheint sich zu einem solchen zu entwickeln, einem Völkermord ohne Täter. Die Verdächtigten sind genau besehen im Grunde selbst bedauernswerte Opfer, Befehlsnotstandsopfer, Erpressungsopfer, Beinahe-Selbst-Getötete, widerstrebende Mitmacher, zu allem Überfluß jetzt auch noch Opfer der Rachsucht Hinterbliebener, ja: Prügelknaben. Man schlägt natürlich die Falschen. Interessenverbände von Kompromittierten widmen sich der Pflege des Vergessens. Komplizen bescheinigen einander das Fehlen beim jeweils verhandelten Massaker. Nicht schuldig sind die Abwesenden [2, 3].
Die Deutschen haben sich nach Kriegsende auf Fragen zu ihrer jüngsten Vergangenheit äußerst wortkarg und teilnahmslos gezeigt. Nicht ohne Verbitterung resümierte Hannah Arendt zum Abschluß ihrer achtmonatigen Deutschlandreise (August 1949 – März 1950), immerhin habe dieses Land „in weniger als sechs Jahren das moralische Gefüge der westlichen Welt zerstört, und zwar durch Verbrechen, die niemand für möglich gehalten hätte.“ Dennoch werde „nirgendwo weniger darüber gesprochen als in Deutschland. Überall fällt einem auf, dass es keine Reaktion auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt.“ Es wird wohl beides gewesen sein: ressentimentgeladener Trotz („wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen!“) und Schuldanästhesie, eine Art moralischer Apathie, die sich indessen unter fieberhafter Geschäftigkeit, oder, in ihren Worten: „einem gierigen Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren“, verbarg. Der Mangel an Mitgefühl wurde durch ein Übermaß an Realitätsverleugnung und Selbstmitleid kompensiert. Erwähnte man gesprächsweise, „dass man Jude sei, folgte in der Regel eine kurze Verlegenheitspause; und danach kommt – keine persönliche Frage, wie etwa: »Wohin gingen Sie, als Sie Deutschland verließen?«, kein Anzeichen für Mitleid, etwa dergestalt: »Was geschah mit Ihrer Familie?« – sondern es folgt eine Flut von Geschichten, wie die Deutschen gelitten hätten .“ Die ausgeglichene Leidensbilanz schien von der Verantwortung zu dispensieren. „Wenn es überhaupt zu einer offenen Reaktion kommt, dann besteht sie aus einem Seufzer, auf welchen die wehmütige Frage folgt: »Warum muß die Menschheit immer nur Krieg führen?« “ [4]. Die Ursachen des 2. Weltkrieges sind also nicht in den Taten des Naziregimes zu suchen, sondern im biblischen Sündenfall.
Es ist dieser alte Geist von Wirklichkeitsflucht und falschem Sentiment, der auch die derzeitige Erinnerungsproduktion durchweht. Und er beflügelt noch die Rede von jenem fast täterlosen Völkermord vor gut 60 Jahren, der in Wahrheit eine Passionsgeschichte der Deutschen gewesen sein soll: die wortreiche Klage über Bombennächte und Vertreibung.
Hannah Arendt zeigte sich durchaus bestürzt darüber, daß „die Sieger die sichtbaren Zeugnisse einer über tausendjährigen deutschen Geschichte in Schutt und Asche legten“ und sie bezweifelt auch, „ ob die Politik der Alliierten, alle deutschen Minderheiten aus nichtdeutschen Ländern zu vertreiben, klug gewesen ist.“ Aber sie äußert Verständnis dafür, „ daß bei denjenigen europäischen Völkern, die während des Krieges die mörderische Bevölkerungspolitik Deutschlands zu spüren bekommen hatten, die bloße Vorstellung, mit Deutschen auf demselben Territorium zusammenleben zu müssen, Entsetzen und nicht bloß Wut auslöste“ [4].
II
Nun aber verschwinden die Täter, weil sie aussterben, buchstäblich. Wenn man zu ihnen die rechnet, die 1940 18 Jahre alt waren, also allemal schon zu besonnenem Handeln imstande, dann wären die jüngsten heute 82. Das heißt, die meisten leben nicht mehr, und die Übriggebliebenen sind aus vielerlei Gründen persönlich nicht mehr zu belangen: der Pinochet-Effekt. Aber Vergeßlichkeit, ob fingiert oder nicht, ist keine Alterslizenz aus zerebralem Unvermögen. Vielleicht stellt sie – ganz unironisch – so etwas wie die posttraumatische Schuldtaubheit der Täter dar. Das Vergangene ist ausgelöscht aus blankem Entsetzen über die eigenen Untaten, über die eigene schrankenlose Wandlungsfähigkeit. Sie hätten ja durchaus auf den Gedanken kommen können, die Zuständigkeit der Psychotraumatologie, die mit den Seelennöten der Kriegsverbrecher befaßt ist, für sich zu reklamieren. Derrick, der Allesverstehende, Allesverzeihende, der triefäugige Melancholiker, war das eigentliche Emblem dieser Generation.
Das ist jetzt vorbei. Wo die Schuldfrage nicht mehr ad personam – also juristisch – ausgefochten werden kann, wird sie zum Gegenstand historischer, sozialpsychologischer, in jedem Fall aber zergliedernder, entmystifizierender, distanzierender und relativierender Analyse, oder eben zum Objekt sinnstiftender, versöhnender Erinnerungsliteratur* S. 163. Die Dämonen verblassen. Weil sie alle nachfolgenden Generationen nicht nur zur Rechenschaft ziehen wollen, sondern auch zur Bestrafung verdammen, wirken Verurteilungen im Stile alttestamentarischer Unerbittlichkeit deplaziert, anachronistisch und ungerecht. Günther Jacob findet es allerdings bedenklich, daß „das Reden über den Nationalsozialismus auf eine bedrohliche Weise vernünftig geworden“ sei , und „die deutsche Geschichtswissenschaft die Einfühlung (in Tätermotive und Tatumstände, KW) immer wieder verfeinert und so ihren Beitrag zur Vermenschlichung der Taten beigesteuert habe – etwa durch Thesen zur »Verführung in der Diktatur« oder zur »kumulativen Radikalisierung der Soldaten« im Verlauf des Vernichtungskrieges.“ Wer frage: „Wann wird der Normalbürger zum Mörder? Wann eskaliert Gewalt zur Mordgier?“ der mache „beispiellose Verbrechen zu Beispielen für Verbrechen“ [5].
Die Taten wurden von Menschen begangen – man kann sie aus dieser Gemeinschaft nicht dadurch ausschließen, daß man sie unmenschlich nennt; wir verurteilen sie doch auch, weil sie dazugehören – und sie sind nicht ohne Beispiel! Bedrohlich an der von Jacob kritisierten Rationalisierung des Irrationalen ist nicht, daß – wie er meint – die offizielle Vergangenheitsversion (= Erinnerungskultur) die nunmehr souverän gewordene deutsche Großmacht mit einem passenden Selbstbewußtsein ausstattet. Bedrohlich – für ihn und seinesgleichen – ist in Wahrheit, daß durch die beargwöhnte wissenschaftliche Bearbeitung ein idealisiertes Menschenbild ins Wanken gerät [6].
III*
Es sind die Kinder und Enkel, die jetzt ihren Eltern und Großeltern verständnisvolle Biographien widmen. Ihr in den 68-er Jahren demonstriertes Mitgefühl mit den Opfern des Nationalsozialismus hat sich insgeheim in den Schuldvorwurf verwandelt, sich nicht um die Leiden der eigenen Kriegsgeneration gekümmert zu haben. Diese unterdrückte Empathie für die Eltern werde nun nachgeholt, meint Werner Konitzer [7]. Jacob [5] bemerkt dazu einigermaßen sarkastisch, daß die damals eingeübte Empathie für die Opfer des Nationalsozialismus jetzt nach dem Generationenwechsel auf die Täter übergehe: Gefühl eingeübt, Objekt gewechselt. Das nimmt sich aus wie eine Parodie auf den naturwissenschaftlich argumentierenden Freud: als gebe es so etwas wie eine freiflottierende Empathie, im kulturellen Gefühlsraum vorhandene Energien, die – gelegentlich wahllos – ihr Objekt suchen. Die Beliebigkeit, mit der sie das tun, hat etwas von Mode.
IV
Aber schauen wir noch einmal den Tätern zu. M. Lindner und S.H. Lindner erinnern in diesem Heft an den jüdischen Mediziner und Wissenschaftler Dr. Robert Julius Schnitzer, der maßgeblich an der Entwicklung des Antituberkulotikums Isoniazid beteiligt war. Er arbeitete bis 1938 in der pharmazeutischen Abteilung des I.G. Farben-Werks Höchst, wurde gekündigt, von der Gestapo verhaftet und im KZ Buchenwald als sogenannter „Aktionsjude“ interniert. Er konnte mit seiner Familie im Februar 1939 fliehen.
Zur Erinnerung: Am 15.9.1935 wurde – anläßlich des Nürnberger Parteitags der NSDAP – das »Reichsbürgergesetz« und das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« einstimmig verabschiedet. Die Nürnberger Gesetze führten die systematische Verwirklichung des antisemitischen Programms der NSDAP von 1920 fort und schufen für die bereits 1933 begonnenen Verfolgungsmaßnahmen eine juristische Absicherung. Mit dem »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7.4. 1933 (sog. Arierparagraph) wurden Juden aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Weitere Gesetze schlossen sie auch aus freien Berufen (z.B. Rechtsanwälte, Kassenärzte, Steuerberater) und Ehrenämtern (z.B. Schöffen) aus. Zahllose Verbände, Vereine und öffentlich-rechtliche Organisationen übernahmen den Arierparagraphen.
Die Nürnberger Gesetze bewirkten eine umfassende Entrechtung und Isolierung der sogenannten Nichtarier. Die Ausnahmeregelungen des Berufsbeamtengesetzes wurden endgültig aufgehoben und weitere Berufsverbote erlassen, bis 1938 auch eine Existenzsicherung durch Hausieren nicht mehr möglich war [8].
Die Juden waren vogelfrei. Man hätte sie und hat sie von diesem Zeitpunkt an straflos beleidigen, verhöhnen, mißhandeln und gegebenenfalls auch töten können. Damit fielen bei allen Bürgern die gewohnten Anstands- und Schamgrenzen. Gattungssolidarität wird offenbar mühsam durch Sanktionen aufrechterhalten, die unsere Motivation nur oberflächlich imprägnieren; ein abwaschbarer Zivilisationsfirnis. Aber das ist ja nichts Neues. Die meisten haben selbstverständlich bloß abgewandt hinter zugezogenen Vorhängen gestanden. Was von der Straße zu sehen war, waren undeutliche Bewegungen, schemenhafte Gestalten, Massenverschiebungen, sakrosankte Amtshandlungen, Synkopen: nichts Genaues. Für die musikalisch Gesonnenen ein Motiv.
Schnitzer geriet offenbar erst spät in die Fänge der Rassenpolitik, hinauskomplimentiert mit einer Bigotterie und Verwaltungsroutine, deren Endziele, da die Gesetzestexte vorlagen, schon bekannt sein mußten. Aber schalten wir die stärkste Linse ein, drehen am Okular und konzentrieren uns auf den Mikrokosmos der feinen Umgangsformen. Lassen wir die brutaleren Milieus außer acht , die sich mit Handfeuerwaffen, Baseballschlägern und der erfolgreichen Verwendung von Giftcontainern durchs Leben schlugen:
Jemand aus der Forschungsetage bekommt eine Kündigung. Er ist allgemein angesehen, hochqualifiziert, äußerst erfolgreich, fleißig, gut beleumundet, seine Kinder gehen in vorzügliche Schulen, seine Frau ist Ehrenmitglied karitativer Organisation, vom Dienstpersonal werden sie vergöttert, etc. Die Kündigung beruft sich auf eine Anordnung des Aufsichtsrates der Firma und einen daraus entwickelten Katalog von Maßnahmen für die verschiedenen Tätigkeitsebenen. Der Aufsichtsrat seinerseits folgt einem Dispositiv, dem eine Vorlage des Staatssekretärs im Ministerium des Inneren zugrunde liegt. In ihr werden konkrete Schritte zur Durchsetzung des „Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ empfohlen. Diese schon damals schauerliche Formulierung, präziser: ihr degoutanter Inhalt, ist natürlich bis zur Unkenntlichkeit unter etlichen Paragraphen, Querverweisen, Kapiteln und Zusätzen/Amendments versteckt. Legitimation durch Verfahren [9]. Man weiß oder sollte wissen, daß mit der Kündigung jemand geächtet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Seine bürgerliche Existenz wird ohne Not zerstört. In einem fürsorglichen Schreiben der Ärztekammer Hessen-Nassau wird ihm jede ärztliche Betätigung untersagt. Am Ende darf er bei Strafe nicht einmal mehr hausieren gehen. Wovon also Leben? Soll er ja nicht!
Aus nächster Nähe ein Verwaltungsakt, den man mit Contenance und Würde übersteht. Aus etwas weiterer Entfernung eine gefällige Vernichtung, ein höfliches Todesurteil.
Schauen wir einem der Täter zu: Direktor Schwamborn, Mittfünziger, Karrierejurist, formvollendete Manieren, Bratenrock und Embonpoint als Zeichen distinguierter Weltläufigkeit, scharf gebügelte Hosen, spiegelnd glattrasiertes Kinn und ein freundschaftlich-jovialer Ton: „Mein lieber Schnitzer (das brauchte er nicht zu üben), wie Sie wissen, schätze ich Sie über die Maßen. Allein (das hat er geübt!), allein , mir sind die Hände gebunden (er wedelt mit ihnen in gespieltem Bedauern, bevor er sie zum Abschiednehmen benutzt). Meine Empfehlung an Ihre verehrte Gattin.”
Klaus Waßermann
Literatur
[1]
Heer H.: Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei. Aufbau, Berlin 2004.
[2]
Braeckman C.: Rwanda, retour sur un aveuglement international. Le Monde Diplomatique, Mars 2004, 20-21.
[3]
Hankel G.: »Ich habe doch nichts gemacht«. Ruandas Abschied von der Kultur der Straflosigkeit. Mittelweg 36, 28-51 (2004).
[4]
Arendt H.: Besuch in Deutschland 1950. Die Nachwirkungen des Naziregimes. In: Arendt H.: Zur Zeit. Politische Essays. Rotbuch, Berlin 1986, 43-70.
[5]
Jacob G.: Ausstellen, einordnen, vergessen. Konkret Heft 3, 30-32 (2004).
[6]
Sehr ernüchternd ist zum Beispiel: Ferdinand Sutterlüty. Gewaltkarrieren. Jugendliche im Kreislauf von Gewalt und Missachtung. Campus, Frankfurt/Main 2003.
[7]
Konitzer W.: Verweigertes Mitleid und nachholende Empathie. Überlegungen zur Bedeutung der gegenwärtigen Diskussion um Bombenkrieg und Vertreibung, unveröffentlichtes Manuskript, 25. Mai 2003. Zit in: Welzer H.: Schön unscharf. Über die Konjunktur der Familien- und Generationenromane. Mittelweg 36, 53-64 (2004).
[8]
Brockhaus Enzyklopädie.
[9]
Den Hinweis auf Niklas Luhmann verdanke ich Santiago Ewig.
Übersichtsarbeiten
Interventionelle Bronchoskopie im Kindesalter
T. Nicolai und K. Reiter
Abstract
T. Nicolai und K. Reiter
Dr. von Haunersches Kinderspital, Universitäts-Kinderklinik, München
Die Anwendung interventioneller Verfahren der Bronchoskopie ist im Erwachsenenalter zur Routine geworden. Im Unterschied dazu liegen im Kindesalter Besonderheiten vor, die eine unmittelbare Übertragung der Techniken erschweren bzw. unmöglich machen. Obwohl interventionelle Verfahren deshalb insbesondere in den tieferen Atemwegen bei Kindern wegen der anderen Krankheitsbilder (keine Tumore, oft operativ korrigierbare, benigne Ursachen) viel seltener zum Einsatz kommen als im Erwachsenenalter, ist jedoch fast das ganze Spektrum der therapeutischen Möglichkeiten für den Einzelfall adaptierbar. Durch die neuen kleineren fiberoptischen Instrumente und spezialisierte starre Bronchoskope und Instrumente lassen sich diese auch bei sehr kleinen Patienten bis ins Säuglingsalter hinein im Einzelfall durchführen.
Übersichtsarbeiten
Bronchiektasen: Weg einer Krankheit in die klinische Bedeutungslosigkeit?
H. Gubbawy, P. Entzian, R.J. Elfeldt und B. Thiel
Abstract
H. Gubbawy1, P. Entzian2, R.J. Elfeldt3 und B. Thiel3
1Arzt für Lungen- und Bronchialheilkunde, 2Praxis für Lungen- und Bronchialheilkunde, 3Abteilung für Thoraxchirurgie, Friedrich-Ebert-Krankenhaus, Neumünster
Bronchiektasen sind abnorme irreversible Bronchialerweiterungen, die zu produktivem Husten, wiederholten Infektexazerbationen und gelegentlich zu Hämoptysen führen. Ursprünglich ein häufiges Krankheitsbild mit hoher Mortalität, hat der medizinische Fortschritt, der sich z.B. in Antibiotikatherapie, Impfung gegen Keuchhusten und Masern sowie Rückgang der Tuberkulose manifestiert, die Inzidenz der Bronchiektasen deutlich reduziert. Dennoch ist die Erkrankung, die sowohl primär, d.h. angeboren, als auch sekundär auftritt, auch heute noch bedeutsam. Diagnostisch ist das Computertomogramm in High-resolution-Technik aktuell das aussagekräftigste Untersuchungsverfahren. Die Resektion ist die Therapie der Wahl bei umschriebenen symptomatischen Prozessen; besonders stellen blutende Bronchiektasen eine Operationsindikation dar. Liegt eine Operationskontraindikation vor, können moderne konservative Therapiestrategien mit medikamentösen und physikalischen Behandlungsmöglichkeiten die Prognose deutlich verbessern.
Übersichtsarbeiten
Neue Aspekte in der Bewertung und prophylaktischen Pharmakotherapie der Exazerbation bei chronisch obstruktiver Bronchopneumopathie (COPD)
G. König
Abstract
G. König
Medizinische Klinik I, Klinikum Memmingen
In der Exazerbation kann der primär chronische Verlauf der COPD eine dramatische Verschlechterung erfahren. Die akute Bedrohung des Patienten wird an der schlechten Prognose deutlich, die in einer Mortalität von 24% gipfelt, wenn eine intensivmedizinische Behandlung notwendig wird. Zu den gut etablierten Therapiemaßnahmen in der schweren Exazerbation gehören neben der Gabe systemisch applizierter Steroide auch Sauerstoff, gegebenenfalls Beatmung und Antibiotika. Von systemischen Steroiden ist außerhalb von Exazerbationen kein positiver Effekt zu erwarten. Im Intervall sollte diese Therapie daher vermieden werden. Zur Behandlung der Bronchialobstruktion sind b-Mimetika, insbesondere langwirksame Substanzen und langwirkende M3-selektive Anticholinergika, erste Wahl. Neu zu überdenken ist der Stellenwert inhalativ applizierbarer Steroide, die bei COPD höheren Schweregrades die Exazerbationen vermindern und die Lungenfunktion wie auch den Gesundheitszustand bessern können. Derzeit kontrovers diskutiert wird die Aussage, wonach inhalierbare Steroide die Mortalität und die Hospitalisierung, vor allem mit höheren Dosierungen, günstig beeinflussen können. Feste Kombinationen von langwirkenden b-Mimetika und inhalierbaren Steroiden verbessern die Lungenfunktion, den Gesundheitsstatus, die Symptomatik, und sie vermindern die Exazerbationen signifikant im Vergleich zu Plazebo. Im Vergleich zu einer Monotherapie mit den Einzelsubstanzen sind Kombinationen immer im Trend besser, teilweise jedoch auch signifikant überlegen.
Übersichtsarbeiten
Screening für Bronchialkarzinome
M. von Eiff
Abstract
M. von Eiff
Medizinische Klinik, Malteser-Krankenhaus St. Hildegardis, Köln
Die Effizienz des Bronchialkarzinomscreenings wird kontrovers diskutiert. Fünf prospektiv randomisierte Studien wurden publiziert, die die Wertigkeit konventioneller Röntgen-Thoraxaufnahmen mit oder ohne Sputumzytologien untersuchten. In keiner dieser Studien konnte eine Senkung der Bronchialkarzinommortalität gezeigt werden. Die Computertomographie des Thorax erkennt mit hoher Sensitivität Lungenrundherde. In 10 veröffentlichten Observationsstudien wurden übereinstimmend in einem hohen Prozentsatz Tumorfrühstadien sowohl in den Ausgangsuntersuchungen als auch in den Follow-up-Untersuchungen diagnostiziert. Möglicherweise wurden jedoch auch Tumore “überdiagnostiziert”, d.h. Tumore erkannt, die den weiteren klinischen Verlauf der Patienten nicht wesentlich beeinflussen würden. In prospektiv randomisierten Studien wird aktuell der Einfluß serieller Computertomographien des Thorax auf die Bronchialkarzinommortalität untersucht. Aufgrund der aktuellen Studienlage kann ein Screening des Bronchialkarzinoms mit konventionellen Röntgenthoraxaufnahmen, Sputumzytologien oder Thorax-Computertomographien nicht empfohlen werden.