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Jahrgang 29, No. 12/2003(Dezember 2003)
Abstract
B. Khanavkar
Abstract
R. Loddenkemper
Laudationes
Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft für Lungen- und Atmungsforschung e.V. an Prof. Dr. Konrad Morgenroth
G. Schultze-Werninghaus
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4$
Abstract
G. Schultze-Werninghaus
Abstract
Gänseliesel
Auf der Höhe von Rodenkirchen gleich neben der Autobahn junge Gänse, frisch eingekauft, anfangs noch gelbgefiedert. Mein Schwager hält sie, weil sie zunächst äußerst schreckhaft sind, einige Wochen in einer dunklen Scheune gefangen, bevor er sie auf die Wiese läßt. Dieser Anblick, weiße Wolke Morituri, markiert in jedem Jahr das Ende der Sommerferien. Es beginnt die Zeit der Weihnachtsgans, eine tragische Periode mit einem voraussehbar blutigen Ende.
Spätnachmittags liegen sie satt unter den Obstbäumen, die Schnäbel hoch im Wind, vorwitzig, neugierig, vollkommen unbeschwert. Die Wiese haben sie schon kahlgefressen und ruhen auf einem schmutziggrauen Teppich aus bloßer Erde, Exkrementen und ausgerissenen Federn. Sie wachsen zusehends von Tag zu Tag, sie bilden aufgeregte Grüppchen. Manchmal langweilen sie sich, manchmal recken sie wie alarmiert die Hälse. Manchmal wackeln sie bloß mit ihren Hintern. Vielleicht ist das Lebensfreude. Konrad Lorenz wüßte Rat. Ich gebe ihnen noch einen, zwei Monate.
Wer City of God gesehen hat, weiß, dass Truthähne vorausschauend furchtsam sein und – sagen wir mal – antizipierend handeln können, keineswegs so panisch kopflos, wie ihr Ruf will. Dieser eine, Held der Szene und Sympathieträger, wird auf dem Wochenmarkt Zeuge der Dekapitation und Rupfung eines Gefährten. Er flieht, nachdem er seine Fußfessel abgeschüttelt hat, durch die engen Gassen der Bidonville, dicht hinter sich das Marktweibergeschrei und das Getrappel pistolenschwingender Kinder. Es gelingt ihm sogar, den Rädern eines Polizeifahrzeugs auszuweichen. Und er überläßt die Straße den jugendlichen Gangsterbanden zum wechselseitigen Abschlachten. Er bleibt der Beobachter, das heißt: der Klügere.
Schweine besitzen sie, australische Schafe wohl auch: diese Verhängnisahnung, die selbstmörderische Todesangst, die ihr Fleisch ungenießbar macht. Die einen sterben unangekündigt auf der Fahrt zum Schlachthof, die anderen vor der arabischen Küste.
Ach Gott, aber die Gänse: naiv und wohlschmeckend. Wie sie über die Ungezogenheit der Metzger schimpfen! Noch wenn ihre Hälse auf dem feuchten Block ausgestreckt sind, schlagen sie empört mit den Flügeln und schnattern lauthals über diese Flegel! Dass sie Teil einer kommerziellen Freßstrategie sind, perspektivisch also nicht die sagenhaften kapitolinischen Wächter, auch nicht die Krone der Schöpfung, sondern bloß fette Braten, das kapieren sie einfach nicht. Und der Schmerz – nein, kein Schmerz, lediglich Ärger –, der den Axthieb nicht überdauert, kann als Grundierung niemals ins genetische Material der nächstfolgenden Generation eintauchen. Denn sie kommen als Küken und enden als solche: ohne Nachkommen. Man verhindert geschichtliche Erfahrung durch Abschaffung des Gedächtnisses. Vielleicht bewahrt uns das vor ihrer späten Rache.
Möwen sind da offenbar anders: „ ...how many million years of memory were stored in those little brains, behind the stabbing beaks, the piercing eyes, now giving them the instinct to destroy mankind with all the deft precision of machines“.
Hasenherz
Nachdem ich die verspätete Wespe (es ist immerhin Ende Oktober), die über dem Schokoladenparfait ihre Runden dreht, mit dem Küchenhandtuch gegen die Scheibe gedrängt und zerquetscht habe, werfe ich sie verächtlich auf den Balkon. Dort liegt sie still zusammengekrümmt, das heißt regungslos. Streckte sie sich nun mit einem Mal und erhöbe sie sich, nein nein, erprobte ihre durchsichtigen Flügel und ließe sie bedrohlich schwirren? Richtete sich auf und stürzte sich auf den Türspalt, den ich offenlasse? Auf mich? Und ich stürbe vor Angst oder Scham?
Darf man sagen, dass die Beziehungen zwischen den Gattungen auf Gewalt beruhen?
Der Hund, sagt meine Freundin Gertrud, der Hund ist ein prinzipiell zutiefst beleidigtes Wesen. Auf einigen Nordseeinseln sind Autos verpönt. Man läßt sie auf dem Festland zurück. Statt dessen gibt es Fuhrwerke, die von alten, müden Haflingern gezogen werden. Der auf den Straßen verdampfende Pferdeapfelhaufen hat dort Kultstatus. Niemand beeilt sich, ihn wegzuschaffen. Offenbar markiert er den dort herrschenden dieselbenzinfreien Naturzustand, einen Garanten besseren Lebens. Aber die Hunde! Ihnen gegenüber herrscht unerbittliche Strenge. Es gibt dort diese Schaufel-und-Beutel-Spender, grüngestrichene Automaten, denen man nach Einwurf von 50 Cent eine sauber gefaltete Plastiktüte und ein Schäufelchen entnehmen kann. Man pfeift den Hund herbei, wenn er nicht ohnehin noch an seinem Kot schnüffelt, und schiebt unter dem Blick seiner wäßrigen Augen den Unrat vorwurfsvoll in die Tüte. In Norderney findet man inmitten der Grünstreifen über den Strandpromenaden kleine, durch Holzpfosten oder gar einen winzigen Jägerzaun (in Bleistiftgröße) abgetrennte Gevierte. Dorthin wird das Tier geschleift, gezogen und gezerrt, sobald es Anstalten macht, irgendwo außerhalb das Bein zu heben oder sich hinzuhocken. Es bedarf also hier schon des feinen Gespürs für den imminenten Toilettendrang. Diese Sensibilität ist dort ebenso verbreitet wie der Abscheu vor grünem Moosbewuchs in den Ritzen zwischen den Steinplatten auf den Gehsteigen. Immer wieder trifft man Einheimische, die voll Ingrimm die wuchernde Flora mit der Zahnbürste eliminieren: emsig und im Schweiße ihres Angesichts. Aber man muß das mal erlebt haben, wie dieser peinlich berührte Hundebesitzer das jammervolle Tier wütend ins Hundeklo zerrt, wie der Hund auf seinem Hintern rutschend oder auf drei Beinen humpelnd mit niedergeschlagenem Blick das rettende Areal zu erreichen gezwungen wird! Die Badegäste verfolgen es mit selbstzufriedener Billigung. Genau das meinte meine Freundin: der Hund ist ein zutiefst gedemütigtes Wesen. Aber seine Unterwerfungsbereitschaft ist schier grenzenlos, oder nicht?
Home-killed meat
Auf den Tafelgemälden im Dresdner Zwinger Fleischpastetchen neben umgestürzten Rotweingläsern, deren Inhalt sich mit Tierblut mischt; an ihren Läufen aufgehängte Rehkadaver, frisch tropfendes Wildbret; Tauben in Rückenlage mit wehrlos gespreizten Flügeln. Fasane, artischockenbekränzte Schweinsköpfe, die Mäuler voller Granatäpfel. Mägde servieren am Bildrand, Domestiken, Mundschenke, Marketenderinnen, Fleischzerteilerinnen: füllige, dienstbeflissene Frauengestalten. Natürlich hockt immer auch ein Genießer da, ein vergnügter Dickwanst, sangeslustig. Vor lauter Wonne ist ihm die Perücke in die Stirn gerutscht.
Reste dieser vergangenen Opulenz finden sich auf neuzeitlichen Speisekarten wieder: Frikassiertes Stubenküken an Aprikosenscheiben: Offenbar ist es von speziellem ästhetischen Reiz, die gemütvolle Konnotation von häuslichem Frieden und Unschuld absichtlich zu zerstören. Man entledigt sich ihrer mit einer fast zynischen Behaglichkeit: Home-killed meat. Eßkultur, Barabarei in kultureller Verkleidung.
Ich bin weit davon entfernt, vegetarisches Sendungsbewußtsein zu parodieren. Aber, nun ja, manchmal verfolgen mich eben gewisse Ahnungen hartnäckigst. Francis Bacon hat auf einigen seine Bilder den Leidensweg des Menschen zum Schlachtvieh festgehalten [1]. Vielleicht tauchen wir so in Tierträumen auf? Wir, ein ausgeweideter Torso, der zum Trocknen an ein Holzgerüst genagelt wird und mit Essig beträufelt?
Bauern (Jupp sagt: die Bauren) schmunzeln über solch verzärtelten Feinsinn. Ihnen ist das alles Nutztier. Milch, Fett, Fell, Wolle, Fleisch: das Verwertungsverhältnis ist klar. Gut, sie haben schon mal gern den Schweinestall unterm Schlafzimmer, um die Bodenheizung zu sparen. Oder es empfing einen, trat man dort, wo ich herkomme, in die Tenne, der einschläfernde Brodem aus den seitlich aufgereihten Rinderverschlägen. Damals, in den kalten Wintern, war das von Vorteil. Aber all das konstituierte noch keine persönliche Beziehung: die Distanz blieb unüberwindbar. Auch wenn die Kühe Stine oder Emma hießen – hatte man sie doch oft eigenhändig mit dem Strick aus ihrer Mutter herausgezogen – selbst dann lag der Schlachttermin fest.
Kuscheltier und Aasfresser
Das Domestizieren macht sie scheinbar gefügig, und nur für eine gewisse Zeit. Ans Haus gewöhnen ist aber als Dressur ein Akt der Gewalt. Kaum verwunderlich, dass der Tiger, um seine Ehre zu retten, dem Dompteur bei Gelegenheit den Kopf abbeißt („Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei“). Man hält sich in ihrer Nähe auf und läßt sie gewähren. Oder man bemüht sich, ihnen die zehn Gebote beizubringen und reagiert enttäuscht, wenn der Reiher weiterhin ungerührt die Schlange frißt. Oder man tötet sie – wie Lennie – aus Zuneigung: „...and I pinched their heads a little and then they was dead – because they was so little“.
Moses Herzog „wischte zuweilen Mäusedreck mit dem Ärmel vom Tisch und fragte sich, warum Feldmäuse eine solche Vorliebe für Wachs bezeugten. Sie machten Löcher in die mit Paraffin luftdicht abgeschlossenen eingemachten Früchte und nagten die Geburtstagskerzen bis zu den Dochten durch. Eine Ratte fraß sich in eine Brotpackung und hinterließ ihre Körperform in den aufgeschnittenen Brotscheiben. Herzog aß die andere Hälfte des Brotes mit Marmelade bestrichen. Er konnte auch mit Ratten teilen“ [2]. Dieser peinliche Ausflug in die Verwahrlosung stellt Herzogs narzißtischen Beitrag zu seiner aus den Fugen geratenen Welt dar: Man hat ihn tief gekränkt; also läßt er sich gehen, demonstrativ. Allzugroße – wortwörtliche – Nähe zwischen den Gattungen ist, wie man sieht, recht unbekömmlich. Ob wir nun ohne das ritualisierte tägliche Zähneputzen aus dem Mund stinken wie die Eber, oder ob wir uns mit den Essensüberbleibseln von Kellerratten begnügen, es ist Selbstaufgabe. Oder ist dieses Urteil nur ein Spiegel der eigenen neurotischen Berührungsangst?
Ulrich Schachts mit toskanischen Elementen (Maler, Wein, Tomaten, Apéritif) gewürzte nordeuropäische Beschaulichkeit, sein idyllischer Landbesitz, wird durch die Anwesenheit eines Rehs veredelt. Wer hätte gedacht, daß in solchen Texten noch Rehe auftreten, sozusagen motivbildend, als allegorische Figuren (Tugend, Reinheit, Arglosikeit)? Das Tier wird von einem Mähdrescher zerfetzt, sein Kadaver von aasfressenden Vögeln bestürmt:
„Als ich ... mich in den Fahrradsattel schwang und auf dem rissigen Asphaltweg Richtung Dorf losfuhr, stoben, nur wenige Meter von unserem Hof entfernt, Dutzende Vögel mit kräftigen Schnäbeln auf. Auch flog das Gabelweihenpärchen davon....“. Er ist enttäuscht, ganz offensichtlich. Von den Gabelweihen hätte er diese, ja, brutale Nahrungsbeschaffung am wenigsten erwartet. Dann sieht er hinter dem Glasfenster einer Scheune „...in höchster Panik“ eine Elster flattern. Sie ist gefangen und „mit Sicherheit verloren“. „Ich hätte das Fenster einwerfen müssen, um sie zu retten“, räsoniert er [3]. Warum hat er es nicht getan? Was hindert diesen quietistischen Biedermann, einen in die Enge getriebenen Vogel zu befreien? Offenbar dies, dass seine gefräßigen Kumpane draußen sich schamlos auf ihr Opfer stürzen. Zur Strafe also. Müssen sich Tiere an unser Sittengesetz halten? Oder ist das nur eine überspannt naive anthropomorphisierende Projektion, um Nähe wenigstens symbolisch zu retten? Als könnten wir uns Gattungsdistanz nicht leisten, oder sie nicht ertragen: Sie müssen so sein wie wir. Und wir töten sie, weil sie es nicht wollen?
Gattungskriege
Nat Hocken hält sie für blöd: „He knew them of old, the herring gulls. They had no brains“. Das stimmt nicht. Einmal – in Cornwall, ich glaube, es war St.Yves – hat einer dieser gierigen Vögel, eine Silbermöwe, zur großen Erheiterung der Badegäste meinem Ältesten in einem gewagten Sturzflug den neuerworbenen Hamburger aus der Faust gerissen. „They knew what they were doing“.
Aber, nicht wahr, sie machen einem Angst mit ihren kalten, erbarmungslosen, stechenden Augen. Fliegende Muränen, drauf und dran, ihre Opfer zu versteinern. Einstweilen betteln sie, während wir auf die Fähre warten. Das jammervolle, eselsartig exasperierte Wehgeschrei, das Röcheln und Wimmern, das sie, untermalt von den Piepstönen der sie begleitenden graubraunen Jungen, bis zum Beinahe-Ersticken treiben – sie wringen sich buchstäblich aus in theatralischer Verzweiflung – ist entnervend. Anfangs dauern sie einen wie Obdachlose. Der letzte Hilfeschrei, den wir nicht hören wollten? Dabei geht es doch nur um ein paar Essensreste. Nahrung könnten sie sich leicht anderswo beschaffen, Flug- und Tauchkünstler, die sie sind. Auf dem Boden unbehende und lahm wie die Albatrosse („Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule! / Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid! “) watscheln sie träge unten zwischen den Automobilen und reißen die Schnäbel auf, dass man ihr Rachenfleisch sieht. Aber schon jetzt wird klar, sie sind ohne Furcht, man könnte meinen: ohne Respekt. Wie sie erst im allerletzten Augenblick ungehalten beiseite stolzieren, diese Herrschaften! Kein hysterisches Aufflattern, kein ängstliches Wegducken bei unserem bloßen Anblick, oder dass sie etwa eilends mit gestrecktem Hals im Gebüsch verschwänden wie das übrige Federvieh.
In Daphne du Mauriers / Hitchcocks Weltuntergangsszenario übernehmen sie die Macht. Stumm rotten sie sich zusammen und kauern bedrohlich auf den Telefondrähten. Zuerst ist es, aus den verbarrikadierten Häusern wahrgenommen, nur ein seidiges Rascheln, dann ein Schwirren und Flattern, dann ein ohrenbetäubendes Rauschen, ein Scharren, Klopfen, Kratzen, Zerren. Sie rächen sich in kalter, irgendwie desinteressierter Wut. Wofür? Keine Almosen mehr, keine Nachsicht. Als Kinder haben wir sie auf der Schiffstour zu den Inseln noch mit Brot und Kuchen gefüttert, während sie wie ein Schweif dem Kielwasser folgten. Vielleicht haben wir sie ja verwöhnt; oder sie haben sich nur geholt, was ihnen zustand.
Aber warum Silbermöwen? Warum keine alte, appenzellerisch äugende Bergdohle? Oder nicht zum Beispiel Spatzen oder Auerhähne, Lerchen, Sittiche oder Zaunkönige? Je singvogelmäßig harmloser sie scheinen, umso effektvoller wäre ihre Abkehr von der Friedfertigkeit, der Wandel zur Radikalität, zu inszenieren. Bei Daphne du Maurier sind diese es in der Tat, die die Vorhut bilden, die Selbstmordabteilung, die „death-and-glory boys“. Sie dringen in Horden in die Häuser ein. Hacken und stechen, brechen sich beim Sturzflug den Hals und liegen dann dort mit blutigen Schnäbeln auf den Leichenhaufen im Kinderzimmer.
„Since 1945, it’s the atom bomb that has represented the ultimate threat to mankind, so it’s rather disconcerting to suggest that the end of the world might be brought about by thousands of birds....“ [4]. Hitchcock ist natürlich nicht im Mindesten am moralischen oder politischen Aspekt seiner ernüchternden Endzeitvision interessiert. Das findet Truffauts Billigung. Aber Theweleit berichtet ausführlich, wie Hitchcock den Sturzflug seiner angreifenden Möwen dem Nazi-Bomberangriff auf London nachgebildet hat [5]. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Vögel sich rächen. Mag sein, stellvertretend für die Demütigung einer lebenslangen Gefangenschaft im Singvogelkäfig. Sie hätten hinreichend Gründe aufzubegehren. Dann wäre ihre ekstatische Bestialität – diese stumme, verbissene, systematische Mordlust, diese hingebungsvolle Selbstinstrumentalisierung bis zum Selbstopfer – frei nach Frantz Fanon [6] die reinigende Gewalt, deren es bedarf, um die äußere und innere Unterdrückung abzuwerfen. Verflogen sind jene tirilierende Sorglosigkeit und die lautstarken Scharmützel untereinander.
Klar wird jetzt auch, dass, wenn sie dort wehleidig um Brotkrumen betteln, sie den Bittsteller nur spielen. Genauer: sie persiflieren, sie verhöhnen ihn. Ihre maßlose Übertreibung von Unterwürfigkeitsgebärden verulkt das Produkt der Zähmung – das brave Tier – und uns, die wir die naive Projektion unserer eigenen Benimm-Dich-Regeln gerührt und etwas ungeduldig zur Kenntnis nehmen. Dies ist die List der Verachtung.
„J’irai cracher sur vos tombes“
Gewaltausübung ist unter Bedingungen lebensgeschichtlich vorangehender Vernachlässigung, Ohnmacht und Unterdrückung identitätsstiftend oder zumindest doch -stabilisierend [7]. Die kathartische Erfahrung der inneren und äußeren Befreiung vom Quälgeist und Kolonisator durch Terror hat bereits Fanon als Voraussetzung einer eigenen selbstbewußten (nationalen) Identität festgehalten: mit der Vernichtung des Täters wird die Opferrolle aufgehoben.
Als man in Algerien und Angola die Europäer öffentlich massakrierte, schrieb Sartre im Vorwort zu Fanons antikolonialistischem Manifest, die „uneingestandene Wut und die Mordlust“ der unterdrückten Eingeborenen werde „zwar von unserer Moral mißbilligt“, sei aber „gerade das letzte Residuum ihrer Menschlichkeit.“
„Keine Sanftmut kann die Auswirkungen der Gewalt (i.e. der Kolonisatoren, KW) auslöschen, nur die Gewalt selbst kann sie tilgen. Und der Kolonisierte heilt sich von der kolonialen Neurose, indem er den Kolonialherren mit Waffengewalt davonjagt. Wenn seine Wut ausbricht, findet er sein verlorenes Selbstverständnis wieder..... Von weitem halten wir seinen Krieg für den Triumph der Barbarei. Aber er bewirkt durch sich selbst die fortschreitende Emanzipation des Kämpfers und vernichtet in ihm ... Schritt für Schritt die koloniale Finsternis... Man bleibt entweder terrorisiert oder wird selbst terroristisch. Denn in der ersten Zeit des Aufstands muß getötet werden: einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch“ [8].
Die äußerste Gewalt, das Selbstmordattentat, hat ähnliche Wurzeln: Identitäts- und – strategisch von den Veranstaltern her gesehen – Loyalitätssicherung. Denn die Verehrung der Märtyrerikone gewährleistet über das Rachemotiv die Verewigung der Gewalt. „Eine Person (wählt) insbesondere in einer von Unterdrückung und Erniedrigung gekennzeichneten Situation den Selbstmord ..., um ihren höchsten Vermögenswert – die Identität – zu erhalten. Das Weiterleben würde hingegen dieses Gut unwiderruflich zerstören. Der Tod wird ... zur letzten Möglichkeit, eine mit der religiösen Utopie konforme Subjektivität zu realisieren“ [9]. Nur, die Kollateralschäden, die islamischen Opfer solcher Gewaltexzesse, werden neuerdings zu groß und zu zahlreich, um dieser Interpretation noch folgen zu können. Eher scheint es die Selbstvernichtung aus Überdruß und Verzweiflung zu sein und die ausgesprochene Gleichgültigkeit gegenüber ideologischen Motiven wie dem der Rettung der Welt vor dem Bösen, wenn man auch die potentiell Guten, den wertvollen Rest nämlich, mit in den Tod reißt.
Klaus Waßermann
K. Waßermann
Gänseliesel
Auf der Höhe von Rodenkirchen gleich neben der Autobahn junge Gänse, frisch eingekauft, anfangs noch gelbgefiedert. Mein Schwager hält sie, weil sie zunächst äußerst schreckhaft sind, einige Wochen in einer dunklen Scheune gefangen, bevor er sie auf die Wiese läßt. Dieser Anblick, weiße Wolke Morituri, markiert in jedem Jahr das Ende der Sommerferien. Es beginnt die Zeit der Weihnachtsgans, eine tragische Periode mit einem voraussehbar blutigen Ende.
Spätnachmittags liegen sie satt unter den Obstbäumen, die Schnäbel hoch im Wind, vorwitzig, neugierig, vollkommen unbeschwert. Die Wiese haben sie schon kahlgefressen und ruhen auf einem schmutziggrauen Teppich aus bloßer Erde, Exkrementen und ausgerissenen Federn. Sie wachsen zusehends von Tag zu Tag, sie bilden aufgeregte Grüppchen. Manchmal langweilen sie sich, manchmal recken sie wie alarmiert die Hälse. Manchmal wackeln sie bloß mit ihren Hintern. Vielleicht ist das Lebensfreude. Konrad Lorenz wüßte Rat. Ich gebe ihnen noch einen, zwei Monate.
Wer City of God gesehen hat, weiß, dass Truthähne vorausschauend furchtsam sein und – sagen wir mal – antizipierend handeln können, keineswegs so panisch kopflos, wie ihr Ruf will. Dieser eine, Held der Szene und Sympathieträger, wird auf dem Wochenmarkt Zeuge der Dekapitation und Rupfung eines Gefährten. Er flieht, nachdem er seine Fußfessel abgeschüttelt hat, durch die engen Gassen der Bidonville, dicht hinter sich das Marktweibergeschrei und das Getrappel pistolenschwingender Kinder. Es gelingt ihm sogar, den Rädern eines Polizeifahrzeugs auszuweichen. Und er überläßt die Straße den jugendlichen Gangsterbanden zum wechselseitigen Abschlachten. Er bleibt der Beobachter, das heißt: der Klügere.
Schweine besitzen sie, australische Schafe wohl auch: diese Verhängnisahnung, die selbstmörderische Todesangst, die ihr Fleisch ungenießbar macht. Die einen sterben unangekündigt auf der Fahrt zum Schlachthof, die anderen vor der arabischen Küste.
Ach Gott, aber die Gänse: naiv und wohlschmeckend. Wie sie über die Ungezogenheit der Metzger schimpfen! Noch wenn ihre Hälse auf dem feuchten Block ausgestreckt sind, schlagen sie empört mit den Flügeln und schnattern lauthals über diese Flegel! Dass sie Teil einer kommerziellen Freßstrategie sind, perspektivisch also nicht die sagenhaften kapitolinischen Wächter, auch nicht die Krone der Schöpfung, sondern bloß fette Braten, das kapieren sie einfach nicht. Und der Schmerz – nein, kein Schmerz, lediglich Ärger –, der den Axthieb nicht überdauert, kann als Grundierung niemals ins genetische Material der nächstfolgenden Generation eintauchen. Denn sie kommen als Küken und enden als solche: ohne Nachkommen. Man verhindert geschichtliche Erfahrung durch Abschaffung des Gedächtnisses. Vielleicht bewahrt uns das vor ihrer späten Rache.
Möwen sind da offenbar anders: „ ...how many million years of memory were stored in those little brains, behind the stabbing beaks, the piercing eyes, now giving them the instinct to destroy mankind with all the deft precision of machines“.
Hasenherz
Nachdem ich die verspätete Wespe (es ist immerhin Ende Oktober), die über dem Schokoladenparfait ihre Runden dreht, mit dem Küchenhandtuch gegen die Scheibe gedrängt und zerquetscht habe, werfe ich sie verächtlich auf den Balkon. Dort liegt sie still zusammengekrümmt, das heißt regungslos. Streckte sie sich nun mit einem Mal und erhöbe sie sich, nein nein, erprobte ihre durchsichtigen Flügel und ließe sie bedrohlich schwirren? Richtete sich auf und stürzte sich auf den Türspalt, den ich offenlasse? Auf mich? Und ich stürbe vor Angst oder Scham?
Darf man sagen, dass die Beziehungen zwischen den Gattungen auf Gewalt beruhen?
Der Hund, sagt meine Freundin Gertrud, der Hund ist ein prinzipiell zutiefst beleidigtes Wesen. Auf einigen Nordseeinseln sind Autos verpönt. Man läßt sie auf dem Festland zurück. Statt dessen gibt es Fuhrwerke, die von alten, müden Haflingern gezogen werden. Der auf den Straßen verdampfende Pferdeapfelhaufen hat dort Kultstatus. Niemand beeilt sich, ihn wegzuschaffen. Offenbar markiert er den dort herrschenden dieselbenzinfreien Naturzustand, einen Garanten besseren Lebens. Aber die Hunde! Ihnen gegenüber herrscht unerbittliche Strenge. Es gibt dort diese Schaufel-und-Beutel-Spender, grüngestrichene Automaten, denen man nach Einwurf von 50 Cent eine sauber gefaltete Plastiktüte und ein Schäufelchen entnehmen kann. Man pfeift den Hund herbei, wenn er nicht ohnehin noch an seinem Kot schnüffelt, und schiebt unter dem Blick seiner wäßrigen Augen den Unrat vorwurfsvoll in die Tüte. In Norderney findet man inmitten der Grünstreifen über den Strandpromenaden kleine, durch Holzpfosten oder gar einen winzigen Jägerzaun (in Bleistiftgröße) abgetrennte Gevierte. Dorthin wird das Tier geschleift, gezogen und gezerrt, sobald es Anstalten macht, irgendwo außerhalb das Bein zu heben oder sich hinzuhocken. Es bedarf also hier schon des feinen Gespürs für den imminenten Toilettendrang. Diese Sensibilität ist dort ebenso verbreitet wie der Abscheu vor grünem Moosbewuchs in den Ritzen zwischen den Steinplatten auf den Gehsteigen. Immer wieder trifft man Einheimische, die voll Ingrimm die wuchernde Flora mit der Zahnbürste eliminieren: emsig und im Schweiße ihres Angesichts. Aber man muß das mal erlebt haben, wie dieser peinlich berührte Hundebesitzer das jammervolle Tier wütend ins Hundeklo zerrt, wie der Hund auf seinem Hintern rutschend oder auf drei Beinen humpelnd mit niedergeschlagenem Blick das rettende Areal zu erreichen gezwungen wird! Die Badegäste verfolgen es mit selbstzufriedener Billigung. Genau das meinte meine Freundin: der Hund ist ein zutiefst gedemütigtes Wesen. Aber seine Unterwerfungsbereitschaft ist schier grenzenlos, oder nicht?
Home-killed meat
Auf den Tafelgemälden im Dresdner Zwinger Fleischpastetchen neben umgestürzten Rotweingläsern, deren Inhalt sich mit Tierblut mischt; an ihren Läufen aufgehängte Rehkadaver, frisch tropfendes Wildbret; Tauben in Rückenlage mit wehrlos gespreizten Flügeln. Fasane, artischockenbekränzte Schweinsköpfe, die Mäuler voller Granatäpfel. Mägde servieren am Bildrand, Domestiken, Mundschenke, Marketenderinnen, Fleischzerteilerinnen: füllige, dienstbeflissene Frauengestalten. Natürlich hockt immer auch ein Genießer da, ein vergnügter Dickwanst, sangeslustig. Vor lauter Wonne ist ihm die Perücke in die Stirn gerutscht.
Reste dieser vergangenen Opulenz finden sich auf neuzeitlichen Speisekarten wieder: Frikassiertes Stubenküken an Aprikosenscheiben: Offenbar ist es von speziellem ästhetischen Reiz, die gemütvolle Konnotation von häuslichem Frieden und Unschuld absichtlich zu zerstören. Man entledigt sich ihrer mit einer fast zynischen Behaglichkeit: Home-killed meat. Eßkultur, Barabarei in kultureller Verkleidung.
Ich bin weit davon entfernt, vegetarisches Sendungsbewußtsein zu parodieren. Aber, nun ja, manchmal verfolgen mich eben gewisse Ahnungen hartnäckigst. Francis Bacon hat auf einigen seine Bilder den Leidensweg des Menschen zum Schlachtvieh festgehalten [1]. Vielleicht tauchen wir so in Tierträumen auf? Wir, ein ausgeweideter Torso, der zum Trocknen an ein Holzgerüst genagelt wird und mit Essig beträufelt?
Bauern (Jupp sagt: die Bauren) schmunzeln über solch verzärtelten Feinsinn. Ihnen ist das alles Nutztier. Milch, Fett, Fell, Wolle, Fleisch: das Verwertungsverhältnis ist klar. Gut, sie haben schon mal gern den Schweinestall unterm Schlafzimmer, um die Bodenheizung zu sparen. Oder es empfing einen, trat man dort, wo ich herkomme, in die Tenne, der einschläfernde Brodem aus den seitlich aufgereihten Rinderverschlägen. Damals, in den kalten Wintern, war das von Vorteil. Aber all das konstituierte noch keine persönliche Beziehung: die Distanz blieb unüberwindbar. Auch wenn die Kühe Stine oder Emma hießen – hatte man sie doch oft eigenhändig mit dem Strick aus ihrer Mutter herausgezogen – selbst dann lag der Schlachttermin fest.
Kuscheltier und Aasfresser
Das Domestizieren macht sie scheinbar gefügig, und nur für eine gewisse Zeit. Ans Haus gewöhnen ist aber als Dressur ein Akt der Gewalt. Kaum verwunderlich, dass der Tiger, um seine Ehre zu retten, dem Dompteur bei Gelegenheit den Kopf abbeißt („Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei“). Man hält sich in ihrer Nähe auf und läßt sie gewähren. Oder man bemüht sich, ihnen die zehn Gebote beizubringen und reagiert enttäuscht, wenn der Reiher weiterhin ungerührt die Schlange frißt. Oder man tötet sie – wie Lennie – aus Zuneigung: „...and I pinched their heads a little and then they was dead – because they was so little“.
Moses Herzog „wischte zuweilen Mäusedreck mit dem Ärmel vom Tisch und fragte sich, warum Feldmäuse eine solche Vorliebe für Wachs bezeugten. Sie machten Löcher in die mit Paraffin luftdicht abgeschlossenen eingemachten Früchte und nagten die Geburtstagskerzen bis zu den Dochten durch. Eine Ratte fraß sich in eine Brotpackung und hinterließ ihre Körperform in den aufgeschnittenen Brotscheiben. Herzog aß die andere Hälfte des Brotes mit Marmelade bestrichen. Er konnte auch mit Ratten teilen“ [2]. Dieser peinliche Ausflug in die Verwahrlosung stellt Herzogs narzißtischen Beitrag zu seiner aus den Fugen geratenen Welt dar: Man hat ihn tief gekränkt; also läßt er sich gehen, demonstrativ. Allzugroße – wortwörtliche – Nähe zwischen den Gattungen ist, wie man sieht, recht unbekömmlich. Ob wir nun ohne das ritualisierte tägliche Zähneputzen aus dem Mund stinken wie die Eber, oder ob wir uns mit den Essensüberbleibseln von Kellerratten begnügen, es ist Selbstaufgabe. Oder ist dieses Urteil nur ein Spiegel der eigenen neurotischen Berührungsangst?
Ulrich Schachts mit toskanischen Elementen (Maler, Wein, Tomaten, Apéritif) gewürzte nordeuropäische Beschaulichkeit, sein idyllischer Landbesitz, wird durch die Anwesenheit eines Rehs veredelt. Wer hätte gedacht, daß in solchen Texten noch Rehe auftreten, sozusagen motivbildend, als allegorische Figuren (Tugend, Reinheit, Arglosikeit)? Das Tier wird von einem Mähdrescher zerfetzt, sein Kadaver von aasfressenden Vögeln bestürmt:
„Als ich ... mich in den Fahrradsattel schwang und auf dem rissigen Asphaltweg Richtung Dorf losfuhr, stoben, nur wenige Meter von unserem Hof entfernt, Dutzende Vögel mit kräftigen Schnäbeln auf. Auch flog das Gabelweihenpärchen davon....“. Er ist enttäuscht, ganz offensichtlich. Von den Gabelweihen hätte er diese, ja, brutale Nahrungsbeschaffung am wenigsten erwartet. Dann sieht er hinter dem Glasfenster einer Scheune „...in höchster Panik“ eine Elster flattern. Sie ist gefangen und „mit Sicherheit verloren“. „Ich hätte das Fenster einwerfen müssen, um sie zu retten“, räsoniert er [3]. Warum hat er es nicht getan? Was hindert diesen quietistischen Biedermann, einen in die Enge getriebenen Vogel zu befreien? Offenbar dies, dass seine gefräßigen Kumpane draußen sich schamlos auf ihr Opfer stürzen. Zur Strafe also. Müssen sich Tiere an unser Sittengesetz halten? Oder ist das nur eine überspannt naive anthropomorphisierende Projektion, um Nähe wenigstens symbolisch zu retten? Als könnten wir uns Gattungsdistanz nicht leisten, oder sie nicht ertragen: Sie müssen so sein wie wir. Und wir töten sie, weil sie es nicht wollen?
Gattungskriege
Nat Hocken hält sie für blöd: „He knew them of old, the herring gulls. They had no brains“. Das stimmt nicht. Einmal – in Cornwall, ich glaube, es war St.Yves – hat einer dieser gierigen Vögel, eine Silbermöwe, zur großen Erheiterung der Badegäste meinem Ältesten in einem gewagten Sturzflug den neuerworbenen Hamburger aus der Faust gerissen. „They knew what they were doing“.
Aber, nicht wahr, sie machen einem Angst mit ihren kalten, erbarmungslosen, stechenden Augen. Fliegende Muränen, drauf und dran, ihre Opfer zu versteinern. Einstweilen betteln sie, während wir auf die Fähre warten. Das jammervolle, eselsartig exasperierte Wehgeschrei, das Röcheln und Wimmern, das sie, untermalt von den Piepstönen der sie begleitenden graubraunen Jungen, bis zum Beinahe-Ersticken treiben – sie wringen sich buchstäblich aus in theatralischer Verzweiflung – ist entnervend. Anfangs dauern sie einen wie Obdachlose. Der letzte Hilfeschrei, den wir nicht hören wollten? Dabei geht es doch nur um ein paar Essensreste. Nahrung könnten sie sich leicht anderswo beschaffen, Flug- und Tauchkünstler, die sie sind. Auf dem Boden unbehende und lahm wie die Albatrosse („Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule! / Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid! “) watscheln sie träge unten zwischen den Automobilen und reißen die Schnäbel auf, dass man ihr Rachenfleisch sieht. Aber schon jetzt wird klar, sie sind ohne Furcht, man könnte meinen: ohne Respekt. Wie sie erst im allerletzten Augenblick ungehalten beiseite stolzieren, diese Herrschaften! Kein hysterisches Aufflattern, kein ängstliches Wegducken bei unserem bloßen Anblick, oder dass sie etwa eilends mit gestrecktem Hals im Gebüsch verschwänden wie das übrige Federvieh.
In Daphne du Mauriers / Hitchcocks Weltuntergangsszenario übernehmen sie die Macht. Stumm rotten sie sich zusammen und kauern bedrohlich auf den Telefondrähten. Zuerst ist es, aus den verbarrikadierten Häusern wahrgenommen, nur ein seidiges Rascheln, dann ein Schwirren und Flattern, dann ein ohrenbetäubendes Rauschen, ein Scharren, Klopfen, Kratzen, Zerren. Sie rächen sich in kalter, irgendwie desinteressierter Wut. Wofür? Keine Almosen mehr, keine Nachsicht. Als Kinder haben wir sie auf der Schiffstour zu den Inseln noch mit Brot und Kuchen gefüttert, während sie wie ein Schweif dem Kielwasser folgten. Vielleicht haben wir sie ja verwöhnt; oder sie haben sich nur geholt, was ihnen zustand.
Aber warum Silbermöwen? Warum keine alte, appenzellerisch äugende Bergdohle? Oder nicht zum Beispiel Spatzen oder Auerhähne, Lerchen, Sittiche oder Zaunkönige? Je singvogelmäßig harmloser sie scheinen, umso effektvoller wäre ihre Abkehr von der Friedfertigkeit, der Wandel zur Radikalität, zu inszenieren. Bei Daphne du Maurier sind diese es in der Tat, die die Vorhut bilden, die Selbstmordabteilung, die „death-and-glory boys“. Sie dringen in Horden in die Häuser ein. Hacken und stechen, brechen sich beim Sturzflug den Hals und liegen dann dort mit blutigen Schnäbeln auf den Leichenhaufen im Kinderzimmer.
„Since 1945, it’s the atom bomb that has represented the ultimate threat to mankind, so it’s rather disconcerting to suggest that the end of the world might be brought about by thousands of birds....“ [4]. Hitchcock ist natürlich nicht im Mindesten am moralischen oder politischen Aspekt seiner ernüchternden Endzeitvision interessiert. Das findet Truffauts Billigung. Aber Theweleit berichtet ausführlich, wie Hitchcock den Sturzflug seiner angreifenden Möwen dem Nazi-Bomberangriff auf London nachgebildet hat [5]. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Vögel sich rächen. Mag sein, stellvertretend für die Demütigung einer lebenslangen Gefangenschaft im Singvogelkäfig. Sie hätten hinreichend Gründe aufzubegehren. Dann wäre ihre ekstatische Bestialität – diese stumme, verbissene, systematische Mordlust, diese hingebungsvolle Selbstinstrumentalisierung bis zum Selbstopfer – frei nach Frantz Fanon [6] die reinigende Gewalt, deren es bedarf, um die äußere und innere Unterdrückung abzuwerfen. Verflogen sind jene tirilierende Sorglosigkeit und die lautstarken Scharmützel untereinander.
Klar wird jetzt auch, dass, wenn sie dort wehleidig um Brotkrumen betteln, sie den Bittsteller nur spielen. Genauer: sie persiflieren, sie verhöhnen ihn. Ihre maßlose Übertreibung von Unterwürfigkeitsgebärden verulkt das Produkt der Zähmung – das brave Tier – und uns, die wir die naive Projektion unserer eigenen Benimm-Dich-Regeln gerührt und etwas ungeduldig zur Kenntnis nehmen. Dies ist die List der Verachtung.
„J’irai cracher sur vos tombes“
Gewaltausübung ist unter Bedingungen lebensgeschichtlich vorangehender Vernachlässigung, Ohnmacht und Unterdrückung identitätsstiftend oder zumindest doch -stabilisierend [7]. Die kathartische Erfahrung der inneren und äußeren Befreiung vom Quälgeist und Kolonisator durch Terror hat bereits Fanon als Voraussetzung einer eigenen selbstbewußten (nationalen) Identität festgehalten: mit der Vernichtung des Täters wird die Opferrolle aufgehoben.
Als man in Algerien und Angola die Europäer öffentlich massakrierte, schrieb Sartre im Vorwort zu Fanons antikolonialistischem Manifest, die „uneingestandene Wut und die Mordlust“ der unterdrückten Eingeborenen werde „zwar von unserer Moral mißbilligt“, sei aber „gerade das letzte Residuum ihrer Menschlichkeit.“
„Keine Sanftmut kann die Auswirkungen der Gewalt (i.e. der Kolonisatoren, KW) auslöschen, nur die Gewalt selbst kann sie tilgen. Und der Kolonisierte heilt sich von der kolonialen Neurose, indem er den Kolonialherren mit Waffengewalt davonjagt. Wenn seine Wut ausbricht, findet er sein verlorenes Selbstverständnis wieder..... Von weitem halten wir seinen Krieg für den Triumph der Barbarei. Aber er bewirkt durch sich selbst die fortschreitende Emanzipation des Kämpfers und vernichtet in ihm ... Schritt für Schritt die koloniale Finsternis... Man bleibt entweder terrorisiert oder wird selbst terroristisch. Denn in der ersten Zeit des Aufstands muß getötet werden: einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch“ [8].
Die äußerste Gewalt, das Selbstmordattentat, hat ähnliche Wurzeln: Identitäts- und – strategisch von den Veranstaltern her gesehen – Loyalitätssicherung. Denn die Verehrung der Märtyrerikone gewährleistet über das Rachemotiv die Verewigung der Gewalt. „Eine Person (wählt) insbesondere in einer von Unterdrückung und Erniedrigung gekennzeichneten Situation den Selbstmord ..., um ihren höchsten Vermögenswert – die Identität – zu erhalten. Das Weiterleben würde hingegen dieses Gut unwiderruflich zerstören. Der Tod wird ... zur letzten Möglichkeit, eine mit der religiösen Utopie konforme Subjektivität zu realisieren“ [9]. Nur, die Kollateralschäden, die islamischen Opfer solcher Gewaltexzesse, werden neuerdings zu groß und zu zahlreich, um dieser Interpretation noch folgen zu können. Eher scheint es die Selbstvernichtung aus Überdruß und Verzweiflung zu sein und die ausgesprochene Gleichgültigkeit gegenüber ideologischen Motiven wie dem der Rettung der Welt vor dem Bösen, wenn man auch die potentiell Guten, den wertvollen Rest nämlich, mit in den Tod reißt.
Klaus Waßermann
Abstract
Die palliative Thoraxchirurgie hat trotz vielfältiger nichtoperativer Therapiemodalitäten noch einen Platz in der Behandlung fortgeschrittener Tumore der Thoraxorgane. Die Indikation für palliative Eingriffe ist mit besonderer Sorgfalt und Umsicht zu stellen und stellt immer eine individuelle Einzelfallentscheidung dar. Die Abgrenzung gegenüber Operationsverfahren mit kurativer Intention einerseits, aber auch die Einschätzung der Chancen und Risiken im Vergleich zu anderen interventionellen bzw. konservativen Behandlungsstrategien erfordert besondere ärztliche und chirurgische Expertise.
K.T.E. Beckurts
Klinik und Poliklinik für Chirurgie, Universität zu Köln Die palliative Thoraxchirurgie hat trotz vielfältiger nichtoperativer Therapiemodalitäten noch einen Platz in der Behandlung fortgeschrittener Tumore der Thoraxorgane. Die Indikation für palliative Eingriffe ist mit besonderer Sorgfalt und Umsicht zu stellen und stellt immer eine individuelle Einzelfallentscheidung dar. Die Abgrenzung gegenüber Operationsverfahren mit kurativer Intention einerseits, aber auch die Einschätzung der Chancen und Risiken im Vergleich zu anderen interventionellen bzw. konservativen Behandlungsstrategien erfordert besondere ärztliche und chirurgische Expertise.
Übersichten
Schmerztherapie bei Malignomen der oberen und unteren Atemwege und des Ösophagus
L. Radbruch und F. Elsner
590
68$
Abstract
Schmerzen sind eines der häufigsten und für Tumorpatienten häufigsten Symptome. Eine differenzierte Schmerzdiagnose erleichtert die Therapieplanung. Die Anwendung der einfachen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (orale und regelmässige Anwendung nach dem 3-Stufenplan) führt bei der Mehrzahl der Patienten zu einer ausreichenden Schmerzlinderung. Bei starken Schmerzen werden Morphin oder ähnliche Opioide, eventuell kombiniert mit Nichtopioid-Analgetika, Koanalgetika und weiteren Begleitmedikamenten zur Symptomkontrolle eingesetzt. Neue Applikationsformen, z.B. die transdermale Anwendung von Fentanyl und Buprenorphin, ermöglichen eine nichtinvasive Therapie auch bei Patienten mit Schluckstörungen. Wenn dies auch von vielen Ärzten befürchtet wird, beeinträchtigen die Opioide bei sachgerechter Anwendung die Atemfunktion nicht. Opioide können sogar sinnvoll zur Linderung von Luftnot eingesetzt werden, da sie übermässige Atemarbeit verringern und damit die Sauerstoffbilanz verbessern und das subjektive Gefühl von Luftnot reduzieren. Ängste vor Nebenwirkungen und Komplikationen sind immer noch eine der wesentlichen Barrieren bei Ärzten, Patienten und Angehörigen, die eine effektive Schmerztherapie verhindern. Die Kommunikation mit dem Patienten und ein ganzheitlicher Ansatz mit der Bereitschaft, auch psychische, soziale und spirituelle Anteile am Schmerzerleben zu berücksichtigen, sind wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg der Therapie.
L. Radbruch und F. Elsner
Klinik für Palliativmedizin, Universitätsklinikum Aachen Schmerzen sind eines der häufigsten und für Tumorpatienten häufigsten Symptome. Eine differenzierte Schmerzdiagnose erleichtert die Therapieplanung. Die Anwendung der einfachen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (orale und regelmässige Anwendung nach dem 3-Stufenplan) führt bei der Mehrzahl der Patienten zu einer ausreichenden Schmerzlinderung. Bei starken Schmerzen werden Morphin oder ähnliche Opioide, eventuell kombiniert mit Nichtopioid-Analgetika, Koanalgetika und weiteren Begleitmedikamenten zur Symptomkontrolle eingesetzt. Neue Applikationsformen, z.B. die transdermale Anwendung von Fentanyl und Buprenorphin, ermöglichen eine nichtinvasive Therapie auch bei Patienten mit Schluckstörungen. Wenn dies auch von vielen Ärzten befürchtet wird, beeinträchtigen die Opioide bei sachgerechter Anwendung die Atemfunktion nicht. Opioide können sogar sinnvoll zur Linderung von Luftnot eingesetzt werden, da sie übermässige Atemarbeit verringern und damit die Sauerstoffbilanz verbessern und das subjektive Gefühl von Luftnot reduzieren. Ängste vor Nebenwirkungen und Komplikationen sind immer noch eine der wesentlichen Barrieren bei Ärzten, Patienten und Angehörigen, die eine effektive Schmerztherapie verhindern. Die Kommunikation mit dem Patienten und ein ganzheitlicher Ansatz mit der Bereitschaft, auch psychische, soziale und spirituelle Anteile am Schmerzerleben zu berücksichtigen, sind wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg der Therapie.
Abstract
Verschiedene spiroergometrische Parameter können unter Gesichtspunkten der Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung als Alternative zur etablierten Laktatdiagnostik eingesetzt werden. Neben der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) handelt es sich um die Ventilatorische Schwelle (VT) sowie den Respiratorischen Kompensationspunkt (RCP). Die beiden submaximalen Parameter VT und RCP entsprechen etwa der aeroben und anaeroben Laktat“schwelle“ und markieren relevante metabolische Umschlagspunkte. Anhand dieser Indikatoren kann eine Bewertung der aktuellen Ausdauerleistungsfähigkeit vorgenommen werden, gleichzeitig die Vorgabe adäquater Trainingsintensitäten. In der vorliegenden Übersichtsarbeit werden sowohl relevante methodische Aspekte (Belastungsprotokoll, graphische Auswertung etc.) angesprochen als auch Hinweise zur Analyse und trainingsbezogenen Verwertung der erhaltenen Daten gegeben. Darüber hinaus wird ein anwendungsorientierter Vergleich zwischen maximalen und submaximalen spiroergometrischen Parametern vorgenommen: Während die VO2max eine eher orientierende Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit zulässt und für kurzfristige Veränderungen im Längsschnitt nicht sensitiv genug ist, liegt die Stärke submaximaler Kennwerte in ihrer weitgehenden Unabhängigkeit von Ausbelastung sowie der Möglichkeit präzise abgeleiteter Trainingsvorgaben.
T. Meyer und W. Kindermann
Institut für Sport- und Präventivmedizin, Universität des Saarlandes, Saarbrücken Verschiedene spiroergometrische Parameter können unter Gesichtspunkten der Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung als Alternative zur etablierten Laktatdiagnostik eingesetzt werden. Neben der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) handelt es sich um die Ventilatorische Schwelle (VT) sowie den Respiratorischen Kompensationspunkt (RCP). Die beiden submaximalen Parameter VT und RCP entsprechen etwa der aeroben und anaeroben Laktat“schwelle“ und markieren relevante metabolische Umschlagspunkte. Anhand dieser Indikatoren kann eine Bewertung der aktuellen Ausdauerleistungsfähigkeit vorgenommen werden, gleichzeitig die Vorgabe adäquater Trainingsintensitäten. In der vorliegenden Übersichtsarbeit werden sowohl relevante methodische Aspekte (Belastungsprotokoll, graphische Auswertung etc.) angesprochen als auch Hinweise zur Analyse und trainingsbezogenen Verwertung der erhaltenen Daten gegeben. Darüber hinaus wird ein anwendungsorientierter Vergleich zwischen maximalen und submaximalen spiroergometrischen Parametern vorgenommen: Während die VO2max eine eher orientierende Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit zulässt und für kurzfristige Veränderungen im Längsschnitt nicht sensitiv genug ist, liegt die Stärke submaximaler Kennwerte in ihrer weitgehenden Unabhängigkeit von Ausbelastung sowie der Möglichkeit präzise abgeleiteter Trainingsvorgaben.




